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Willst du mit mir spazieren gehen?

Ein russischer Sommer: Ein Monat in Sankt Petersburg, Teil III
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Innerhalb eines Monats erlebt unsere Autorin so einige kuriose Geschichten. Inzwischen weiß sie, dass es Dinge gibt, die nicht in Deutschland passieren, Dinge, die nur in Russland vorkommen. Heute: Witzig ist es immer im größten Land der Erde.

1. Dinge, die nur in Russland passieren
Die Währung, der russische Rubel, kann einen als Ausländer schon mal wahnsinnig machen. Der größte Schein ist der Tausender, das entspricht so etwa 25 Euro (es gibt zwar noch einen größeren Schein, – so wurde mir zumindest gesagt – aber der wird fast nie rausgegeben). Wenn man also 300 Euro wechselt, hat man schnell mal so ein paar Tausender. Das Problem: Keiner kann darauf rausgeben, was ja auch nicht verwunderlich ist, wenn die Falsche Wasser 21 Ruble kostet. Es passiert schnell in Russland, dass man in ein paar Geschäfte muss, bis man seine Flasche Wasser kaufen „darf”. Oder: die Verkäuferin gibt dir zwei Stückchen Schokolade, weil sie keine zwanzig Rubel Rückgeld hat.
2. Dinge, die man nur in Russland sagt
Meine deutschen Freunde sagen, dass Russisch so hart klingt und alles klinge, wie eine Beleidigung und ziemlich böse. Diese Meinung kann ich mit ihnen nicht teilen: in vielen Fällen ist die russische Aussprache viel weicher als die deutsche und ich könnte den Russen sowieso stundenlang zuhören, selbst, wenn ich kein Wort verstehen würde. Und wenn man auch noch versteht, was sie sagen und vor allem wie sie alles sagen, dann weiß man, dass Russisch eine unglaublich poetische, romantische und niedliche Sprache ist.
Die Russen verniedlichen generell jeden und alles. Der Fluss wird zum Flüsschen, der Haferbrei zum Haferbreichen oder ein Tellerchen vom Süppchen. Selbst für das Wort Mädchen gibt es eine Verniedlichungsform. Und man sollte sich als erwachsene Frau auf jeden Fall darauf gefasst machen, dewotschka gerufen zu werden. Meine Gastmama nannte mich zum Beispiel ständig moja choroschoja dewotschka, was so viel heißt wie mein gutes Mädchen.
3. Dinge, die kein Russe tun würde
Ich trinke in Deutschland fast nur Leitungswasser. Das macht hier niemand. Eines Abends als ich mir die Hände waschen wollte und eine braune Brühe aus der Leitung kam, wusste ich auch wieso.

julia borschtsch
4. Andere Dinge, die auch noch ziemlich russisch sind
Viel Essen. Das russische Essen ist deftig und fettig. Der Ölfilm auf der Suppe ist normal, genauso wie, dass zu ziemlich allem Schmand gegessen wird. Üblicherweise wird der riesen Topf Borschtsch am Anfang der Woche gekocht und reicht für die ganze Woche. Zu wenig gibt es sowieso nie. Meine russische Мama stopfte mich mit Essen voll, fast schlimmer als meine eigene Oma.
Eines Abends komme ich nach Hause, hatte schon im Cafe gegessen, und sie hatte Bliny gebacken. Bliny sind russische Pfannkuchen und ich liebe sie über alles. Also esse ich ein paar und bin schon längst satt. Meine Gastmutter meint aber, dass ich „so wenig” gegessen haben und gibt mir noch einen Stoß Pfannkuchen. Zum Tee serviert sie mir dann natürlich noch eine Sahnetorte. Ich sage, dass ich satt bin und sie sagt „nur probieren”. Also „probiere” ich ein riesen Stück.

Viel Tee. Russen trinken Tee, ständig und immer. Und auch ziemlich schnell, wenn ich drei Schlucke von der heißen Brühe genommen habe, hat mein russischer Freund schon die halbe Tasse getrunken. Aber, man gewöhnt sich daran, nach zwei Wochen und bei täglichem Verschlafen habe ich gelernt den Tee herunterzuschlingen wie es nur wahre Russen können. Guter und frisch editierenaufgebrühter Kaffee ist dagegen immer noch in Russland schwer zu finden.
brautpaar
Viele Blumen und Babuschki. Ein schöner Blumenstrauß ist ein sehr beliebtes Geschenk in Russland. Im Blumenladen kann man den jedoch kaum bezahlen. Bei den Babuschki (Omas), die vor jeder Metro stehen, bekommt man aber schon einen schönen Strauß für fünf Euro. Auch verkaufen viele Babuschki Essen von der Datscha, das meistens viel besser schmeckt als aus dem Supermarkt.
Genauso wie ich jeden Tag auf dem Weg zur Metro an den Omas vorbei laufe, vergeht kein Tag, an dem ich nicht einen Jungen sehe, der mit einer Rose in der Hand vor der Metro auf sein Mädchen wartet. Allgemein scheinen die Russen sehr romantisch und immer unglaublich verliebt zu sein. Ständig und überall sieht man turtelnde Pärchen.
Und wie viele Brautpaare ich gesehen habe, kann ich auch nicht mehr sagen. Geheiratet wird hier sehr jung und – so habe ich zumindest den Eindruck – wesentlich häufiger als in Deutschland. Dabei ist es Tradition am Hochzeitstag an einen berühmten öffentlichen Platz der Stadt (zum Beispiel Peterhof oder der Sommergarten) zu gehen und sich fotografieren zu lassen.
Viel Deutsch. Es passiert auch fast jeden Tag, dass man in Russland als junge Frau angesprochen wird. Und ziemlich oft auf Deutsch. Junge Russen fühlen sich ganz besonders unwiderstehlich, wenn sie zu mir das ist phantastisch sagen und annehmen, ich weiß nicht woher es stammt. Es stammt aus dem deutschen Porno und der scheint wohl in Russland recht beliebt zu sein.
Viele Sprüche, viele Männer. Allgemein wird man ständig und immer angemacht.
Und Ausländerinnen fallen natürlich besonders auf. Russische Männer sind im Alltag sehr freundlich, zuvorkommend und echt altmodisch. Sie öffnen Frauen die Tür, halten ihnen die Hand beim Aussteigen, kaufen Blumen, können es nicht mitansehen, wenn ich meine „tausend Kilogramm schwere” Tasche alleine tragen möchte.
piter7Viel spazieren. Guljat’ ist Russisch für spazieren und ist das russische Hobby schlechthin. Russen spazieren gerne und viel. Was in Deutschland vor allem ältere Leute machen, ist hier die Freizeitbeschäftigung der Jugend. Das russische Spazieren ist dabei eine Mischung aus rumhängen, unterhalten, Bier trinken und eben spazieren.
Ich glaube es ergibt sich daraus, dass die meisten jungen Leute nicht gerne in den kleinen Wohnungen sitzen und andere Freizeitbeschäftigungen zu teuer sind, oder schlichtweg nicht vorhanden sind. Meine russischen Freunde fragen mich immer, warum ich nicht spazieren gehe und von einem jungen Russen wird man eher auf einen Spaziergang eingeladen, als auf einen Kaffee.
In Mainz würde ich nicht einfach so spazieren gehen, in Russland aber schon. Vielleicht liegt es daran, dass Sankt Petersburg zu schön ist, um zu Hause zu sitzen. Vielleicht aber auch daran, dass mir die russische Variante besser gefällt. Beim Spazieren entstehen die besten Gespräche und wer könnte der Schönheit des nächtlichen Peterburgs schon widerstehen?
Teil I und II noch nicht gelesen?
(Text: Miriam Gräf / Fotos: Julia Schäfer: 2. Foto; Miriam Gräf: 1.,3. und 4. Foto)



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Über den Autor

Miriam Gräf
Ressortleiterin Weltenbummler

Wenn Miriam nicht gerade durch Russland reist, dann schreibt sie darüber. Ansonsten erzählt sie noch gerne von der großen Liebe oder schreibt Hassreden gegen Schokonikoläuse. Miriam ist freie Journalistin für verschiedene Online Medien, darunter generationanders.com und to4ka-treff. Seit 2013 ist sie Mentee im Mentorenprogramm der Jugenpresse und Jungejournalisten.de

Anzahl der Artikel : 25

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