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Russische Freundschaft

Eine Reise durch die Russische Föderation
kremlback view-Autorin Miriam Gräf reist für eine Woche nach Russland. Auf ihrer Reise begegnen ihr Russische Vorurteile, aber auch lernt sie die Herzlichkeit der Menschen kennen.

Armut. Müll. Kaputte Straßen. Alkoholismus. Eine unwahre Demokratie. Mord an Journalisten. Willkommen im Land, in dem Autos mit einer abgedunkelten Windschutzscheibe mit 100 Sachen durch die Stadt heizen. Wo man den Krankwagen überholt und vergebens einen Mülleimer sucht. Da, wo einem der Dreck an einem windigen Tag ins Gesicht weht. Im Land zwischen Kapitalismus und Kommunismus mit einer kaputten Demokratie, die man so gar nicht benennen darf, wenn man an die wahre Demokratie glaubt. Willkommen im Land der Tradition, des Militärs. Im Land, wo Journalisten auf „mysteriöse“ Weise sterben.
Willkommen in Russland.Es gibt viele Klischees über das russische Volk. Ob nun, das der abstrusen Autofahrten oder das der Säufer. Natürlich begegnen einem zu jeder Tageszeit Betrunkene oder zumindest Leute, die eine heftige Wodkafahne haben. Natürlich ist Russland nicht Deutschland.
Gastfreundschaft. Herzlichkeit. Russisches Essen. Guter Wodka, der so viel kostet wie der billigste Fusel in Deutschland. Und noch mehr Gastfreundschaft, so dass es einem unangenehm wird. Zuvorkommenheit. Humor.
Das ist eben auch Russland.mutter heimatDie andere Seite, das was eben mehr Bedeutung hat. Das, was in Erinnerung bleibt. Auf meiner Reise durch die Russische Föderation halte ich in Moskau, Wolgograd und wieder in Moskau. Es ist meine erste Reise nach Russland, Erwartungen habe ich eigentlich keine, ich freue mich, ohne zu wissen worauf.

In Moskau gelandet, können wir auf dem Weg zum Hostel erst mal den russischen Verkehr betrachten. Russischer Verkehr bedeutet, dass man grundsätzlich mindestens 50 Stundenkilometer zu schnell fährt, dass man da parkt, wo es eben gerade passt, ob nun auf einer Sperrfläche oder einfach so mitten auf der Straße oder eben, dass man aus einer dreispurigen Autobahn eine vierspurige Straße macht.

Fast den ganzen Tag sind wir unterwegs, das ist aber egal, wenn man bei Dunkelheit auf dem roten Platz steht. Wahrscheinlich ist der Kreml das schönste, was ich je gesehen habe. Den Abend verbringen wir bei ein paar Bier und Cocktails in einer kleinen Bar. Bald geht es schon weiter nach Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad. Es ist das eigentliche Ziel unserer Reise, hier lebe ich für einige Tage in einer Gastfamilie. Und hier lerne ich die eigentliche Schönheit Russlands kennen.

Nein, bestimmt ist es nicht die Landschaft, die einen staunen lässt. Die Straßen sind schlecht, die Stadt ist voller Müll und streunender Tiere, nirgends ist es grün, überall nur Steppe und hässliche Häuser.

Sobald ich aber in meiner Gastfamilie bin, zählt das nicht mehr. Am späten Abend treffen wir in Wolgograd ein und als ich in meiner Gastfamilie ankomme, ist es wohl schon weit nach zehn Uhr. Trotzdem wird noch für mich gekocht.

Meine Gastfamilie ist unbeschreiblich nett. Die Eltern sprechen kein Deutsch, kein Englisch. Und ich spreche kein Russisch. Trotzdem versuchen sie sich immer mit mir zu unterhalten. Meine Austauschschülerin, Daniya, spricht gebrochen Englisch. Der erste Abend ist schwierig, danach wird es besser, einfacher, wir werden gute Freunde, Sprachbarrieren zählen da nicht.

Wir besuchen unsere Gastschule und bemerken hier gleich, dass die Gäste aus Deutschland etwas ganz besonderes sind. Wir sehen die deutsche Siedlung Sarepta, die Innenstadt Wolgograds, das Museum zur Stalingrader Schlacht. Und der neunte Mai. Natürlich. Der Tag des Sieges.

An diesem Tag pilgern die meisten der Bürger zum Mamajew-Hügel, auf ihm thront die gigantische Statue „Mutter Heimat“.
Wenn man um den neunten Mai in Russland ist – und dann auch noch in Wolgograd – dann merkt man, wie patriotisch die Russen sind und, dass Traditionen viel zählen. Zumindest bei den älteren Bürgern. Zu den Feierlichkeiten des neunten Mai wird die Stadt geschmückt: überall sind Plakate und Schilder, die „Danke für den Sieg“ sagen. Viele Russen tragen an diesen Tagen die orange-schwarz-gestreiften Bändchen und Russische Militärmützen.

Am Tag des Sieges selbst, regnet es stark. Trotzdem steigen wir und noch viel mehr Russen die 200 Treppenstufen zur Mutter Heimat hinauf. Man sieht ein paar Kriegsveteranen. Aber nicht viele. Sie werden schließlich immer weniger und ein leichter Weg ist es auch nicht, wenn man alt und krank ist.

Im ersten Moment ist es vielleicht komisch als Deutscher an diesem Tag dort zu sein. Man wird auch komisch angeguckt, aber das wird man hier in Wolgograd als Ausländer ohnehin schon. Ich fand es dann aber irgendwie doch gut, an diesem Tag dort zu sein. So kann man signalisieren, dass die Vergangenheit hinter uns ist und, dass man in Zukunft gemeinsam für die Frieden arbeiten kann. Es fühlte sich irgendwie „richtig“ an.
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Den letzten Tag in Russland verbringen wir wieder in Moskau. Abends sind wir wieder in der Bar, dann suchen wir eine Party. Leider vergebens. Am Ende landen wir mit ein paar Russischen Bieren auf einer Parkbank. Die Nächte sind mild, so können wir hier noch bis nachts sitzen und erzählen.
Danach verlagern wir das ins Hostel, wo wir die Reise mit – na klar – ein paar Bechern Wodka ausklingen lassen.

Russland ist anders. Die Straßen sind eben schlecht, es ist dreckig und man sieht viele Besoffene.
Russland ist eben nicht Deutschland. Und Russland ist ärmer. Und wenn man mal dort war, dann weiß man plötzlich, wie gut es einem geht.

Aber nur, weil Russland anders ist – ärmer, dreckiger, schlechter entwickelt – ist es nicht unschön oder ein Ort, an den man nicht reisen will. Nein, ganz im Gegenteil, denn diese Dinge sagen lange nichts über die Menschen aus. Und gerade die machen Russland aus. Meine Gastfamilie gab mir das Gefühl zu Hause zu sein, obwohl ich in einem so ganz anderen Land war, obwohl ich die Sprache nicht sprach und niemanden kannte.

Russland ist eben nicht Deutschland. Und deshalb ist es eben nicht schlimm, wenn die Straßen mal so schlecht sind, dass man im marshrutka – dem Minibus – ständig mit dem Kopf an die Decke knallt. Es ist nicht schlimm, einfach nur anders. Und viel interessanter.

(Text und Fotos: Miriam Gräf)


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Über den Autor

Miriam Gräf
Ressortleiterin Weltenbummler

Wenn Miriam nicht gerade durch Russland reist, dann schreibt sie darüber. Ansonsten erzählt sie noch gerne von der großen Liebe oder schreibt Hassreden gegen Schokonikoläuse. Miriam ist freie Journalistin für verschiedene Online Medien, darunter generationanders.com und to4ka-treff. Seit 2013 ist sie Mentee im Mentorenprogramm der Jugenpresse und Jungejournalisten.de

Anzahl der Artikel : 25

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