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In Frankreich wird ständig gestreikt

Vive la France – Meretes Vorurteile, Folge 2

teaser_madridIn Frankreich protestiert man momentan gegen die geplante Rentenerhörung von 60 auf 62 Jahre. Studentin Merete ist nun seit zwei Monaten in Lyon, es ist zwar nicht die erste Streikwelle, die sie miterlebt, aber wohl die krasseste: Die Uni ist sogar gesperrt. Demnach heute in Meretes Tagebuch: Die Franzosen streiken ständig.

Hubschrauber kreisen im Niedrigflug über der Stadt, bewaffnete Polizisten stehen an jeder Ecke und ausgebrannte Mülltonnen liegen am Straßenrand: Willkommen in Lyon vor der Abstimmung zur geplanten Rentenreform von Präsident Nicolas Sarkozy. Der öffentliche Nahverkehr ist seit einer knappen Woche lahmgelegt, zwischendurch wurden die Mülltonnen tagelang nicht geleert und nur ein Bruchteil der Zugverbindungen innerhalb Frankreichs lief in dieser Woche planmäßig. Seit drei Tagen ist auch meine Universität blockiert, und aus Angst um die Sicherheit wurden alle Vorlesungen abgesagt. Die letzte Veranstaltung endete vorzeitig, weil Jugendliche skandierend durch die Universität zogen und die Polizei alle Ausgänge überwacht hat. Derzeit fühlt man sich in der Stadt eher wie im Nordirland der 1970er als im eigentlich ruhigen westeuropäischen Lyon.

Jeden Tag gibt es zudem neue Demonstrationen – und das alles im Kern deswegen, weil Sarkozy eine Rentenreform angekündigt hat: Das Renteneintrittsalter soll von 60 auf 62 Jahre erhöht werden, und um eine volle Rente zu erhalten, müssen die Arbeitnehmer 41,5 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt haben. Die Altersgrenze, ab der man ungeachtet dessen Zahlungen ohne Abzüge erhält, soll von 60 auf 62 Jahre steigen. In Frankreich, dessen Staatskasse deutliche Löcher aufweist, ist diese Reform dringend notwendig und im europäischen Vergleich sind die Altersgrenzen noch moderat. Im Prinzip sehen das auch die meisten Franzosen ein, und die Proteste gegen die Rentenreform sind zu einem großen Teil Proteste gegen die generelle Politik Sarkozys. Besonders die Jugendarbeitslosigkeit ist ein großes Problem, das sich durch die Wirtschaftskrise noch verschärft hat: Inzwischen sind fast ein Viertel der 16- bis 25-Jährigen ohne Arbeit, und zahlreiche junge Leute mischen sich unter die zumeist friedlich protestierenden Gymnasiasten und nutzen die Unruhen, um sich Kämpfe mit der Polizei zu liefern und Geschäfte zu plündern.
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In den knapp zwei Monaten, die ich nun hier bin, ist das nicht die erste, aber die längste Streikwelle: Ich bin zum vierten Mal gezwungen, ohne Busse und Metro auszukommen (allerdings ist das nun einfacher, da die Uni sowieso geschlossen ist). Grund zur Aufregung ist dieses Chaos jedoch höchstens für die Ausländer, die reibungslosere Abläufe in der Öffentlichkeit gewohnt sind – die Franzosen, die gerade nicht demonstrieren, warten geduldig an der Bushaltestelle, zünden sich eine Zigarette an und sagen: „C’est la vie.“ Das ist auch der Tenor meiner französischen Kommilitonen angesichts der blockierten Uni: Die eine Woche bisher ist anscheinend noch gar nichts, bei der letzten Protestwelle vor zwei Jahren konnten drei Monate keine Vorlesungen stattfinden. Ich bin gespannt – die Herbstferien fangen an und die Abstimmung über das Gesetz geht heute durch den Senat. Egal, wie die ausgeht: Ich bin sicher, dass das noch nicht die letzten Streiks waren, die ich hier miterleben werde. Dazu protestieren die Franzosen einfach zu gern.

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(Text: Merete Elias / Foto: Merete Elias / Foto: Henni16 by jugendfotos.de)


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