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Die Franzosen sprechen nur Französisch

Vive la France – Meretes Vourteile, Folge 3
teaser_madrid_kleinWir wollen keine Fremdsprachenmuffel mehr sein – diese Parole gab Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy vor einem Jahr aus. Ob die Franzosen das genauso sehen, beleuchtet back view-Redakteurin Merete Elias in dieser Folge ihres Tagebuchs aus Lyon.

Jeder Franzose lernt im lycée, dem Äquivalent zum deutschen Gymnasium, mindestens eine Fremdsprache. Dabei können die Schülerinnen und Schüler zumeist zwischen Englisch, Spanisch und Deutsch wählen und, je nach Spezialisierung, noch eine zweite Fremdsprache beginnen. Wenn sie das Baccalaureat, also ihr Abitur, in der Tasche haben, beherrschen sie nach neun Jahren Unterricht zumindest eine Fremdsprache so, dass sie sich in ihr verständigen können.

Soweit die Theorie. Das Vorurteil, dass die Franzosen absolute Fremdsprachenmuffel sind, ist bisher das Klischee mit dem wahrsten Kern, wie der (leider obligatorische) Englischkurs an der Universität deutlich zeigt: Manche meiner Kommilitonen schaffen auf Englisch gerade einmal die Begrüßung. Fange ich an, mit meinem zugegebenermaßen recht guten, aber keineswegs perfekten Englisch zu sprechen, kann mir die Hälfte nicht folgen und geht davon aus, dass ich aus England komme. Erkläre ich dann auf Französisch, dass ich deutsch bin und daher sogar drei Sprachen einigermaßen fließend spreche, ist das Erstaunen groß. Ob das einfach am falschen Lehrkonzept der französischen Schulen liegt oder an generellem Desinteresse? Im Gegensatz zu vielen Deutschen sehen die meisten Franzosen einfach keine Notwendigkeit darin, noch eine weitere Sprache zu beherrschen.

Eine weitere Konsequenz dieses Sprachpatriotismus ist, dass grundsätzlich alle Wörter französisch ausgesprochen werden, ungeachtet ihres eigentlichen Ursprungs. Also: immer schön die letzte Silbe betonen und ein i wie ein deutsches i (anstatt ei) aussprechen, sonst wird man auch nicht verstanden. So habe ich hier Maria Kareh kennengelernt, Jüliah Roberts oder auch das Ipahd, und wenn die Dozenten in der Uni die Namen irgendwelcher Experten gebrauchen, weiß ich erst, um wen es sich handelt, wenn der Name an der Tafel steht. Generell sind die Franzosen sehr protektionistisch, wenn es um ihre Sprache geht: Die académie française wacht über die Grammatik und das Vokabular, und englische Wörter werden, wenn irgendwie möglich, vermieden: Es gibt französische Ausdrücke für Computer (ordinateur) und alles, was damit zu tun hat – bis ich darauf gekommen bin, dass „en ligne“ einfach „online“ heißt, hat es etwas gedauert. Andererseits werden dadurch auch Denglisch-Stilblüten wie das Handy vermieden.

Allerdings gibt es auch Ausnahmen von der Regel: Inzwischen haben einige, vor allem jüngere Franzosen, Zeit im Ausland verbracht. Laut der EU-Kommission waren in den Jahren 2006/2007 über 22.000 französische Studenten mit Hilfe der ERASMUS-Förderung im Auslandssemester, im gleichen Zeitraum waren knapp 24.000 deutsche Studierende unterwegs. Auch deutsch-französische Studiengänge stoßen auf Interesse. Ebenso gibt es Franzosen, die freiwillig noch eine Fremdsprache lernen, dann allerdings häufig Mandarin oder Japanisch.

Im Allgemeinen jedoch ist man gut beraten, sich in Frankreich nicht auf sein Englisch zu verlassen. Das hat auch seine guten Seiten: Man ist gezwungen, sein Französisch auszuprobieren und dadurch zu verbessern. Eine Französin, die einige Zeit in Berlin verbracht hat, um dort Deutsch zu lernen, hatte wirklich Schwierigkeiten, überhaupt Deutsch zu sprechen, weil jeder mit ihr Englisch reden oder sein eigenes Französisch verbessern wollte.

(Text: Merete Elias / Foto: Henni16 by jugendfotos.de)


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