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Mein ganz persönlicher Boykott

Ein Kommentar zu Wintersport

Winterspiele. Wen interessiert das überhaupt? Also außerhalb von Bayern und eventuell noch ein paar verlorenen Seelen? Wenn die Formel 1 Pause macht, der Fußball nicht mehr rollt und auch sonst nicht unbedingt der Bär auf der Straße tanzt, dann schauen die Menschen Skispringen auf dem Sofa.

Damit gehen Stunden ins Land, irgendwann kann man die Weiten schon auf den Millimeter genau abschätzen. Und wer gewinnt dort? Skandinavier, Polen oder Isländer. Vielleicht auch mal ein Österreicher. Alles Länder, die halt zwölf Monate im Jahr in Eiseskälte, oder eben Schnee, leben.Foto: Sofia Björkesjö / jugendfotos.de

Und dann noch Ski-Langlauf, Biathlon und wie sie alle heißen. Die ARD überträgt diese wichtigen Events bis zum Exzess. Samstag oder Sonntag – Katerfrühstück auf der Couch. Was läuft denn so im TV? Schneeeeeee… Die Alternativen sind rar: Senioren-Hallenkick auf Sport1. Die Wahl zwischen Pest und Cholera also. Danke, lieber Winter.

Alle vier Jahre wird der Wahnsinn dann auf die Spitze getrieben. Olympia steht an. Aber nein, nicht mit Usain Bolt und so, sondern Wintersport. Interessant sind dabei vor allem die Begleitumstände. Olympia in Sotschi, da müsste die halbe Welt doch lauthals loslachen, wenn es nicht so traurig wäre. Panzer, Militär und Knüppel – Winterspiele olé olé.

Schluss mit Neutralität
Blöd nur, wenn man dann Leiter des Sportressort ist. Man fühlt sich der Neutralität verpflichtet, so wie die Moderatoren, die jedem Team, jedem Trainer und jedem Spieler immer viel Glück für den Rest der Saison wünschen. Doch irgendwann bricht der Markus Lanz – Hilfe, habe ich das jetzt wirklich geschrieben – in einem durch. Schluss mit Neutralität, Schluss mit objektiver Betrachtung.

Wenn man in einer Großstadt im Herzen Deutschlands groß geworden ist, dann fehlt irgendwie der ganz große Bezug zu Schnee und Ski und allem, was dazu gehört. Eishockey ist da die Ausnahme, da ist immerhin schön viel Action dabei. Eishockey fällt aus dem Rahmen, ist das überhaupt Wintersport? Hat mehr was von Football, voller Glanz und Protz. Und Körper und Prügelei.

Da kommen doch negative Nachrichten wie Putins Kampf um Propaganda und Macht gerade Recht. Man kann ruhigen Gewissens sagen: Nö, also das gucke ich mir nicht an. Mein ganz persönlicher Boykott. Respekt an jeden, der es mit seinem Boykott ernst meint. Ich aber weiß ganz genau: Wenn Fußball-WM in Russland oder Katar ist, dann werde ich es trotzdem schauen. Ist ja immerhin ohne Schnee.

(Text: Jerome Kirschbaum, Foto: Sofia Björkesjö / jugendfotos.de)

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Über den Autor

Jerome Kirschbaum
Ressortleiter Sport

Jerome Kirschbaum schreibt am liebsten über Sport, wenn er denn nicht selbst auf einem Platz steht. Seit Oktober 2010 verdingt sich Jerome als Schreiberling für back view, neben den Leibesübungen widmet er sich sich auch politischen Themen. Im wahren Leben musste Jerome zahlreiche Semester auf Lehramt studieren, um dann schlussendlich doch etwas ganz anderes zu werden.

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