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Mehr Menschlichkeit für die NATO

Der neue Generalsekretär Jens Stoltenberg setzt auf Dialog als Waffe

Unabhängig davon, welche Staatsmänner man trifft, es sind Menschen. Menschen brauchen Aufmerksamkeit, Wärme, Nähe – auch Staatsmänner“; so lautet das Credo von Jens Stoltenberg, dem ehemaligen norwegischen Ministerpräsidenten, der am 1. Oktober neuer Nato-Generalsekretär wird.

Jens Stoltenberg NorwegenDer norwegischen Boulevard-Zeitung „VG“ sagte Stoltenberg: „Man muss sowohl hart und standfest sein, wenn es zählt, aber auch die Begabung haben, Lösungen und Kompromisse zu erarbeiten.“

Im Oktober rief Angela Merkel Stoltenberg an, sie fragte den 55-Jährigen, so sagt er es zumindest, ob er für die Aufgabe bereit stehe. Auch die Amerikaner wollten den smarten Norweger, der weltweit große Anerkennung und Sympathie für sein Krisenmanagement nach dem Amoklauf des rechtsradikalen Anders Breivik vom 22. Juli 2011 erfuhr. 77 Menschen starben, die meisten waren Mitglieder der Jugendorganisation von Stoltenbergs Arbeiterpartei.

Erfahrungen mit Moskau

Doch kann einer wie er, der selbst in Norwegen als konfliktscheu gilt, die Nato führen? Kann einer, der ein Land regierte, das kaum fünf Millionen Einwohner hat und in dem Polizisten unbewaffnet auf Streife gehen, ein Militärbündnis leiten? Jedenfalls hat er Erfahrung im Umgang mit Russland.

Er verhandelte jahrelang mit Moskau über die Grenze in der Barentssee, und obwohl nicht einmal seine Parteimitglieder daran glaubten, stand 2010 ein Kompromiss, der beide Seiten zufrieden stellte. Außenpolitisch war das eine der größten Errungenschaften des Sozialdemokraten. Stoltenberg ist nicht unerfahren was Krieg angeht: Während seiner Amtszeit hatte Norwegen Soldaten in 14 Ländern, darunter Libyen, Syrien, auf der Sinaihalbinsel, Kosovo und Afghanistan. Zwischen seinen Amtszeiten unterstützte Norwegen die USA bei der Irakinvasion 2003.

Einen Hardliner bekommt die Nato dennoch nicht als neuen Führer. Stoltenbergs Stärke ist seine Menschlichkeit, die sich durch seine Laufbahn zieht und die typisch ist für Norwegen. In dem Land, das regelmäßig zum lebenswertesten Land der Welt gewählt wird, gibt es keine großen sozialen Konflikte. Während andere Staaten mit Finanzproblemen dastehen, ist Norwegen reich dank seiner
Ölvorkommen.

Die Bevölkerung ist überdurchschnittlich gebildet, die Arbeitslosenrate liegt bei 3,6 Prozent. Norwegen kennt Minderheitsregierungen, kennt Mehr-Parteien-Koalitionen, Stoltenberg kennt den Kompromiss, er gibt das Gefühl, alle Seiten anzuhören, einen Konsens zu finden.

Über die Herkunft des Norwegers

Der 55-Jährige stammt aus einer politischen Familie. Während sein Urgroßvater aber noch dem norwegischen Arbeitgeberverband vorstand, setzten sich seine Eltern für die Arbeiterpartei ein, sowohl sein Onkel als auch sein Vater Thorvald Stoltenberg waren Außen- und Verteidigungsminister. Stoltenberg besuchte eine Waldorfschule in Oslo, mit 14 trat er der Arbeiterpartei bei. Der junge Stoltenberg protestierte gegen den Vietnam-Krieg, während er Sozialökonomie an der Universität in Oslo studierte.

Auch in der Nato, sagt Stoltenberg, will er auf den Dialog setzen. Es sei eine Militärallianz mit einer glaubwürdigen Verteidigung, „aber wir wollen auch eine Politik, in der man kompromissfähig ist.“ Seine größte Aufgabe wird die Vermittlung zwischen Russland und der Ukraine. Mit Russland hatte die Nato nicht gesprochen, als es um eine mögliche Aufnahme der Ukraine ging. Mit Stoltenberg wird so etwas nicht noch einmal passieren.

(Text: Miriam Keilbach / Foto: Michaela Lücker by jugendfotos.de)

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Über den Autor

Miriam Keilbach
Redakteurin

Miriam war 2007 im Gründungsteam von backview.eu. Sie volontierte beim Weser-Kurier in Bremen und arbeitet seit 2012 als Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau. Ihre Themen: Menschen, Gesellschaft, Soziales, Skandinavien und Sport.

Anzahl der Artikel : 59

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