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Mehr Kooperation für alle

Diskussionsrunde über Christian Felbers „Gemeinwohl-Ökonomie“

Salopp gesagt: Die Fiesen werden bestraft und die Guten belohnt – das wünscht sich Christian Felber, Erfinder der „Gemeinwohl-Ökonomie“. Wie sein Konzept bei Firmen ankommt und wo die Vor- und Nachteile sind, wurde in der Universität des Saarlandes diskutiert.


Der Österreicher Felber kritisiert die Grundwerte der heutigen Wirtschaft. Gewinnstreben und Konkurrenz seien die vorherrschenden Ziele. Dies könne auf lange Sicht nicht zu einer glücklichen Gesellschaft führen. Er ließ die Zuschauer Werte aufzählen, die ihnen persönlich wichtig waren: Liebe, Nähe, Respekt, Empathie.
Die Wirtschaft selbst schmückt sich gern mit Worten wie Leistung, Effizienz, Gewinn, die zunächst positiv klingen mögen. Doch die Zuschauer assoziierten damit rein negative Werte wie Geiz, Egoismus, Unehrlichkeit.

So machte Felber deutlich, warum in einer Gesellschaft mit der heutigen Wirtschaft nicht die zwischenmenschlichen Beziehungen entstehen können, die wir uns wünschen. Denn der Wunsch (Liebe, Nähe, Respekt) steht diametral entgegengesetzt zu den Eigenschaften, die wir glauben, erfüllen zu müssen (Geiz, Egoismus), um im Beruf erfolgreich zu sein.

Felber zeigte Gewinnstreben und Konkurrenz als den einen Leitstern auf, von dem sich Firmen leiten lassen. Nun schuf er einen neuen Leitstern mit den positiven, oben genannten Werten. Würde man Gewinnstreben und Konkurrenz durch das sogenannte „Gemeinwohlstreben“ ersetzen, würde das die Entwicklung der genannten Eigenschaften in der Gesellschaft fördern. Statt Konkurrenz, die Unehrlichkeit, Gier und Geiz fördern würde, schlägt Felber Kooperation vor.

Erfolg sollte nicht mehr nur finanziell definiert werden, denn Geld sage schließlich nichts über die „wahren“ Werte aus. Als Beispiel nannte er den BIP als – zur Zeit – einzigen akzeptierten Indikator des Wohlstands eines Landes, der die Wirklichkeit verzerre. Schließlich bemesse er nicht, wie zufrieden die Menschen seien, wie gesund sie und ihre Familie seien und als wie sicher sie ihren Arbeitsplatz beurteilten.
Für ein positives Beispiel wirft Felber einen Blick nach Asien. Der Kleinstaat Bhutan teile jedes Jahr Fragebögen mit 70 Fragen an jeden Haushalt aus, in denen etwa gefragt wird, ob sie jeden Tag Zeit zum Meditieren haben, Vertrauen zu den Nachbarn und wie sie in die Zukunft blicken. So kann Bhutan eine Art „Gemeinwohl-Index“ erstellen. Die 70 Fragen will Christian Felber seinen Anhängern nicht zumuten, eine „Gemeinwohl-Bilanz“ jedoch will auch er ermitteln.

Schaffung einer Gemeinwohl-Bilanz
So hat er einen Fragebogen erstellt, mit dem jede Firma ihre eigene Gemeinwohl-Bilanz erstellen kann. Die Fragen basieren auf den Werten Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung und Transparenz.
Felbers Zukunftsvision ist, dass jedes Produkt im Supermarkt mit einem Farbcode gekennzeichnet ist (rot, orange oder grün). Dieser Farbcode informiert den Käufer über die Gemeinwohlbilanz des Herstellers. So kann man gezielt Artikel wählen, die gesellschaftsfreundlich produziert wurden.

Das Problem ist: Heute sind Produkte von Unternehmen, die sich an den oben genannten Zielwerten orientieren (z.B. fair trade), teurer als die der gewinnorientierten Konkurrenz und werden daher nur als „Luxusartikel“ gekauft. Um das zu ändern, schlägt Felber vor, die Gemeinwohl-orientierten Unternehmen mit Steuervorteilen, niedrigen Zöllen und günstigen Krediten zu fördern. So würden die Produkte im Endeffekt billiger als die der egoistischen Konkurrenz – es wäre eine win-win-Situation.

Durchgesetzt werden soll das von einem Wirtschafts-Ausschuss, der die zwanzig wichtigsten Werte und Spielregeln festlegt und sie in die Verfassung einfügt. So wäre die Einbindung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft perfekt.

Wie realistisch ist diese Idee?
Dies ist nicht nur ein Traumbild Felbers. In mehr als einem Dutzend Länder haben bereits Firmen ihre Bilanz getestet und sind begeisterte Unterstützer dieser Theorie. Es sind auch „schlechte“ Bilanzen dabei. Doch das sei nur normal, erklärt Felber, denn so wüssten die Firmen, wo sie stehen und könnten sich verbessern. Die Bilanz sei nur eine Hilfe zu mehr Transparenz. Keiner könne auf Anhieb perfekt sein. „Der Wandlungsprozess kann zehn bis fünfzehn Jahre dauern“, so Felber.

Sind Konkurrenz und Gewinnstreben denn „schlechte“ Werte?, wollte später Dr. Claus Leinenbach, Vorstandsmitglied der Sparda-Bank Südwest eG., wissen. Schließlich seien sie der Grund für Innovation und Wachstum. „Alles ist Erziehung“, sei die Essenz der Gemeinwohl-Theorie, der Leinenbach widersprach. Wettbewerb sei im Menschen angelegt, in den Genen, daran könne auch die Erziehung (zur Kooperation) nichts ändern.
„Alles ist im Menschen angelegt“, entgegnete Felber. Die Frage sei nur, welches Handeln man belohne. Und so wolle er menschliches Handeln belohnen statt profitgieriges, wie es heute der Fall sei.

Einschätzungen seitens der Hochschule
Martina Petermann, Vizepräsidentin für Verwaltung und Wirtschaftsförderung der Universität des Saarlandes, sah auch für Universitäten einen Konkurrenzdruck. Es gehe um die besten Köpfe, die besten Forschungsleistungen, die leistungsstärksten Studierende und die höchsten Drittmittel. So ist auch im Uni-Betrieb, der ja primär mit der Bildung einen Beitrag zum Gemeinwohl leistet, der Begriff der Konkurrenz alltäglich geworden.

Möglichkeiten, an der Universität eine Gemeinwohlbilanz zu erstellen, sah sie nicht. „Wissen Sie, wie viele Umfragen ich jeden Morgen in meinem E-Mail-Postfach habe?“, fragte sie die Zuhörer. „Da werde ich sicher nicht auch noch eine Umfrage zur Gemeinwohl-Bilanz verschicken.“
Abgesehen von der Mail-Schwemme müssten die Ergebnisse dann auch noch ausgewertet werden. Dafür seien schlicht keine Kapazitäten da. Einleuchtend und vielversprechend findet Petermann die Idee allerdings schon. Denn auch sie hat bereits miterlebt, dass nicht nur das Gehalt, sondern auch der „Wohlfühlfaktor“ für die Mitarbeiter der Universität entscheidend ist.

So bekam Felber an diesem Abend zwar jede Menge interessierte Aufmerksamkeit, an konkreten Zusagen mangelte es jedoch. Weder die Universität noch die Sparda-Bank wollten ihre Gemeinwohl-Bilanz erstellen. Außerdem wurden wiederholt Zweifel laut, dass die Gemeinwohl-Ökonomie tatsächlich so funktionieren könne, wie Felber sich es vorstelle. Der Ansatz, kapitalistische Marktwirtschaft in eine kooperative Marktwirtschaft umzuwandeln, stieß jedoch auf große Zustimmung.

(Text: Anna Franz)
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Über den Autor

Anna Franz
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