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Mehr denn je geplagt vom „Praktikummer“

Die negativen Seiten des Praktikantendaseins

Hinter jeder erfolgreichen Redaktion steht eine Vielzahl noch besserer Praktikanten. Im Schatten erfolgreicher Redakteure drängen sich unbezahlte aber hoffnungsvolle und angehende Journalisten – ebenso unsichtbar wie unbezahlt. Wie weit darf diese Ausbeutung noch gehen?!

Nicht alles lässt sich in der Schule oder im Hörsaal lernen – das ist sicherlich klar. Und genau aus diesem Grund haben junge Menschen die Möglichkeit über Praktika in die berufliche Praxis hinein zu schnuppern, Grundlagen zu erlernen und sich beruflich zu orientieren. Das ist eine lobenswerte Option, die einige Unternehmen und Vereine anbieten, doch leider hat der Begriff Praktikum heute auch einen sehr bitteren Beigeschmack. Viel zu häufig werden Praktikanten als billige oder unbezahlte Vollzeitarbeitskräfte ausgenutzt und mit unerfüllbaren Versprechungen, wie zum Beispiel der Aussicht auf eine Anstellung, hingehalten.

Ein Praktikum soll dazu dienen, etwas zu lernen und nicht, sich aufgrund von Unterbezahlung vollkommen zu verschulden. Um das zu verhindern, haben verschiedene Institutionen mehrfach versucht, Regelungen zur Definition von Praktikumstätigkeiten festzulegen. Wirklich durchgesetzt hat sich das allerdings bis heute noch nicht. Praktikanten schuften mehr denn je – und das viel zu oft ohne angemessene Gegenleistung. Die Frage dabei bleibt: Wo fängt die Ausnutzung an?!

Solange es Praktikanten gibt, die sich freiwillig versklaven lassen, werden die Chefs dieses Potential auch nutzen. Bedenklich wird das vor allem, da mittlerweile viele Hochschulen und Berufseinstiegsangebote – besonders im Medienbereich – Praktika voraussetzen. So werden sie zum Muss eines aufstrebenden Medienmachers. Doch wer keine finanzielle Unterstützung, zum Beispiel von den Eltern, erfährt, kann sich diesen „Luxus“ – unbezahlt voll zu arbeiten – nicht leisten. Das wiederum stellt die öffentliche Diskussion einer Zwei-Klassen-Gesellschaft in ein ganz neues Licht.

Sollen zukünftig nur noch Kinder wohlhabender Eltern die Möglichkeit erhalten, einen Fuß in die Tür auf dem Weg zum Erfolg zu bekommen? Wie wollen wir eine „Staatsgewalt“ rechtfertigen, die mehr denn je von den „Bessersituierten“ dominiert wird? Wie bleibt dabei eine meinungsfreie und möglichst neutrale Berichterstattung garantiert? Sollte nicht jeder Mensch – unabhängig von dem finanziellen „Backround“ – die Möglichkeit haben, sich den Traum Journalist zu werden, erfüllen  zu können?

Abgesehen von der Ungerechtigkeit, die das Nicht-Bezahlen von mehr oder weniger aufstrebenden Journalisten mit sich bringt, geistern unterschiedliche Studien zu diesem Thema durch die Medien und verhindern so das Entstehen einer eindeutigen öffentlichen Meinung. Die Umfragen befassen sich zwar mit Praktika, gehen aber auf ganz differenzierte Weise auf die Thematik ein, weshalb sie sehr konträre Ergebnisse präsentieren.

Die Versuche von Regierung und beispielsweise dem Deutschen Journalisten Verband (DJV) Mindestvergütungen und eine genauere Definition des Begriffs Praktikum einzuführen stoßen bisher auf wenig Zustimmung oder Durchsetzung bei den betroffenen Arbeitgebern.

Dennoch – unabhängig von den Ergebnissen der Befragungen – bleibt festzuhalten, dass wir uns immer weiter auf eine unter-, oder besser unbezahlte Praktikumsgesellschaft hinbewegen. Wirklich etwas dagegen unternehmen können eigentlich nur die Mitglieder der „Generation Praktikum“ selbst, indem sie sich weigern, unbezahlte Arbeit zu leisten – doch schlagen sie sich damit selbst eine wichtige, und vielleicht sogar einzige, Tür vor der Nase zu.

Es scheint vorerst also keine Lösung von offizieller Stelle für das Problem unbezahltes Praktikum zu geben. Daher sollte jeder Betroffene für sich selbst festlegen, wann die Ausbeutung anfängt und sich anhand von eigenen Richtlinien durch die Zeit des „Praktikummers“ kämpfen – und wer weiß, manchmal ist es eben doch ein großer und wichtiger Schritt auf dem Weg zum Erfolg.

(Text: Regina G. Gruse)
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