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„Man muss auch die Erfolge der Swapo beachten“

Johanna in Namibia III: Interview mit Godwin Kornes

namibia_titelDas Schöne am Leben in einem Hostel sind die vielen unterschiedlichen Menschen die man dort trifft. Nach einigen interessanten Diskussionen über die politische Situation in Namibia, habe ich deswegen beschlossen, meinen Mitbewohner zu interviewen. Er ist Ethnologe und forscht momentan für seine Doktorarbeit in Namibia.

Godwin, erst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Wir haben in den letzten Tagen mehrmals über politische Themen und vor allem die Situation in Namibia seit der Unabhängigkeit gesprochen. Du bist wegen deiner Dissertation hier in Namibia. Was ist genau das Thema deiner Arbeit?

Da Namibia – als letztes afrikanisches Land – erst vor zwanzig Jahren unabhängig wurde, sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen natürlich anders als in Ländern wie Gabun, Kamerun oder Burkina Faso, die dieses Jahr ihre 50jährigen Jubiläen der Unabhängigkeit feiern. Allerdings stellen auch hier die offiziellen Feierlichkeiten zum 20jährigen Jubiläum der Unabhängigkeit eine hervorragende und seltene Gelegenheit da, die abstrakten Prozesse von nation building vor Ort „live“ zu untersuchen – die Vergangenheit ist sozusagen noch „frisch“ und allgegenwärtig.

Im Mittelpunkt stehen daher offizielle Feierlichkeiten, Staatsakte und die damit verbundenen Diskurse, die in den entsprechenden Ländern Anlass zu Retrospektiven und Bestandsaufnahmen der politischen und gesellschaftlichen Situation bieten. Dabei treten häufig unterschiedliche Interpretationen der Geschichte zutage und es werden variierende Ideen von nationaler Einheit und Identität diskutiert. Die damit verbundenen Phänomene der Produktion, Distribution und Diskussion von Geschichte und Erinnerung sind der Gegenstand meiner Arbeit, die sich somit den Themenbereichen Erinnerungskultur und Nationalismusforschung innerhalb der politischen Ethnologie zuordnen lässt.

Am 26. August fanden die jährlichen Festlichkeiten zum Heroes Day statt. Was genau wird an diesem Tag gefeiert?
Der Heroes Day erinnert an den bewaffneten Unabhängigkeitskampf und an jene, die hierbei ihr Leben verloren haben. Genau genommen erinnert der Tag dabei vor allem an den Beginn des Guerillakrieges der namibischen Befreiungsbewegung Swapo gegen die südafrikanische Besatzungsmacht am 26. August 1966. An diesem Tag gab es das erste Feuergefecht mit südafrikanischen Verbänden im Nordwesten Namibias.
Allerdings gab es natürlich auch schon vor 1966 bewaffneten Widerstand gegen die Kolonialherrschaft in Namibia – hier wären vor allem die antikolonialen Aufstände der Herero, Nama und Damara zu nennen. Dieser Aspekt – die Tradition von antikolonialem Widerstand in Namibia – wird bei den Feiern zwar immer wieder betont; im Mittelpunkt steht jedoch meistens der Befreiungskampf der Swapo.

Wie wird dieser nationale Erinnerungstag gefeiert? Sind die Feierlichkeiten jedes Jahr gleich?
Die Feiern ähneln sich meistens in ihrem Ablauf – mit einem Unterschied: der zentrale Festakt findet jedes Jahr in einer anderen Gemeinde statt. Die Feiern bestehen in der Regel aus einem Staatsakt und einem Unterhaltungsprogramm. Zu ersterem gehört die Präsenz von Ehrengästen, eine Militärparade, das Singen der Nationalhymne, die Inspektion der Truppe und eine Rede zur Lage der Nation durch den Präsidenten, sowie die Verleihung von Orden an ehemalige und gegenwärtige Personen des militärischen und politischen Lebens.
Durch den Anlass des Heldengedenktages werden diese Ausgezeichneten somit offiziell in den Rang von „Helden“ versetzt. An diesen streng protokollarischen Teil schließt sich dann meistens das Unterhaltungsprogramm an, wobei bspw. Musik- und Folkloregruppen auftreten.

Häufig wird der Heroes Day zudem als Anlass genutzt, Gedenkorte und Denkmäler einzuweihen, wie etwa beim sog. Heroes Acre. Dieses monumentale Mahnmal nahe Windhuk dient auch als Begräbnisstätte für verdiente „Helden“ und ist somit ein prädestinierter Ort, um ebensolche Feierlichkeiten durchzuführen.

Wo waren die Feierlichkeiten in diesem Jahr? Hast du ihnen beigewohnt?
Dieses Jahr waren die Feiern in der südwestnamibischen Küstenstadt Lüderitz. Der offizielle Grund dafür war, dass im Verlauf der letzten 10-15 Jahre in der Nähe der Stadt eine große Anzahl von menschlichen Gebeinen gefunden wurde. Diese sollten zum diesjährigen Heroes Acre in einem Staatsakt feierlich bestattet werden. Über die Herkunft der Knochen herrscht bis dato keine absolute Gewissheit (es hat keine forensischen Untersuchungen gegeben), jedoch wird vermutet, dass es sich zum Großteil um die sterblichen Überreste von aufständischen Herero und Nama handelt.
Lüderitz war als Hafenstadt seinerzeit nicht nur das Einfalltor der kolonialen Expansion des Deutschen Reiches, sondern beherbergte auch das berüchtigte Konzentrationslager der Schutztruppe auf Shark Island. In diesem kamen zwischen 1904-1907 rund 1.500 kriegsgefangene Herero und Nama ums Leben, viele von ihnen durch Mangelernährung und Zwangsarbeit.

Lüderitz besitzt daher für viele Namibier einen hohen symbolischen Wert als Ort von Widerstand und Opferbereitschaft. Dadurch, dass die Regierung beschlossen hat, die unbekannten Toten am Heroes Day zu bestatten, wurde dieser Bedeutung von Lüderitz Tribut gezollt. Gleichzeitig jedoch – dies sollte angesichts der kommenden Regionalwahlen im November als Information nicht unterschlagen werden – ist der Süden des Landes auch eine Hochburg der Oppositionspartei RDP.
Die Beantwortung der Frage, warum die Feiern dieses Jahr in Lüderitz waren, variiert deshalb je nachdem, wem man sie stellt: Als Anerkennung der Rolle des Südens im Kampf um die Unabhängigkeit Namibias – oder als Wahlkampfveranstaltung der Regierungspartei.

Wie würdest du das politische Klima in Namibia beschreiben? Welche Rolle spielt die Swapo dabei?
Das politische System ist stark durch die Dominanz der Regierungspartei charakterisiert. Die Swapo war die führende politische Bewegung im Kampf gegen die Apartheid, sie war seit den 1970ern international als offizielle Vertretung der namibischen Bevölkerung anerkannt, und mit ihr assoziieren zwangsläufig viele Menschen im namibischen In- und Ausland die politische Unabhängigkeit.
Die Swapo verfügt über eine solide Zweidrittelmehrheit, womit bspw. Verfassungsänderungen möglich sind. Dies wurde zwar bereits in Anspruch genommen – zur Ermöglichung einer dritten Amtszeit für Ex-Präsident und „Founding Father“ Sam Nujoma. Dennoch ist es bislang eine Ausnahme geblieben.

Schaut man sich die Nachbarländer an, so wird offenbar, dass trotz vergleichbarer Ausgangslagen (transformierte Siedlerkolonien, bewaffnete Befreiungskriege, Einparteien-Dominanz etc.) das Ausmaß an Repression und postkolonialer Gewalt in keiner Weise vergleichbar ist. Es gab auch in Namibia Anflüge von autoritären Herrschaftsformen – die erwähnte Verfassungsänderung, die Militäroperationen im Kongo, Caprivi und Südangola – jedoch erlauben diese m.E. nicht, Namibia als „Pseudo-Demokratie“ darzustellen, wie das von mancher Seite immer mal wieder geäußert wird.
Wenn es ein Problem gibt, dann ist das die politische Dominanz der Regierungspartei, wobei hier natürlich gerade auch die Strategien der Oppositionsparteien kritisch zu hinterfragen wären. Für viele Politiker – egal welcher Parteizugehörigkeit – ist der Staat mit seinen Ressourcen ein reiner Selbstbedienungsladen. Diewindhuk 018 Beispiele für Korruption und Nepotismus sind zahlreich und gut dokumentiert – auch dank der freien investigativen Presse, die es in Namibia gibt.

Darüber hinaus spielt leider Ethnizität bei der Formierung politischer Parteien eine bedeutende Rolle, d.h. viele Parteien sind letztlich Interessenvertretungen für einzelne ethnische Gruppen. Daraus kann offensichtlich keine ernstzunehmende politische Alternative erwachsen. Gerade vor diesem Hintergrund ist daher die Gründung der RDP 2007 bemerkenswert. Die Partei ist durch die Abspaltung zahlreicher unzufriedener Swapo-Politiker entstanden, hat bei den Wahlen Ende 2009 einen Großteil der Oppositionsstimmen auf sich gezogen, hat erst vor kurzem mit der Republican Party fusioniert und entwickelt sich somit langsam aber sicher zu einer politischen Kraft.
Dass dies viele in der Regierungspartei nervös macht, konnte ich 2008 vor Ort erleben, als ich ebenfalls zur Feldforschung in Namibia war. Damals gab es eine Welle von Hassreden aus den Reihen führender Swapo-Politiker gegen die neue Partei, die leider auch zu zahlreichen gewaltsamen Übergriffen auf Angehörige von RDP und anderen Oppositionsparteien führten.

Der Rückgriff auf Gewalt war eine Abweichung vom üblichen politischen Umgang miteinander (der Diffamierung und rhetorische Angriffe bestens kennt!) und hat viele Leute schockiert. Es bleibt abzuwarten, ob es ein „Ausrutscher“ war, oder ob bei zukünftigen Erfolgen der RDP ähnliche Entwicklungen eintreten werden. Zumindest hat Präsident Pohamba – im Gegensatz zu seinem Vorgänger – ein eher mäßigendes, integratives Auftreten.
Wie auch immer – durch das Erscheinen der RDP ist die politische Landschaft in Namibia auf jeden Fall interessanter geworden. Diesen November sind Regionalwahlen und ich bin gespannt, wie die Ergebnisse vor allem im Süden des Landes aussehen werden.

Wie beurteilst du die letzten politischen Entwicklungen in Namibia?
Namibia, um meine persönliche Einschätzung zusammenzufassen, ist ein Land mit großartigem Potential und sehr guten politischen Strukturen – die nur noch effektiver genutzt werden müssen. Es gibt die Redewendung von der „Demokratie ohne Demokraten“, die auf Namibia sehr gut anwendbar ist. In vielen gesellschaftlichen Bereichen – dem Bildungssystem, der Zivilgesellschaft bspw. – wird dieses Potential noch nicht ausgeschöpft.
Das hat viel mit den – auch mentalen – Altlasten des Apartheidsystems zu tun, aber natürlich auch mit den beschriebenen politischen Strukturen, die leider häufig zu einer gewissen Trägheit verleiten. Namibia hat eine gewaltige Bürde mit der Unabhängigkeit aufgeladen bekommen, und jede Regierung, die dies verwalten muss, steht zwangsläufig vor enormen Herausforderungen.

Die zahlreichen Kritiker der Swapo sollten sich einmal auf das Gedankenspiel einlassen, wie es wäre, wenn die Swapo eben nicht über die besagte Mehrheit verfügen würde. Angesichts der ethnischen Vielfalt in Namibia mit ihren unzähligen Konflikten, wäre Namibia vielleicht heute von zahlreichen Sezessionskonflikten heimgesucht, von Instabilität und Bürgerkrieg. Das ist natürlich Spekulation und soll nicht von der Verantwortung der Regierung ablenken, aber es gibt nun einmal immer zwei Seiten zu jeder Medaille. Wer die Swapo kritisiert, muss auch ihre Leistungen anerkennen. Und zwei Jahrzehnte Frieden sind etwas, das sich in der Region durchaus vorzeigen lässt.

Zum Abschluss noch eine Bitte: Was würdest du dir für Namibia wünschen?
Ich würde mir wünschen, dass die Zivilgesellschaft damit beginnt, vehementer ihre Interessen zu vertreten, dass die namibischen Bürger – und vor allem die Jugend! – nachhaltiger ihr Recht auf Mitbestimmung einfordern, dass die Auseinandersetzung in der politischen Arena wieder stärker von Argumenten dominiert wird, anstatt von Anschuldigungen und Ressentiments, und vor allem: dass die Regierung die extreme Armut und die grassierende Arbeitslosigkeit als langfristige Bedrohung des sozialen Friedens im Land erkennt und die richtigen Schritte in die Wege leitet.

Vielen Dank für das Interview. Ich wünsche dir alles Gute für deine Dissertation.

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(Interview: Johanna Zapf / Fotos: Konrad Welzel und Johanna Zapf)


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Über den Autor

Johanna Zapf
Anzahl der Artikel : 12

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