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Märchen drinnen, Not draußen

Kommentar zur Festung Europa gegenüber Flüchtlingen

Die derzeitige Zuwanderung aus Krisengebieten wie Syrien belastet nicht nur die Politik, sondern auch die Bürger selbst. Mythen und Gerüchte, die aus der Angst heraus verbreitet werden, sind die Folge.

Eine Flüchtlingswelle nach der anderen schlägt gegen die immer höher werdenden Mauern der „Festung Europa“, wie die Süddeutsche Zeitung die Flüchtlingspolitik der EU-Regierungen tituliert. Eine recht passende Metapher, wie ich finde, denn hinter den Mauern stehen wir, die EU-Bürger und fürchten uns vor der stark zunehmenden Anzahl an Booten, die in dem Festungsgraben unserer schönen Völkergemeinschaft schwimmen.

Flüchtlinge

Die Angst davor, der Herausforderung nicht gewachsen zu sein, bietet dabei einen idealen Nährboden für vorhersehbare Mythen und Gerüchte, die bis dato augenverdrehend als rechte Sticheleien wahrgenommen wurden. Schnell prägt sich ein schlampig recherchierter Artikel über einen Vorfall in einem Flüchtlingslager ein und wird bei einer Diskussion oder einem unüberlegten Facebook-Kommentar ausgepackt. Sie würden unvernünftig und undankbar mit Lebensmitteln in den Flüchtlingslagern umgehen, sie würden unverschämt viel fürs „Nichtstun“ bekommen und würden häufig Aufstände anzetteln.

Die Richtigstellung

Der österreichische öffentlich-rechtliche Rundfunk ORF versuchte Mitte Juni diesen Mythen entgegenzuwirken und stellte dabei in einem Artikel einige Dinge klar. Unter anderem wird anfangs geklärt, wo diese Gerüchte losgetreten werden, die durch die reißerische Boulevardpresse und teilweise mangelhaften regionalen Journalismus verstärkt werden. Nein, Flüchtlinge bekommen keine immensen Summen an Geld, Aufstände werden häufig völlig übertrieben und zusammenhanglos dargestellt, Männer, die Frauen und Kinder allein zurücklassen, um in ein europäisches Land zu flüchten, tun dies nicht aus Feigheit, sondern hoffen darauf, mithilfe eines positiven Asylbescheids Frau und Kind nachholen zu dürfen (ausschließlich Ehepartner und minderjährige Kinder dürfen nachgeholt werden und keine fernen Verwandten) und verhindern dadurch, dass diese eine möglicherweise tödliche Reise antreten müssen.

Appell an Böhmermann, Klaas und Co.

Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf begeisterten vor kurzem die Youtube-Gemeinde mit einem Video, in dem sie auf satirische und humorvolle Art und Weise Falschmeldungen in Bezug auf die prekäre Situation in Griechenland darstellten . Lieber Böhmermann, lieber Klaas, ändert einfach nur das Thema des Videos, recherchiert Mythen und Falschmeldungen über die Flüchtlingslage und belasst den Satz im Video „Die Chance, uns ausnahmsweise mal nicht wie Arschlöcher zu benehmen.“ bei und ihr habt mit wenig Aufwand einen guten Beitrag in der Flüchtlingskrise geleistet. Denn eine Richtigstellung trägt zu einem besseren Verhältnis zwischen Flüchtlingen und EU-Bürgern bei.

Die abschließende Frage

Hier sollte nun ein vernichtendes und wütendes Fazit kommen, wie das nun mal bei Kommentaren erwartet wird, doch es bleibt aus. Stattdessen würde ich Sie als EU-Bürger bitten, die Berichtigungen dieser Gerüchte in die Welt hinauszutragen und sich eine Frage zu stellen: Was müsste passieren, dass Sie alles, aber auch wirklich alles (also Familie, Freunde, Heimat, Karriere, Haustiere, etc) zurücklassen, um sich in ein Boot zu zwängen, um mit hundert anderen fremden Menschen eine gefährliche Reise in eine völlig fremde Kultur anzutreten? Denn genau das ist diesen Leuten, über die diese Gerüchte verbreitet werden, zugestoßen.
Ich persönlich schließe mich der Meinung des Autors der Süddeutschen Zeitung an:

„So abschreckend kann EU-Abschreckungspolitik gar nicht sein, dass sie es mit den Schrecknissen aufnehmen könnte, vor denen Flüchtlinge fliehen. Ob der EU die Migration passt, ist nicht die Frage. Die Frage ist, wie man damit umgeht und sie gestaltet – rechtsstaatlich und human.“ – Süddeutsche Zeitung

(Text und Foto: Konstantin Schätz)
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Kommentare (2)

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    Nieft, Roland

    Willkommenskultur – „wir packen das“ (Zitat Innenminister)

    Flüchtlingsstrom sofort stoppen

    Auf die dummen, unmenschlichen Äußerungen aus dem extrem rechten Lager – und deren Mitläufer – muss man wohl nicht näher eingehen…

    Ich meine, man muss das alles mit etwas mehr Weitblick sehen.
    Jawohl, Deutschland kann und muss hier eine ganze Menge tun.

    Eine gewisse Ordnung ist aber nicht zu umgehen. Das vermisse ich massiv in den letzten Wochen: illegale Grenzübertritte, unberechtigte, derbe Kritik an Maßnahmen, die für geordnete Bewältigung einfach notwendig sind, Ein- und Weiterreise ohne Papiere und mehr.
    Hilfe berechtigterweise zu erwarten und unter Missachtung gesetzlicher und partnerschaftlicher Regeln oder mit Gewalt unverschämt zu fordern ist nicht dasselbe.

    Ob ein Flüchtling berechtigt Asylantrag stellt und Asyl bekommt muss von kompetenter Seite beurteilt werden. Ich bin da nicht in jedem Fall sicher. Auch hier ist von der Politik noch nichts nennenswertes bewältigt worden – Italien, Griechenland Ungarn sind viel zu lange völlig allein gelassen worden, ein auch heute noch zu erkennender Zusstand…

    Die wesentliche Frage für mich ist, was kommt während des Asylverfahrens bzw. noch wichtiger danach.
    Unsere Demokratie ist über Jahrzehnte erkämpft, darf nicht preisgegeben werden. Menschen, die hier leben wollen ist dies unmissverständlich beizubringen (Grundgesetz, Recht und Gesetz, Regeln des gleichberechtigten Zusammenlebens).

    Beispiele aus der Vergangenheit zeigen hier aber deutlich sträfliches Versagen der Politik.
    Wir haben heute in Berlin und anderen Städten Parallelgesellschaften, in denen ein Deutscher nichts mehr zu suchen hat – das ist auch territorial zu verstehen. Allein nachts in der U-Bahn fahren trauen sich ohnehin nur noch wenige…Mehr noch – in manchen Stadtteilen gibt es eine eigene Gerichtsbarkeit. Ein Zustand, der zeigt, wie wenig Integrationswille von unseren Regierungen ausgeht, wie lasch bzw. gar nicht eine Demokratie verteidigt wird, deren Entwicklung unseren Vorfahren viel Kampf, Mühe und auch Menschenleben gekostet hat…

    Die Politik diskutiert darüber, ob eine Lehrerin auch im Dienst anderen Ihren Glauben aufzwingen kann, indem sie sich vermummt. Einige Jahre vorher entsteht Gerangel um die Duldung von in bayrischen Schulen aufgehängten Kruzifixen – ohne Kommentar.

    Unsere Kanzlerin stellt sich hin und sagt Zitat „Multi-Kulti hat nicht funktioniert“
    Ja wie auch, die Menschen kommen lassen und zulassen, dass sie ihr eigenes Ding machen, da kann nichts Anderes dabei herauskommen. Sinnvolle Entscheidungen, auch wenn sie kurzzeitig wehtun, sind leider weniger wichtig als Stimmenfang für die nächste Wahl.

    Die verfassungsrechtlich garantierte Glaubensfreiheit wird territorial in eine Glaubenspflicht umgewandelt und niemand interessiert es. Es tut mir leid, aber vermummte Frauen sind nicht Ausdruck von Gleichberechtigung und ganz sicher nicht das, was ich in meinem Umfeld gern sehe.

    Ich bin überzeugter Atheist – respektiere aber jeden, der einen Glauben hat – solange er nicht versucht, mich zu überzeugen oder zu diskriminieren.
    Es sollte nicht vergessen werden, dass der Staat Recht und Gesetz verkörpert und keine Kirche kein Glaube, welcher auch immer. Glauben heißt nicht wissen.

    Ein fanatischer irrer Flüchtling, der meint, das Leben eines anderen Flüchtlings auslöschen zu müssen nur weil der einige Seiten aus einem, in der künftigen Wunschheimat ohnehin umstrittenen Buch reißt, gehört nach meinem Empfinden sofort ausgewiesen!

    Integration heißt, die berechtigt Asyl beantragenden Menschen in diese demokratischen Grundrechte einzuweisen, das konsequent zu kontrollieren und bei Verstößen ohne viel Aufhebens dahin zurück zu schicken, wo das gelebt werden kann. Neben Rechten gibt es nun mal auch Pflichten und Regeln, die von Allen gleichermaßen einzuhalten sind.
    Das funktioniert – wer es nicht wahr haben will, sollte sich ansehen, wie beispielsweise Kanada die Asyl- und Einwanderungspolitik handhabt.

    Kritik an bayrische Polizisten, die Flüchtlinge ohne Papiere aus den Zügen holen, ist nicht angebracht – im Gegenteil, Recht und Gesetz vom ersten Tage an anwenden, ist lobenswert.
    Im Übrigen ist hier anzumerken, dass trotz aller auch da berechtigten Kritik die bayrischen Regierungsvertreter die Situation derzeit immer noch am besten im Griff haben.

    Wenn das alles umgesetzt wird, habe ich auch vor 2 Millionen Flüchtlingen keine Angst.
    Für hilfsbedürftige Menschen würde ich unter diesen Voraussetzungen sehr viel lieber Milliarden eingesetzt wissen, als für BKA-Paläste und Flughäfen, die ohnehin nie fertig werden.

    Für Euphorie bleibt aber immer weiniger Platz – unser Innenminister hat ja schon als Verteidigungs-Minister kläglich versagt…

    Also bleibt nichts anderes als abzuwarten – auswandern kann man ja immer noch.

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    Joh..Wagner

    Ich hab die Verharmlosung der Situation, die unsere Gutmenschen verbreiten, satt. Auch der Dümmste weiß, dass mit dieser absonderlichen Flüchtlingspolitik, die unsere Regierung betreibt zwei Dinge passieren
    1. Die Asylanten in den Notunterkünften werden aufgrund der verschiedenen Religionen und Kulturen aufeinander schlagen (siehe Schlägerei am Sonntag, den 27.09,) und
    2. Wenn die Asylanten merken, dass die Versprechungen, die man Ihnen leichtsinniger Weise gegeben hat (Integration, ordentliche Wohnungen, Eingliederung in den Arbeitsmarkt), nicht eintreffen, werden sie einen Aufstand anzetteln, wie wir ihn noch nie gesehen haben. (Siehe Hungerstreik letzte Woche in Nürnberg, weil 6 Asylanten nach einem halben Jahr immer noch keine Arbeit hatten?!!“
    90 % der Flüchtlinge fliehen nicht vor dem Krieg. Sie kommen aus sicheren Unterkünften in der Türkei , Jordanien etc.. Sie wollen in Deutschland einfach ein besseres Leben als dort. Das ist veständlich aber wir können nicht alle Menschen dieser Welt aufnehmen, nur weil es in Deutschland ein besseres Leben gibt.
    Wie dumm sind wir Deutschen eigentlich noch?!

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Über den Autor

Konstantin Schätz
Anzahl der Artikel : 13

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