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Heimat to go

In der Welt zu Hause
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FĂŒnf StĂ€dte, drei Kontinente, ein Leben: Hannah hat keine Heimat, wĂŒrde ihr Leben aber nicht tauschen wollen. Das PortrĂ€t einer Kosmopolitin.


Hannah sitzt auf einem kleinen durchtriebenen Pony. Besagtes Pony hĂ€lt es fĂŒr nötig einem Pferd zu folgen, in das es furchtbar verliebt ist- inklusive einer schreienden Hannah auf dem RĂŒcken. Beim Zusammentreiben der Rinder durch die zwei Pferde löst sich der Sattelgurt und Hannah darf den Ritt nun von der Bauchseite des Ponys aus genießen. Eine typische Kindheitserinnerung von Hannah. Damals ist sie fĂŒnf Jahre alt, lebt in Uruguay und macht Inlandsurlaub auf Gaucho Hugos Estancia.htg2Heute ist sie 19 und in drei LĂ€ndern auf drei verschiedenen Kontinenten aufgewachsen. Ihr Vater ist Entwicklungshelfer und speziell fĂŒr Bildungsplanung zustĂ€ndig.
So kam es, dass er seine Frau und Hannah zu Langzeitprojekten in EntwicklungslĂ€ndern bei denen die betreffenden Planer vor Ort bleiben mĂŒssen, mitnahm.Hannah besuchte im Jemen den Kindergarten und wurde in Uruguay eingeschult. Sie hat mehr von der Welt gesehen als viele ihrer Altersgenossen.
Das unspektakulĂ€re Kassel ist die erste Station in Hannahs Leben. Ihre Familie und sie ziehen nach Sana’a in den Jemen als Hannah zwei ist. Von dort stammt auch zwei ihrer frĂŒhesten Erinnerungen, die prĂ€gend fĂŒr sie waren: in der arabische WĂŒste Rub-al- Chali bei einem nĂ€chtlichen Kamelreiten einer Gruppe von Kamelbesitzern, durfte Hannah eine einzigartige und beeindruckende Erfahrung machen.

Aber auch an eine bedrĂŒckende Situation erinnert sie sich: der Norden des Jemen ist wegen der Sicherheitslage im jemenitischen BĂŒrgerkrieg nicht mehr zu bereisen und auch im SĂŒden werden strenge Kontrollen durchgefĂŒhrt. Als ihre Familie und sie ihre Heimatstadt passieren wollten, werden sie von einer Gruppe MĂ€nnern mit MGs angehalten und durchsucht. Der Grund dafĂŒr, dass die Familie nicht in ihre Heimatstadt gelassen wurde, war, dass Hannahs Mutter keine Burka trug.

Mit Kindheit verbindet Hannah jedoch einen anderen Ort: Montevideo. Die Metropole zÀhlt zu den zehn sichersten StÀdten Lateinamerikas und ist das wirtschaftliche, administrative und kulturelle Zentrum Uruguays. Mit 1,3 Millionen ist sie die wichtigste Hafenstadt des Landes und konzentriert fast die HÀlfte der Bevölkerung Uruguays, den Handel und die Industrie.

Dort besucht sie die deutsche Schule Montevideo. Sie ist die einzig deutschsprachige SchĂŒlerin ihrer Klasse und somit Klassenbeste- nur in Spanisch hĂ€ngt sie ihren Klassenkameraden meilenweit hinterher. Das Verstehen der Sprache ist nicht das Problem, eher das Sprechen, das ihr erst nach einem Jahr gelingt.

Das Tragen der Schuluniform und strikte Disziplin, sowohl im Unterricht als auch im außerschulischen Verhalten, sind in Uruguay absolute Pflicht: „Hausaufgaben wurden grundsĂ€tzlich gemacht und jeden Morgen mussten wir der Lehrerin unsere HĂ€nde zeigen, damit sie sich davon ĂŒberzeugen konnte, dass wir auch saubere NĂ€gel hatten“, so Hannah.

Hannah wird sehr schnell eingegliedert und findet bereits nach kurzer Zeit neue Freunde, zu denen sie noch heute Kontakt pflegt. Auch die Schule leistet ihren Beitrag zur Integration der SchĂŒler. So hat jedes Kind einen Paten aus einer der oberen Klassen. „Es hatte hĂ€ufig etwas von Geschwisterbeziehung, was den Schulalltag sehr entspannt und das Schulklima positiviert hat“, sagt sie.
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Sich auf andere einlassen, hat Hannah sehr frĂŒh gelernt. „Eine prĂ€gende Erfahrung, die ich gemacht habe, war dass man Menschen, besonders aus fremden Kulturkreisen, erst versuchen muss zu verstehen bevor man sich ĂŒberhaupt ein Bild von ihnen machen kann.“ Das war nicht immer leicht fĂŒr sie: „Grade im Jemen war die Kultur so verschieden zu der unseren und zu verstehen, warum Frauen verschleiert sein mĂŒssen, fiel sowohl mir, als auch meiner Mutter schwer.“

Zur Lebenswirklichkeit eines Entwicklungshelfer- Kindes gehört aber auch die Trennung: wenn die Familie umzieht, riss es jedes Mal eine LĂŒcke in den Freundeskreis. Durch soziale Netzwerke wird das Aufrechtherhalten von Kontakten aber erheblich vereinfacht, so Hannah.

Trotzdem schmerzt es und sie machte die Erfahrung, sich emotional von Mitmenschen zu distanzieren: als sie immer genau dann umzogen, als Hannah sich gerade eine neues soziales Umfeld aufgebaut hatte, gewöhnte sie sich an, wenig Vertrauen und emotionale Bindungen außerhalb ihrer Familie aufzubauen.

„Heimat“ ist fĂŒr Hannah nicht an einen Ort geknĂŒpft- vielmehr an die Personen, die ihr Leben bereichern. „Heimat ist fĂŒr mich der Ort, wo meine Familie ist. Daher ist es egal aus welchem Land ich stamme und wo ich bin, Hauptsache meine Familie ist dabei, denn das ist fĂŒr mich ein untrĂŒgliches Zeichen fĂŒr Geborgenheit und Liebe.“ Sie hat sich fest vorgenommen Kassel zu verlassen. Zum ersten Mal kann sie selbst entscheiden, ob und wohin sie umziehen will. Amerika steht an erster Stelle. Trotzdem ist sie sicher, dass es sie weiterziehen wird, bis sie das GefĂŒhl hat, alles gesehen zu haben.

„Es ist wie ein innerer Dran wegzugehen und neues zu sehen und zu erleben. Zuhause ist fĂŒr mich die Welt. In all den Jahren im Ausland habe ich gelernt, dass mein Zuhause nicht etwas ist, das mir gegeben wird, sondern, das ich mir schaffe.“ Wenn man offen und freundlich in die Welt hinausgeht, findet man alles was man braucht, sagt Hannah, mit dem Wissen im RĂŒcken, dass ihr Zuhause ĂŒberall sein kann.

(Text: Lisa BrĂŒĂŸler / Foto: Alexander Franke by jugendfotos.de / Fotos: Lisa BrĂŒĂŸler)

 
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