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Kultur ist Kult- Über den Brauch der Leitkultur

Ein Essay zur Leitkultur

„O tempora o mores“ Was für Zeiten, was für Sitten!,“ beklagte einst 70 vor Christus der römische Rhetoriker Cicero den Sittenverfall im alten Rom. Vor nicht langer Zeit sorgte ein ähnlicher Ausspruch für nicht weniger Aufsehen: „Deutschland schafft sich ab“. Zunehmend wird der Verfall klassischer Werte beklagt, so wie die Gefahr fremd im eigenen Land zu sein, betont.

„Was für Zeiten, was für Sitten!“ Das Internet und die globale Vernetzung haben eine neue Kultur hervorgebracht, oder eher mehre Kulturen, sei es etwa die Bloggerszene, politische Aktivisten, die Welt der YouTube Stars oder einfach den Einfluss der sozialen Medien zu nennen. Anders ausgedrückt, alles hat seine Zeit und jede Zeit hat ihrer spezielle Kultur.

Leitkultur

Dabei ist Kultur schlichtweg Kult, da sie einfach erfolgreich und zum leben wichtig ist. Bereits das allererste Leben auf der Erde war von Kultur abhängig, gab es doch bereits kurz nach dem Urknall erste Bakterienkulturen. Sie ermöglichten und ermöglichen den Bakterien DNA Sequenzen zu mischen und sich auf diese Weise durch Mutationen dem Evolutionsdruck anzupassen. Ähnliches ist sichtbar bei höher entwickelten Arten. Der Grundsatz „Survival of the fittest“ wurde lange Zeit fälschlicherweise als das „Recht des Stärkeren“ interpretiert. Jedoch steht dieses Prinzip für das Überleben der am besten angepassten Arten. Gruppen ermöglichen es Ressourcen zu sparen und sich gegenseitig zu unterstützen. Ein gemeinsamer Zusammenhalt, eine Kultur, ist es, die diese Gruppen erfolgreich macht und gegen äußere Gefahren schützt, aber auch ihre Grenzen gegenüber anderen Gruppen festlegt, diese Gruppen unterscheidet und ihre Mitglieder ebenso.

Kultur ist aber nicht nur Kult, weil sich erfolgreich ist, sondern weil sie gepflegt wird. Ähnlich der Wortherkunft, von cultivare, Ackerbau betreiben, kommen Menschen zusammen, die Natur nach ihren Vorstellungen zu verändern und zu formen. Dabei braucht es Traditionen und Bräuche ebenso wie das tägliche Brot, da sie es sind, welche der Gruppe, der Gemeinschaft, Leben und Sinn einflößen, diese mit ihren Eigenarten bestimmen. Sei dies im Heimatverein, im Gottesdienst oder auf dem Openairfestival, hier werden diese Sinne sichtbar.

Besonders deutlich wird dies in unseren Städten, dem Alltag der Menschen, wie es der Soziologe und Städteforscher Walter Siebel beschrieb, indem er „Stadt als gebaute Gesellschaft“ (Zitat von Walter Siebel) beschrieb. Es sind die Burgen, Schlösser oder stolzen Bürgerhäuser, die Tempel und Gotteshäuser, die großen Kultstädten, ja auch Fußballstadien, die Zeugnis sind, jener Kulturen, die dort gelebt haben oder hier noch immer leben und diese pflegen. Es ist dies, was jährlich unzählige Touristen anlockt und die digitale Kultur mit Bildern, Videos, Geschichten von diesen Orten anreichert. Kultur definiert Rollen und Identität. Als solche steht Kultur immer als Sinnbild dafür, wer man ist oder wer man am liebsten sein möchte.

Leitkultur ReichstagAber Kultur wird auch über ihre Grenzen nach außen hin definiert, lebt sie doch auch davon, dass es Unterschiede gibt. Anders ausgedrückt, wären Bayern und Berlin, Köln und Düsseldorf dieselbe Kultur, so gebe es nichts, was diese spannend machen würde zu erleben. An diesen Grenzen wird die eigene Kultur deutlich und in ihrem Selbstverständnis unverständlich. Als um 1500 die ersten Europäer ausschwärmten, für sich die weite Welt zu entdecken, so betraten sie kulturelles Neuland. Man musste erkennen, dass die bis dahin bestehenden Erkenntnisse und Glaubensinhalte keinen Bestand mehr hatten, die ganze bisher praktizierte Kultur wurde fraglich. Theologen begannen das Primat der Kirche anzuzweifeln, Astronomen entdeckten neue Sterne, Wissenschaftler stießen in das Innere des Menschen vor, Philosophen erforschten gar das Innerstes des Menschen, den Menschen als Mensch selbst.

„Jeder Jeck ist anders“, lautet ein bekannter Ausspruch im Karneval zu Köln. Heute wie damals gilt, Kultur lebt vom miteinander und voneinander der Menschen. Ähnlich wie um 1500 betreten wir heute ein technokulturelles Neuland. Die modernen Technologien erlauben es uns binnen Sekunden unsere Ideen, Werte, Vorstellungen , schlicht unsere Kultur in die ganze Welt zu verbreiten, oder aber auch uns ein eigenes Bild von der Welt zu machen. In seinem Werk Netzwerkgesellschaft beschreibt der spanische Soziologe Manuel Castells, den Wandel einer globalen Gesellschaft hin zu einer Netzwerkgesellschaft, welche aus Strömen besteht. Demnach durchziehen verschiedene Ströme, sei dies Kapital, Ideen, Entscheidungsketten, oder aber auch moderne Transportketten, unsere globale Welt. Dank moderner Technologien, lassen sich solle Ströme von bestimmten Zentren verwalten und steuern, welche die nötige Infrastruktur besitzen als auch das nötige Arbeitskräfteangebot.

An diesen Orten werden die Ströme etwa in Form von Hochhäusern der Konzerne sichtbar. Die menschliche Seite dieser Netzwerkgesellschaft ist eine gestiegene Migration, zwischen und innerhalb von Regionen. Trotz allen technischen Fortschritts hängen diese Zentren der globalen Wirtschaft auch weiterhin von lokalen Arbeitskräften ab, da etwa bestimmte Tätigkeiten wie Pflege oder Bau auch im digitalen Zeitalter im analogen Raum stattfinden. Es sind insbesondere Migranten, welche auf diese Weise Lücken im Arbeitsmarkt füllen. Ähnlich den Hochhäusern und Verwaltern der globalen Netzwerke unserer Zeit, werden auch die Ströme in den Zentren sichtbar, in Form von unterschiedlichen Bräuchen und Religionen.

„Die Welt zu Gast bei Freunden“, lautete das Leitmotiv der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland vor knapp zehn Jahren. Betrachtet man die letzten Migrationsberichte des Statistischen Bundesamtes, so scheint die Welt nicht nur zeitweise, sondern dauerhaft in Deutschland einen Platz gefunden zu haben. Einst wurde dem Autor Max Frisch das Zitat zugeschrieben: „Wir haben Arbeitskräfte gerufen. Es kamen Menschen an.“ Im Zuge der Gastarbeiterzeit ging man davon aus, dass diese Menschen, wie es der Name unterstreicht, als Gäste kurzzeitig im Land bleiben und dann wieder zurückkehren würden. Zwar erkannte man durchaus, das Spanier, Italiener, Griechen und Türken eine andere Kultur mitbrachten, die befremdlich erschien. Eine Annäherungspolitik blieb jedoch auf das nötigste beschränkt.

In den ersten Gastarbeiterzügen, welche ab den 1950er Jahren die deutschen Bahnhöfe erreichten, ließen sich bereits die ersten Vorzeichen einer zunehmenden Vernetzung der Welt und ihrer verschiedenen Kulturen erkennen. Im digitalen Zeitalter, hat das Netzwerk seinen vollen Einfluss entfaltet. Identität wird nicht mehr regional sondern digital bestimmt. Es steht praktisch jeden Menschen frei Anschluss zu suchen und eigene Gruppen zu gründen, oder Mitglied in solchen zu werden. Ein gemeinsames Merkmal, sei dies wie auch immer politisch, religiös, kulturell vereint Menschen und bestimmt deren Mitgliedschaft. Hierbei, anders als es der zunehmende globale Konsum von Medien vermuten lässt, lässt die zunehmende Vernetzung der Menschen deren Differenzen immer deutlicher zu Tage treten. Anders gesagt, je näher wir uns digital kommen, desto mehr werden wir uns im realen Leben wohl fremd.

Fremdheit, das andere, birgt stets eine gewisse Unsicherheit, Unsicherheit gegenüber den eigenen Wertvorstellungen, der eigenen Kultur, gar der eigenen Identität. Das Internet ermöglicht es daher, bewusst diese Unsicherheiten zu umgehen, indem sich stets Gleichgesinnte zusammenfinden, in ihren Vorstellungen bestärken und Grenzen festigen. Diese Grenzen finden sich jedoch nicht nur zwischen Regionen und Staaten, sondern sie gehen auch mitten durch die Gesellschaft. Es kann etwa sein, dass der digitale Chatpartner tausende von Kilometern weiter entfernt, näher erscheint als das eigene Umfeld, die eigene Nachbarschaft, die häufig mit ihren verschiedenen Kulturen eher Unverständnis hervorruft.

Kultur ist Kult, weil wir sie spannend finden, sie uns neugierig macht, als auch die Möglichkeit eröffnet, die Welt nach unseren Vorstellungen zu gestalten, wir uns präsentieren können, als wer wir sind oder wer wir sein wollen. Aber genau in diesem Punkt unterscheiden sich die Kulturen, unterscheidet sich Kultur von Zivilisation. Kultur bedeutet die Natur nach menschlichen Ermessen zu verändern, als Zivilisation das Recht, an diesem Prozess mitzuwirken, als Teil der Kulturgesellschaft dieser eigene Gestalt zu geben. Der Begriff Integration impliziert genau dies, ein integraler Bestandteil eines Prozesses werden zu können.

Aber wie soll eine gemeinsame Kultur aussehen in Zeiten von Individualisierung und schier grenzenloser Möglichkeiten? Es scheint so, als hänge die ganze Welt am Faden, besser gesagt an der Glasfaser, aber haben wir nicht manchmal den Faden verloren? Es ist erstaunlich, dass in einer Welt der grenzenlosen Möglichkeiten, die Grenzen häufig vor der eigenen Haustür zu finden sind. Häufig ist von den Gefahren der „Überfremdung“, von „Parallelgesellschaften“, gar „Kulturfremden“ und einem „Multikulit“ das die eigene Kultur und Identität schwächen und auflösen wolle, zu lesen, zu hören und vermeintlich gar zu sehen.

LeitkulturAber was ist dann, was Deutschland, die deutsche Kultur bestimmt, was macht sie so anders, als andere Kulturen? Einst stelle Descartes fest: „Cogito, ergo sum.“ Um Identität zu definieren ist es wichtig zu verstehen, was wir von uns und andere über uns denken. Die Identifikation mit einem sozialen System, einer Gesellschaft einer Nation, ist die höchste Stufe der Integration. Im Gegensatz etwa zum Arbeitsmarkt, der auf den Austausch von Ressourcen angewiesen ist, oder des Alltags, welcher ein Minimum an Sprache voraussetzt, kann die Identifikation mit einer Kultur und deren Menschen nicht erzwungen werden, sie ist das Produkt vieler Erfahrungen und Prägungen. Aber genau aus diesem Grund ist es nötig, dass Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung miteinander in Kontakt treten können, einander so kennen lernen können, wie sie wirklich sind und nicht was sie vorgeben zu sein.

Kultur ist wichtig, da sie uns verbindet und leitet, da sie unserem Leben einen Sinn gibt, uns als Menschen und Individuen einzigartig macht. In diesem Sinne steht Kultur für die Schaffung und Gestaltung unserer Umgebung, nach den Vorstellungen, wer wir sein wollen, was uns geprägt hat, was uns einzigartig macht und was uns verbindet. Was also ist Deutschland, die deutsche Kultur, was macht sie so einzigartig, verbindet über 80 Millionen Menschen aus allen Teilen dieser Welt? Einst sprach Gottfried Herder vom Kugelmodell, wonach Nationen in sich abgeschlossene Systeme seien, welche in sich homogen seien, aber auch nach außen hin gegenüber anderen Nationen abgetrennt seien. Aber die Erde ist rund und dreht sich weiter, wie die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte erfahren musste.

Heute hängt sich dabei mehr denn je am Faden, der unterschiedlichste Regionen dieser Welt miteinander verbindet, ihre Unterschiede immer deutlicher werden lässt. Aber jedes Netzwerk braucht einen gewissen Leitfaden, der dieses zusammenhält, die Menschen wirklich miteinander verbindet. Leitkultur bedeutet in diesem Sinne, sich gemeinsam auf die Suche nach diesem Leitfaden im Netzwerk zu machen, seine Knoten zu finden und diese zu lösen.
Was also ist die deutsche Leitkultur, was ist Deutschland?

„Das alles ist Deutschland, das alles sind wir“. Es liegt am Land der Dichter und Denker, es liegt an jedem einzelnen, immer wieder neu zu ergründen, was unsere deutsche Kultur eint. Jede Kultur lebt von den Menschen, die sie leben und pflegen. Als Leitkultur für Deutschland, was die deutsche Kultur bestimmt gilt der Grundsatz aus Einigkeit und Recht und Freiheit. Die Einigkeit, das friedliche miteinander verschiedener Kulturen zu schützen und zu wahren, als das Recht auf die freie Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und nicht zuletzt, die Freiheit, als die Freiheit jedes einzelnen zu respektieren und als gleichwertig zu behandeln.

Derzeit befinden wir uns in einem kulturellen Wandel, vieles was als selbstverständlich galt, wird von einer Kultur des Fragens, des Zweifelns aber auch des Bewahrens geprägt. Wohin dieser Wandel führt ist noch unklar, doch befindet sich Kultur stets im Wandel. Abschließend bleibt somit für das globale, digitale Zeitalter mit seinen Kulturen nur eines festzuhalten. Kultur ist Kult weil sie spannend ist, neugierig macht und es wert ist sie zu pflegen. Kultur ist jedoch nicht festes sondern immer wieder ein Produkt ihrer Zeit und der Menschen, die sich dieser Zeit annehmen, diese Kultur weiterzutragen, weiterzuentwickeln und letztlich leben, anders gesagt“ Was für Zeiten, was für Sitten, was für eine Kultur!“

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Über den Autor

Stephan Raab

Stephan Raab interessiert sich für Warum und die Welt: Seit 2014 gehe ich für backview.eu scheinbar alltäglichen Dingen auf den Grund, betrachte warum manches so ist wie es ist. Wenn ich nicht gerade an einer neuen Idee für einen Artikel sitze, beschäftige ich mich gerne mit Fotographie oder Fremdsprachen oder widme mich meinen Politikstudium.

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