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Kunstwerk oder kreatives Chaos?

CD-Kritik: Linkin Park „A thousand Suns“

Das neue Werk von Linkin Park ist anders – anders als alles, was man momentan in den Charts zu h√∂ren bekommt und anders als alles, was man von Linkin Park je erwartet h√§tte. Es ist unm√∂glich „A thousand suns“ in eine Schublade zu stecken. Man hat eher den Eindruck, als br√§uchte beinahe jeder der 15 Tracks eine Schublade f√ľr sich, als h√§tte die Band sich bei jedem Song wieder ein bisschen neu erfunden.

„Eine Sache wussten wir von Anfang an – dass wir kein vorhersehbares Album machen wollten“, so der Kommentar von Linkin Park auf ihrer Website. Man muss sagen: Das ist ihnen eindeutig gelungen. Denn wer h√§tte von einer Rap-Rock-Band Elektro-, Hip Hop- und Pop-Elemente erwartet, noch dazu auf ein und demselben Album? Sobald die ersten Hip-Hop-Beats erklingen und sich wie im Song „Wretches and Kings“ mit nach Gangster-Rap klingendem Sprechgesang paaren, bekommt jeder eingefleischte Fan erst einmal einen akustischen Schock. Nur die altbekannten Shouting-Passagen machen es m√∂glich, diesen Song als ein Werk von Linkin Park zu identifizieren.

Bandmitglied Mike Shinoda, der das Album in Zusammenarbeit mit Rick Rubin produziert hat, bezeichnet die neue Platte seiner Band als „Kunst“. F√ľr das Gesamtbild, welches das Album hinterl√§sst, trifft diese Bezeichnung auf jeden Fall zu, denn √§hnlich wie Kunst ist es wirklich schwer zu beschreiben. H√∂rt man sich einige Lieder, wie zum Beispiel „Burning in the skies“ genauer an, k√∂nnte man diese allerdings noch treffender als kreatives Chaos bezeichnen. Auch zur ersten Singleauskopplung „The Catalyst“ passt diese Umschreibung. Hier treffen Chorparts auf das altbekannte Shouting, in den Hintergrund tretende Rockbeats auf herausstechende Technoelemente. Dieser Song beschreibt das Album besser als jedes Wort es k√∂nnte und ist deshalb die perfekte Auswahl f√ľr die erste Singleauskopplung.

Doch auch damit ist noch nicht alles gesagt. Da viele Lieder jeweils eine eigene Schublade f√ľr sich brauchen, m√ľssen noch einige andere der 15 neuen Tracks erw√§hnt werden. Da w√§re zum Beispiel noch „Robot Boy“. Die roboterartig wirkende, etwas √ľberarbeitete Stimme von Chester Bennington verleiht dem Song einen gewissen Hymnencharakter. Ein ebenfalls erw√§hnenswerter Titel ist „Iridescent“, eine sch√∂ne Ballade, die noch am ehesten mit √§lteren Songs der Band in Verbindung zu bringen ist, allerdings auch nur stellenweise. Au√üerdem findet man auf dem Album f√ľnf Tracks, die weniger als zwei Minuten lang sind. „Empty Spaces“ geht sogar nur 18 Sekunden. Diese Songs dienen als Intro f√ľr den jeweils darauffolgenden Titel.

Es gibt jedoch einen Song, der das ganze restliche Album in den Schatten stellt. Die Rede ist vom allerletzten Track „The Messenger“. Diese Ballade ist einer der emotionalsten Songs, die ich je geh√∂rt habe, gesungen mit einer solchen Leidenschaft, dass man einfach nur G√§nsehaut bekommen kann. Der instrumentale Part erinnert zwar an die eines primitiven Popsongs, doch sie tritt neben der Stimme sowieso v√∂llig in den Hintergrund. Dieses Album, dass viel Neues und v√∂llig Unerwartetes und wenig Altbekanntes und Gew√∂hnliches enth√§lt, wird dagegen auf keinen Fall in den Hintergrund treten. Es ist an Kreativit√§t kaum zu √ľbertreffen und dennoch kann man bei jedem Song noch erkennen, dass er von Linkin Park stammt. Sie haben sich also trotz der neuen Richtungen nicht selbst verloren, nur immer wieder ein bisschen neu erfunden und das ist wahrhaftig eine Kunst.

(Text: Melanie Nees)
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