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Krass – Ein Adjektiv für alles

Mein persönliches Wort des Jahres

Zu den Jugendwörtern des Jahres 2011 zählen „Swag“ und „Fail“. Doch im Best-of-Ranking unseres Wortschatzes sollte keinesfalls „krass“ fehlen – denn das passt einfach immer. Um dieses Wort verwenden zu dürfen, muss man weder im Teenageralter sein, noch eine Ahnung von Außenpolitik haben. Es ist mein persönliches Wort des Jahres.


„Krasser Typ“. Ja, ich gebe zu, das waren die ersten und leider auch die einzigen Worte, die ich meiner Freundin erwiderte, als sie mir von unserem gemeinsamen Bekannten Tom erzählte. Der hat eben noch die Schulbank mit mir gedrückt und nun sein eigenes kleines Unternehmen gegründet. Ich wusste doch schon immer, dass er „krass“ drauf ist.

Als meine Freundin mir diese Geschichte erzählte, kam mir sofort das Wort „krass“ in den Sinn. Stattdessen hätte ich ihr auch sagen können, dass Tom schon damals als sehr intelligenter und zielstrebiger Schüler auffiel, schon unser Mathelehrer ihm eine steile Karriere vorausgesagt hat und ich Tom dafür bewundere.
Aber nein, ich sitze verwundert da, schüttle mit dem Kopf, runzle meine Stirn und antworte nur „krasser Typ!“ Mein alter Schulkamerad Tom könnte aber genauso gut Drogendealer sein, am Berliner Zoo herumlungern und kleine Hip Hopper in der Großraumdisko mit Aids-Spritzen angreifen. Auch dann wäre die Beschreibung identisch: „krasser Typ!“

Woher kommt dieses „krass“?
„Krass“ bedeutet laut Duden in der Jugendsprache „extrem gut, extrem schlecht“. Die Bedeutung schwankt irgendwo zwischen Betroffenheit, Erstaunen und Bewunderung. „Krass“ löst „oh Gott“ ab und auch „wie heftig“ kann man einfach durch das das Wörtchen krass ersetzen. Synonyme dafür sind „extrem“, „außergewöhnlich“ oder „cool“.
Der Ausdruck krass hat seinen Ursprung wahrscheinlich von „crassus“ und wird schon im Grimm‘schen Wörterbuch wie folgt erwähnt: „nach lat. crassus, doch vermengt mit grasz, gräszlich; ein in manchen kreisen beliebtes superlativisches kraftwort, seit ende 18. jh., wol eben aus der studentensprache: du krasser philister!“

Irgendwann hat das Wort dann begonnen, eine steile Karriere hinzulegen, um schließlich Kultstatus zu erreichen. Da waren zum Beispiel das Comedy-Duo Erkan und Stefan, die es in den 2000er Jahren geschafft haben, dass der Ausdruck „krass“ auch im abgelegten Dorf auf dem Schulhof seine Runden zieht. Mittlerweile wird es aber nicht nur für die Schlagzeile auf einer Titelseite verwendet, sondern gehört auch zum Sprachgebrauch von Mitvierzigern bei ihrem Mittagsmeeting. Längst ist die Verwendung des Wortes „krass“ nicht mehr ein Erkennungszeichen unserer sogenannten Problemjugend.

Krass ist wie eine Wundertüte
„Krass“ passt einfach immer. Es lässt sich problemlos in jeden erdenklichen Satz einbauen und macht ein Gespräch erst komplett. Der Ausdruck ist wie ein altes Sprichwort, dass man immer aus seiner Zauberkiste auspacken kann, wenn einem nichts anderes mehr einfällt. Es ist wie der Smalltalk über das doch so gute oder so schlechte Wetter – Hauptsache man hat irgendetwas gesagt.

Das Wort „krass“ ist universell einsetzbar und Platzhaber, wenn einem der richtige Begriff fehlt. Es zeigt, dass man seinem Gesprächspartner zuhört, dass man seine Umwelt wahrnimmt und, dass man sprechen kann. Egal ob es um die Euro-Krise, Herman Cain oder um den überraschenden Erfolg der Piratenpartei beim Votum zum Berliner Abgeordnetenhaus geht. Es ist „krass“. Der Ausdruck ist das Schmiergel, das anstandslos zwischen jede beliebige Satzstellung durchflutscht, sich an alle Äußerungen genüsslich ankuschelt und es genießt, immer wieder Präsenz zu zeigen.
Man trägt das Wörtchen den ganzen Tag mit sich herum und hält es auf seiner Zunge bereit, bis es mal wieder etwas zum Sagen gibt. Es passt zum Autounfall auf der A3, der letzten Show von Thomas Gottschalk bei „Wetten Dass..?“ und dem Konzert von den Beatstaks. Dinge sind nicht mehr schrecklich, überwältigend oder unbeschreiblich, sondern „krass“, „einfach krass“ oder „krass“ komibiniert mit einem beliebigen Adjektiv.

Auf „krass“ kann man sich verlassen
„Ich habe mir eben ein neues Auto gekauft“ – „Krass“. „Ich bin schwanger“ – „Krass“. „Ich hatte heute Nudeln zu Mittag“ – „Krass“. Es scheint, als fällt uns manchmal einfach kein anderes Wort ein. Ein Nicken, ein „krass“, und schon kann ein Gespräch für alle Beteiligten zufriedenstellend beendet werden.
Ohne das Wort „krass“ würde uns ein Werkzeug fehlen, um unsere nicht vorhandene Meinung widerzugeben. Wir können und mögen uns nicht mehr festlegen, ob etwas gut oder schlecht ist. Überschattet von einer Welle von abertausend herein preschenden News am Tag, nehmen wir Vieles einfach nur noch als „krass“ wahr. „Krass“ kann alles, aber vor allem, jede denkbare Bedeutung ausdrücken.

Es gibt auf der Welt nur noch zwei Dinge: Sachen, die „krass“ sind, oder Sachen, über die man nicht spricht. Das Wort „krass“ ist immer verwendbar, wenn man es braucht – vor allem aber, wenn man keine Ahnung hat, keine Erfahrung oder schlicht keine Meinung über einen Sachverhalt vertritt. So gut dieser Ausdruck alle Sätze komplett und Gespräche rund macht und so sehr es deswegen mein persönliches Wort 2011 ist, sollte man bei manchen Themen aber trotzdem etwas mehr zu sagen haben, als ein einfaches Schulterzucken und ein wertneutrales „KRASS!“

(Text: Christina Hubmann)
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Über den Autor

Christina Hubmann
Redakteurin

Christina Hubmann wollte eigentlich mal Busfahrer werden, ehe sie sich entschloss, doch "irgendwas mit Medien" zu machen. Schreiben tut sie nämlich schon immer gern. Und wie das Leben ohne dieses Internet funktioniert hat, fragt sie sich schon seit Längerem - erfolglos.

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