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Jürgen Klopp in Liverpool

„You´ll never walk alone“

Seit dem 8. Oktober 2015 ist Jürgen Klopp Trainer des englischen Traditionsvereins FC Liverpool. Für einen Titel hat es diese Saison noch nicht gereicht – im Finale der Europa League setzte es zuletzt eine deutliche 1:3 Schlappe gegen den spanischen Club FC Sevilla. Dennoch kann die Verbindung Klopp-Liverpool schon jetzt als Erfolg gesehen werden. Man darf gespannt sein, was „Kloppo“ in seiner ersten gesamten Saison – einschließlich Vorbereitung – mit dem englischen Traditionsverein aus der Beatles-Stadt noch alles gelingt.

„Klopp hat Anfield wiederbelebt“

Diese Saison hat der ehemalige Trainer des BVB vor allem eines geleistet: er hat die Euphorie in Liverpool wieder erweckt. Jeder halbwegs dem Fußball zugeneigter Mensch hat schon von der legendären Heimstätte der Reds – der Anfield Road – gehört. Die Atmosphäre dort wird als Gänsehaut pur beschrieben. Und wer das Halbfinalrückspiel dieses Jahr zwischen Liverpool und Dortmund gesehen hat, der kann das nur bestätigen. Dies ist auch zu einem großen Teil Jürgen Klopp zuzuschreiben.

Jürgen Klopp

Seit dem Gewinn der Champions League – ebenfalls in einem denkwürdigen Spiel – 2005 gegen Mailand, wartet der FC Liverpool auf einen großen Titel. Den Beinamen Rekordmeister, mit bis dahin 18 Meisterschaften, musste man an den Erzrivalen Manchester United abgeben. In der Saison 2013/14 war man nahe an einem 19 Titel dran, musste sich am Ende aber dem Scheich-Klub Manchester City geschlagen geben. In der darauffolgenden Saison konnte man nicht mehr an die Leistung anknüpfen.

Zu Beginn der Spielzeit 2015/16 stand dann ein weiterer Einschnitt an: die Klubikone Steven Gerrard verließ nach insgesamt 26 Jahren im Verein Liverpool in Richtung Kalifornien, zu Los Angeles Galaxy.

Mit Gerrard, so wirkte es, hatte die Mannschaft auch ihren Glauben verloren. In teilweise lethargischer Art verstolperten die hochbezahlten Profis die Punkte. Nach dem 8. Spieltag musste Coach Brandon Rogers gehen – und Jürgen Klopp übernahm.

Aufregung, Geschrei, Streitigkeiten – die Emotionen am Seitenrand waren wieder da

Es war beileibe nicht so, dass Klopp sofort alles erfolgreich umkrempelte und die Liverpooler eine unbesiegbare Mannschaft wurden. Im Gegenteil, beide Finals diese Saison wurden verloren – der „Finalfluch“ des Jürgen Klopp geht weiter. Auch die Qualifikation für das internationale Geschäft in der kommenden Spielzeit wurde nicht erreicht – nächstes Jahr dürfen sich die Reds – ob Brexit oder nicht – ganz auf die heimische Liga konzentrieren.
Dennoch ist Jürgen Klopp in Liverpool unglaublich beliebt und sitzt fest im berühmten „Trainersattel“. Wieso?

Die Antwort auf diese Frage ist klar: weil Klopp die Emotionalität zurück in den Traditionsklub brachte. Er zoffte sich am Seitenrand mit den Schiedsrichtern, den Fans und den Trainerkollegen. Der Coach des FC Villarreal ärgerte sich auf der Pressekonferenz öffentlich, sagte: „Der Trainer ist, wie er ist. Ein großartiger Trainer, und den Rest behalte ich für mich. Ich will nach einem Sieg nicht so sein wie er. Ich bin nicht so, aber jeder ist so, wie er ist.“ Klopp hatte an der Seitenlinie jedes Tackling seiner Mannschaft mit überschwänglichem Jubel und Faustschütteln gefeiert.

Doch anders, als zu Ende seiner Zeit beim BVB, wo Klopp des Öfteren dünnhäutig und gereizt auf solche Kritik reagierte, zeigte er sich diesmal schlagfertig und trotzdem fair. „Okay. Ich will nicht eine Sekunde meines Lebens so sein wie er – und er ist ein großartiger Trainer.“
Diese Lockerheit, die ihn auch anfangs in Deutschland auszeichnete, gepaart mit einem unglaublichen Willen seiner Mannschaft – das Rückspiel gegen Dortmund, wo man in der 90 Minute den entscheidenden 4:3 Treffer erzielte als Beispiel – kommen in England sehr gut an.

Der Fußball dort verkommt immer mehr zu einer reinen Geldgeschichte. Ausländische Investoren übernehmen die traditionsreichen Vereine – auch der FC Liverpool gehört Amerikanern – Tickets werden immer teurer und es spielen kaum noch Engländer in den Mannschaften. Das schmerzt die Fan-Seele.
Jürgen Klopp gibt hier ein starkes Gegenbeispiel. Mit seiner Mannschaft zeigt er, dass nicht immer Geld die Spiele gewinnt. Sondern bedingungsloser Einsatz, Zusammenhalt und, der vor allem in England gelebte Kampfgeist, auch heute noch entscheiden können.

Für die Fans wird er, auch durch sein Vorleben dieser Eigenschaften an der Seitenlinie, zum Helden.

An Titeln wird es sich dennoch messen lassen müssen

Dennoch besitzt der Deutsche keinen „Freifahrtsschein“. So schön das für die „einfachen“ Fans ist und so romantisch diese Grundgedanken auch sind – am Ende wollen sowohl die Fans als auch die Verantwortlichen Titel sehen. In Dortmund gelang Klopp das, zwei Meisterschaften in Folge und ein DFB-Pokaltitel haben ihn dort für ewig zum Liebling gemacht.

In Liverpool steht der Beweis, dass seine Grundidee von einem bedingungslosen Konterfußball auch zu Titeln führen kann, noch aus.
In der kommenden Saison wird das noch nicht zwangsläufig erwartet. Da ist das Hauptziel, wieder in den internationalen Wettbewerb, am besten die Champions League, einzuziehen und den Klub wieder unter den Topmannschaften zu etablieren. Sollte es Klopp in absehbarere Zeit gelingen, das zu erreichen und die 19. Meisterschaft in die Stadt an der Mersey zu holen – dann kann es sein, dass sie ihm hier doch ein Denkmal bauen, direkt vor der legendären Anfield Road.

 

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