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Goldgräber in der U-Bahn

Essay über die Jeans

Das Importprodukt aus Amerika hat uns verzaubert. Ein deutscher Immigrant erfand es gemeinsam mit einem Schneider vor mehr als einem Jahrhundert für Goldgräber. Jeans kann heute freie Fahrt voraus mit Rock ’n’ Roll im Ohr oder zwölf Stunden vor einer Waschmaschine bedeuten.

Sie fühlt sich immer steif und frisch an, wenn ich sie aus dem Kleiderschrank nehme und die Beine hochziehe. Mühsam den Knopf zugemacht, beginnt der Tag mit einem eingeengten Gefühl auf der Haut. Der Stoff reibt am Körper und macht mich startklar für Stiegen steigen, Termine und Gemüse schnipseln. Ich liebe meine Jeans.

Jeans gehören zur Basis vieler Garderoben. Jeans sind indigoblau gefärbt und geben jedem Outfit die vertraute Lässigkeit vernieteter Hosentaschen. Seit 146 Jahren kennt das Modedesign diesen Baumwollstoff, brav macht Denim jeden neuen Hit mit. Die Abbas trugen ihn mit weiten Schlottern und Glitzerkram, den Mädels heute gibt er eine beinbetonte Silhouette und den Jungs lockere Coolness.

Jeans

Amerika im 19. Jahrhundert. Aufbruchsstimmung

Der traditionslastige Kontinent Europa verliert Hoffende an den noch unausgegorenen, vielversprechenden Nachbarn überm Atlantik. Auch Levi Strauss. Der Hausierer aus Bamberg zieht den Goldgräbern nach. Als aufmerksamer Unternehmergeist bietet er schon bald strapazierfähige Hosen aus Segelstoff an. Ein Lette tretet mit einer großartigen Idee an ihn heran: vernietete Hosentaschen. Erst mit gut befestigten Hosentaschen ist ein Goldgräber davor gefeit, sie vollgestopft auf halbem Weg zu verlieren. Gemeinsam erhielten sie ein Patent für ihre Erfindung und zehn Jahre später waren über 500 Menschen ihre Angestellten.

Längst nicht mehr nur Goldgräber tragen Jeans. Die Hose hat es mit den US-amerikanischen Soldaten während dem Zweiten Weltkrieg wieder zurück in das Heimatland von Levi Strauss geschafft. Sie wurde zu einem Symbol für Auflehnung gegen die alte Generation – die Texashose hat ihren Charme noch nicht verloren.

Sie ist die Hose der Arbeiterschicht und wurde zu einem Statussymbol für den Westen und einer Fast-Food-Freiheit. Gekauft. Schnell mal eben gekauft das Lebensgefühl einer Freiheit im schnellen Cabrio mit aufgedrehtem Radio. Und doch zeigt das Lebenswerk von Levi Strauss, dass nicht immer nur die Armen den Reichen in der Mode hinterherlaufen. Zu Zeiten des französischen Sonnenkönigs gab der Hof mit seinen Rüschen und Röcken den Ton an. Die Guillotine kam. Nationen Europas wurden aufgeklärt, das Bürgertum besann sich seines Intellekts und überließ die Unterwürfigkeit der Kirche.

Die Jeans für Goldgräber

Die Menschen trauten sich das anzuziehen, was ihnen gefällt. Und nicht umsonst gibt es heute abgewetzte Jeans mit Löchern in den Verkaufsregalen. Das Image des gezeichneten Goldgräbers, der in stiller Hoffnung und Beharrlichkeit sein Glück sucht, ist nicht verloren gegangen.

Die Brühe ist lila und fließt von einer chinesischen Jeans-Fabrik ins Abwasser, die Farbe lässt sich von den jungen Händen, die dort arbeiten, schon lange nicht mehr abwaschen. Eine Reportage der Stuttgarter Zeitung macht die Lebenswelt in der Textilbranche Chinas greifbar. Damit die Jeans ihren „Stone-washed-Look“ erhalten, müssen sie in die Waschmaschine um mit Bleichmitteln und Lavasteinen geschleudert zu werden, Yu Li verbringt zwölf Stunden damit. Der Himmel hängt grau über die südchinesische Provinz Guangdong. In Xintang, der Welthauptstadt der Jeans, arbeiten mehrere Hunderttausend Menschen in der Textilproduktion. Umwelt und Gesundheit der Menschen leiden – der Wirtschaftsboom Anfang der Achtziger war dennoch ein Schritt aus der Armut.

Der Stoff meiner Jeans ist über die Stunden in Bewegung und Körperkontakt weich und anschmiegsam geworden. Sowie ein guter alter Bekannter lässt sie sich von meinem Leben nicht aus der Ruhe bringen und wird wie ein kleiner Stein im Wasser abgeschliffen, mit den Reibungen des Alltags. Ich weiß nichts von ihr. Ich mag bloß die Farbe, den Stoff und die vernieteten Hosentaschen.

 

(Foto: Lisa Perkmann)

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Über den Autor

Anna Luther

Anna Luther schreibt seit Februar 2015 bei backview.eu und interessiert sich für gesellschaftliche, kulturelle und politische Thematiken. Sie studiert in Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und Philosophie.

Anzahl der Artikel : 34

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