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Jahre der Unwörter

Rückblick der besonderen Un-Art

Deutschland sucht ständig Irgendetwas. Das nächste Topmodel, den Weg zum vierten Fußballweltmeistertitel, die Lösung für Dieses, Jenes und Anderes – manchmal auch gleich die dazu passenden Probleme. Und Deutschland sucht den Superstar. Nicht wirklich, ich suche den oder die oder es nicht.

Die neonfarben leuchtende D-Promi-Legebatterie spuckt immer wieder mal Plastikkörper aus, die mal mit mehr oder weniger Talent gefüllt waren. Arme Hüllen die für viel Leeres aber im seltensten Fall für sich selbst stehen. Und immer noch suche ich nicht danach. Ich nicht und Deutschland glaube ich auch nicht. Und trotzdem: Immer wieder mal wird auch etwas gefunden, was gesucht worden sein muss. Und / oder es hat so viele Menschen so markant angesprungen, dass Suche oder Nichtsuche Nebensache sein darf. Nie Hülle, nie leer, voller Sinn im Unsinn. An der Goethe-Universität in Frankfurt am Main wird jedes Jahr etwas gesucht, dass eine große Lupe auf etwas scheinbar Kleines hält und dadurch punktuell zu einem scharfen Spiegel für dieses Land wird: das Unwort des Jahres.

Seit 1991 gibt es die gleichnamige Aktion, die alle Bürgerinnen und Bürger auffordert, Vorschläge einzubringen. „Gesucht werden Wörter und Formulierungen aus der öffentlichen Sprache, die sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen“, so liest man auf der Internetpräsenz des Unwortes. Und gesucht werden darf überall, in allen Bereichen der öffentlichen Kommunikation: Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Technik, Wissenschaft, Kulturinstitutionen und Medien. Da spannt sich ein breites Feld auf, das besucht wird.

Etwa 2000 Vorschläge gehen jährlich bei der Goethe-Universität ein und werden dort von einer Jury, bestehend aus vier ständigen Mitgliedern – allesamt ausgewiesenen SprachwissenschaftlerInnen – und zwei stetig wechselnden Mitgliedern – Vertretern der öffentlichen Sprachpraxis – , begutachtet. Jetzt kann man schnell zur Vermutung kommen, dass diese Herrschaften sicher einfach mal zählen, wie oft dieses oder jenes (schlimme) Wort in der öffentlichen Kommunikation benutzt worden ist oder, wie oft es sich in den Vorschlagseinsendungen findet. Aber weit gefehlt! Das Unwort des Jahres beziehungsweise dessen Wahl orientiert sich ausschließlich an den inhaltlichen Kriterien „aktuell“ , „sachlich grob unangemessen“ und „inhuman“. Schneidet ein Wort oder eine Begrifflichkeit hier besonders „gut“ ab, ist ein sprachlicher Missgriff besonders deutlich, haben sie gute Chancen auf die öffentliche Rüge. Denn als solche ist die sprachkritische Aktion in seiner Gesamtheit zu sehen.

Nicht mehr, in jedem Fall nicht weniger. Man muss kein Sprachwissenschaftler sein, um erkennen zu können, dass unsere Fähigkeiten zur Kommunikation in Zeiten von SMS und Internetchat immer mehr verkümmern. Über Worte, deren Sinn oder Unsinn nachzudenken beziehungsweise ein Bewusstsein dafür zu haben, sollte ein menschliches Leistungsmerkmal sein. Ist es leider nicht. Zu sehen in einigen Beispielen der Unwörter Deutschlands und vor Allem deren zahlreicher Erfinder, oftmals Träger hoher Staatsämter und damit hoher Verantwortung: So lässt Bundeskanzlerin Angela Merkel 2009 in einer Diskussion über den Umgang mit Flüchtlingen öffentlich das Wort „Flüchtlingsbekämpfung“ vom Stapel. Immerhin Platz zwei in der Rangliste der Unworte des entsprechenden Jahres, weil es stark nach einer militärischen Umschreibung der Abwehr von Flüchtlingen klingt. Autsch! Sehr daneben.
Oder der ehemalige Verwaltungsratspräsident der Firma Nestlé, Helmut Maucher, der 1997 Deutschlands arbeitsunwillige beziehungsweise arbeitsunfähige Menschen als „Wohlstandsmüll“ bezeichnet. Hoppla! Glückwunsch zum damaligen Platz eins!

Ein paar Beispiele mehr, frei herausgegriffen, jeder Jahresgewinner für sich mehr als denkwürdig: „Ausländerfrei“ (1991), „Rentnerschwemme“ (1996), „Sozialverträgliches Frühableben“ (1998), „Entlassungsproduktivität“ (2005), „notleidende Banken“ (2008) und „betriebsratsverseucht“ (2009). Betrachtet man sich die seit 1991 gekürten Unwörter, fallen immer wiederkehrende Themen auf: Misslungene militärische Wortschöpfungen, die das gewaltsame Beenden eines oder vieler Menschenleben verharmlosen. Sowie demütigende oder maßlose Kreationen aus der Arbeitswelt, die meist sich von Obrigkeiten ausgesprochen gegen das richten, was man „den kleinen Mann“ nennen könnte.

Besonders schlecht bedachte oder von Zynismus tropfende Buchstabenverbindungen aus der Welt des Ich und Du. Leider respektlos und denkbar unbedacht, denn wer weiß, dass hinter „Ausreisezentrum“ (Platz zwei im Jahr 2002) das Behördenwort für ein Sammellager abgewiesener Asylbewerber und hinter „Karlsruhe-Tourismus“ (Platz drei im Jahr 2008) die bewusste Diffamierung von Bürgern, die wiederholt wegen der Verfassungsmäßigkeit von Staatsgesetzen vor das Bundesverfassungsgericht ziehen, steht, dem muss die Notwendigkeit des „Unwort des Jahres“ klar sein. Es wirbt für mehr sachliche Angemessenheit und Humanität im öffentlichen Sprachgebrauch und ist eine deutliche Aufforderung, mehr über das nachzudenken, was wir sagen, schreiben und einander mitteilen. „Dringende Notwendigkeit“. Sicher kein neuer Kandidat der zur Wahl stehen sollte, aber sicher ein möglicher Untertitel der gesamten Aktion.

Einsendeschluss für Vorschläge zum Unwort des Jahres 2010 ist der 07. Januar 2010, Beiträge bitte an unwort@em.uni-frankfurt.de.

(Text: Martin Kießling)
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Über den Autor

Martin Kießling
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