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I’ve been looking for freedom

Die East Side Gallery in Gefahr

East Side Gallery #1

Sie geh√∂rt bereits seit Jahren zum Berliner Stadtbild. Sie ist bunt, eindrucksvoll, attraktiv f√ľr Besucher, ja sie ist ein Gesamtkunstwerk: Die East Side Gallery.¬†Nun soll ausgerechnet dieses beliebte Wahrzeichen der neuen Berliner Stadtphilosophie zum Opfer fallen.

Erneut steht der Knight Rider- und Baywatch-Star David Hasselhoff an der Berliner Mauer und unterst√ľtzt die Demonstranten mit seinem Hit. Dieses Mal geht es allerdings um den Erhalt eines Teils der Mauer, der so genannten East Side Gallery. Diese besingt er als Symbol der Freiheit. Teile dieser Sehensw√ľrdigkeit sollen n√§mlich einem Hochhauskomplex aus Luxuswohnungen weichen. Wenngleich der Einsatz von ‚ÄěThe Hoff“ f√ľr diese Demonstration wahrscheinlich eher f√ľr Publicityzwecke gedacht ist, steht sein Eifer doch sinnbildlich f√ľr eine paradoxe Entwicklung dieses Teils des Berliner Stadtbildes.

East Side Gallery #2

Die ‚Äěalte“ Mauer
Im Jahr 1989 wollte man sich noch lieber heute als morgen vollst√§ndig von der Berliner Mauer befreien, denn sie war ein Symbol der Unfreiheit, der deutschen Teilung und des kalten Krieges. Sie war auch ein Zeichen f√ľr Unterdr√ľckung und den Tod vieler Menschen beim Fluchtversuch. Daher machten sich die Berliner B√ľrger eigenh√§ndig daran mit Hammer und Mei√üel den Abriss zu beschleunigen. Warum also wird nun fast ebenso verbissen um den Erhalt des gr√∂√üten √ľbrig gebliebenen Mauerst√ľckes gek√§mpft?

Die Ursache hierf√ľr findet sich im Bedeutungswandel, den die East Side Gallery nach dem Ende des Kalten Krieges durchgemacht hat. Sie ist eben nicht mehr die historische ‚Äěalte“ Mauer mit ihrer Aura von Unterdr√ľckung und Tod, sondern eine beliebte Sehensw√ľrdigkeit.

Touristenmagnet und Symbol der Freiheit
So reisen Touristen in die Hauptstadt einzig allein um diese zu sehen. Die East Side Gallery ist dabei, nachdem sie von verschiedenen bekannten K√ľnstlern bemalt wurde, kein historisches Denkmal mehr, welches an den Schrecken alter Zeiten erinnert. Vielmehr ist sie zu einer Art kulturellen Museum geworden, als l√§ngste dauerhafte Freiluftkunstgalerie weltweit, mit ihren ganz eigenen ber√ľhmten Kunstwerken. Den meisten Berlin Besuchern ist beispielsweise das Bildnis des Bruderkusses zwischen Erich Honecker und Leonid Breschnew, welcher auf einem Mauerst√ľck verewigt wurde, von vorne herein ein Begriff und ein beliebtes Fotomotiv.

Doch die East Side Gallery ist mehr als nur eine blo√üe Sehensw√ľrdigkeit. Durch das Bemalen der Ostseite der Mauer, was zuvor verboten war und bei Versuch t√∂dlich enden konnte, ist sie zu einem Symbol der Freiheit geworden. Bekannte K√ľnstler aus der ganzen Welt versammelten sich damals um diese Euphorie der friedlichen Revolution im Ostblock bildlich zu transportieren. Diese symbolische Bedeutung ist wahrscheinlich der Grund, weshalb dieses Mauerst√ľck bis heute erhalten geblieben ist. Dieser Wert ist auch der Politik bis heute bewusst, denn erst im Jahr 2009 wurde das Wahrzeichen f√ľr mehre Millionen Euro saniert und neu bemalt.

East Side Gallery #3

Der Berliner Flair und die East Side Gallery
Letztlich ist die East Side Gallery zu einem √§hnlich elementaren Teil des Berliner Flairs geworden, wie das Brandenburger Tor oder das Spreeufer selbst. So ist jedem, der Berlin erleben will, zu empfehlen einen Abend in einer der zahlreich angrenzenden Strandbars zu verbringen. Genau diese N√§he von Kunst, Geschichte und einfachem Am√ľsement ist es, die das besondere Flair Berlins ausmacht, das die Hauptstadt von anderen Gro√üst√§dten unterscheidet. Die alternative Kunstszene und Berlin, das geh√∂rt einfach zusammen, denn die Stadt sieht sich gerne als jung, hip und unkonventionell.

East Side Gallery vor dem Aus?
Nun ger√§t genau dieses Image Berlins mit der Zerst√∂rung der East Side Gallery in Gefahr. Investoren wollen die attraktive Lage unmittelbar am Spreeufer nutzen, um dort Luxuswohnungen zu bauen und der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg plant genau daneben eine Fu√üg√§nger- und Fahrradbr√ľcke. Hierf√ľr wurde bereits ein Teilst√ľck der Mauer abgerissen, weitere sollen folgen. Letztlich wurde eine L√ľcke von insgesamt ganzen 22¬†Metern im l√§ngsten erhaltenen Mauerst√ľck geplant.

Die Reaktionen auf diese Planung und die erste Abrisse waren enorm. Es folgten Demonstrationen von mehreren hundert Menschen vor dem roten Rathaus und der East Side Gallery. Zudem wurden in einer Online Petition bereits √ľber 82000 Unterschriften f√ľr den Erhalt der Sehensw√ľrdigkeit gesammelt. Auch die K√ľnstler selbst, die nicht tatenlos dabei zuschauen wollen, wie ihre Kunstwerke zerst√∂rt werden, engagieren sich auf Seiten der Demonstranten. David Hasselhoff geht sogar so weit, medienwirksam f√ľr ein Konzert zum Erhalt der East Side Gallery aufzurufen.

Die Berliner zeigen sich solidarisch und k√§mpfen verbissen um den Erhalt ihres Wahrzeichens. Leicht kommt bei dieser Gefahr auch die Angst vor weiterer Gentrifizierung Berlins auf. Man f√ľrchtet sich davor, dass auch dort das angestammte, k√ľnstlerische Milieu zugunsten einer finanzkr√§ftigeren neuen Bev√∂lkerungsgruppe verdr√§ngt werden soll.

Berlin als ‚ÄěYuppie-Stadt“?
Daher nimmt die Entscheidung √ľber die Zukunft der East Side Gallery eine Art Frontstellung zwischen verschiedenen Stadtphilosophien ein. Auf der einen Seite steht das junge, alternative Berlin, welches ein k√ľnstlerisches, szeniges Stadtbild bewahren will. Sie wollen hierf√ľr die historische Stadt mit ihrer ganz eigenen Kultur erhalten. F√ľr dieses Vorhaben ist der unversehrte Verbleib des Wahrzeichens entscheidend.

Auf der anderen Seite steht die moderne Berliner Stadtphilosophie, vertreten durch finanzkr√§ftige Gro√üinvestoren. Ihr Ziel ist es, das Stadtbild hin zu einem luxuri√∂seren, schickeren Image zu ver√§ndern und auf diese Weise besonders zahlungskr√§ftige Besucher in die Hauptstadt zu locken. Dabei wird auch vor historischen und symbolischen Wahrzeichen wie der East Side Gallery nicht Halt gemacht. Dies zeigt, dass die Angst vor einem Berlin als ‚ÄěYuppie-Stadt“ nicht v√∂llig fern der Realit√§t ist.

Meiner Meinung nach sollten die einzigartige Geschichte und der alternative Flair der Gegenwart der Hauptstadt, bei allem Streben nach Zukunft und Modernität, nicht auf der Strecke bleiben. Sie sind es die Berlin von anderen Großstädten unterscheidet und seinen Mythos ausmachen.

Die Hauptstadt so wie sie ist, ist spannend, hip und attraktiv zugleich und deswegen eine Besonderheit. Daher d√ľrfen jegliche historische und kulturelle Wahrzeichen nicht einmal teilweise zerst√∂rt werden. Letztlich bleibt mir dabei nur, wie es ‚ÄěThe Hoff“ in seinem Hit besingt, darauf zu hoffen, dass die Freiheit, in Form ihres Symbols, der East Side Gallery, erhalten bleibt und sich zwischen Vertretern der alternativen und modernen Stadtphilosophie ein Kompromiss findet.

(Text: Max Stenger, Fotos: Julia Radgen)

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