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„Kritik an Trump tut nicht weh“

Interview mit Trump-kritischen Wolfgang Niederhofer

Wolfgang Niederhofer war früher überzeugter Linker des politischen Systems. Heute sympathisiert er mangels Alternativen mit rechten Parteien. Niederhofer stößt sich an fehlender Sachlichkeit in der Berichterstattung über US-Präsident Donald Trump. Im Interview analysiert der Südtiroler Geschäftsführer des Reisebüros Vai e Via die Politik Trumps und seine Beziehung zu den Medien.

Wolfgang Niederhoferbackview.eu: Was waren deine erste Reaktion, deine ersten Gedanken beim Wahlsieg der US-Präsidentschaftswahlen von Donald Trump?

Wolfgang Niederhofer: Die Meinungsforschungsinstitute lagen total daneben. Kurz vor der Wahl, wurde suggeriert, dass es nur noch ein rein formaler Akt sei und Hillary Clinton so gut wie gewonnen hätte.

Als welcher Typ von Politiker könnte Trump beschrieben werden?

Trump ist eigentlich kein Politiker, das sagt er ja selber dauernd. Trump ist ein egozentrischer Geschäftsmann, er hat die Instrumente und Abläufe klassischer Politik nicht verstanden. Allerdings ist er auch nie angetreten, um den klassischen Politiker zu spielen.

Was sagt es über das Volk aus, wenn so eine Person gewählt wurde?

Man soll sich absolut davor hüten, zu sagen, die Hälfte der US-Amerikaner seien nicht demokratisch eingestellt oder Trump-Wähler intellektuelle Nullnummern. Das sind häufig Menschen, die ihre Steuern bezahlen und von einer bestimmten Art von Politik nicht mitgenommen wurden. Man sollte sich selbstkritisch hinterfragen, wieso durch das linksliberale Establishment viele Menschen nicht nur in den USA, sondern auch in Europa nicht mehr erreicht werden. Da muss in Zukunft Denkarbeit investiert werden.

Seine negativen Schlagzeilen hören nicht auf: Russland-Affäre, Austritt aus dem Klima-Abkommen und die Anschuldigung an etablierte Medien Fake News zu verbreiten. Machen die Medien Trump zum Clown oder umgekehrt?

Ich würde sagen, beides. Wobei sich die Medien nicht gleichermaßen an Trump abarbeiten. Mir fällt beispielsweise auf, dass italienische Medien gegenüber Trump gelassener und ausgewogener reagieren, als etwa deutsche Leitmedien. Was mich ganz besonders in Deutschland wundert, ist, dass sich die deutschen Medien derart an Trump abarbeiten und nicht an der eigenen Bundesregierung. Nur zwei Stichworte: Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Faktisch handelt es sich um ein Zensurgesetz für das sich mittlerweile sogar Länder wie Weißrussland interessieren. Es ist nicht mal sicher, ob dieses Gesetz vor dem Bundesverfassungsgerichtshof standhält. Wo bleibt hier die kritische Stimme der Medien?

Stichwort Flüchtlingspolitik: Das was sich in Deutschland seit September 2015 teilweise abspielt grenzt an Staatsversagen. Mittlerweile ist klar, dass deutsche Leitmedien im Herbst 2015 ihre Rolle als kritisches Korrektiv nicht wahrgenommen haben, lieber übte man sich in Applausjournalismus für eine Bundesregierung, die in meinen Augen in etlichen Jahren gute Chancen hat, als miserabelste Bundesregierung in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland einzugehen.
Trump und die Medien haben eine Beziehung, wo sich die zwei Richtigen gefunden haben. Sehr wahrscheinlich kommt es zu keiner Normalisierung. Es ist auch schwer, einzuschätzen, was effektiv hinter bestimmten Affären steckt. Ich persönlich würde mir kein Urteil erlauben, ob die Russland-Affäre nun von den Medien aufgebauscht wurde, oder ob hier tatsächlich etwas von Relevanz dahinter steckt. Das ist auch sehr schade, da medial betrachtet, im Umgang mit Trump leider teilweise viele Maßstäbe eines nüchternen, sachlichen Journalismus verloren gegangen sind.

Woran machst du das fest?

Bestimmte Medien arbeiten sich mehr emotional und ideologisch an Trump ab, als sachlich. Es gibt hunderte von Dingen, die an Trump zu Recht zu kritisieren sind. Aber als kritischer Zeitungsleser fällt es sehr unangenehm auf, wenn das Gefühl aufkommt, dass die Kritik sich in erster Linie ideologisch nährt, nicht inhaltlich. Die Einstellung der Journalisten dürfte nach außen hin, überhaupt keine Rolle spielen.

Kritisch zu betrachten ist jedenfalls, dass Kritik an Trump nicht weh tut. Alle klopfen sich gegenseitig auf die Schulter und wähnen sich auf der moralisch richtigen Seite. Dort wo Kritik weniger komfortabel zu äußern ist, etwa am türkischen Neosultan Erdogan oder an der eigenen Regierung, bleiben die deutschen Leitmedien häufig stumm oder hinter den Maßstäben eines wirklich kritischen Journalismus.

Wie beurteilst du die politische Position Trumps?

Schwer zu sagen. Ich glaube nicht, dass er gefestigte Positionen hat. Es ist auch ganz schwer einzuschätzen, welche politischen Kräfte in den USA am Werk sind. Auf der einen Seite die Demokraten und auf der anderen Seite die Republikaner, die ja auch nicht geschlossen hinter Trump stehen. Es gibt die sogenannten Neocons, die für diverse Kriege der USA verantwortlich sind, die von Trump kritisiert wurden, oder den sogenannten militärisch/industriellen Komplex und die Geheimdienste, die alle ihre Interessen haben. Es ist schwer diese Melange einigermaßen einzuordnen. Für seine Anhänger ist er angetreten, das politische Establishment aufzumischen. Schwierig, ob er diesbezüglich seine Anhänger bedienen können wird.

Zum Abschluss doch zwei Stichworte und Denkanstöße: Trump hat meines Wissens als erster Präsident der USA den Golfkrieg kritisiert und als Fehler bezeichnet. Das ist für einen US-Präsidenten nicht wenig. Zudem hat er die Dynamik, die im Nahen Osten abläuft kurz nach seiner Wahl wesentlich besser beschrieben, als alle seine Amtsvorgänger. Dies beweist auch die Tatsache, dass er davon absieht Assad in Syrien stürzen zu wollen. Die Folge wäre ein weiterer failed state, wie etwa in Libyen.

Bezüglich der Politik Trumps an der mexikanischen Grenze zitiere ich eine Aussage von Christian Ude (SPD), dem früheren Oberbürgermeister Münchens. „Und was sei der Grenzzaun in Ceuta (Anmerkung: spanische Enklave in Marokko) anderes als das so entsetzliche Grenzregime Trumps in Mexiko. Es wird lange dauern, bis an der mexikanischen Mauer mehr Menschen gestorben sind als im Mittelmeer ertrunken sind.“
Auch in diesem Zusammenhang gilt: Eine differenzierte Haltung bezüglich einzelner Positionen Trumps täte dem beschädigten Image deutscher Leitmedien gut.

Wird Donald Trump deiner Einschätzung nach seine erste Amtszeit als US-Präsident bis zum Ende bestehen?

Eine Prognose abzugeben, liegt nicht in meiner Kompetenz. Viele Trump-Kritiker hoffen zurzeit auf ein Amtsenthebungsverfahren. Dieses Verfahren hat allerdings nur eine Chance, wenn die republikanische Partei dem Präsidenten Trump die Unterstützung entzieht.

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Über den Autor

Anna Luther

Anna Luther schreibt seit Februar 2015 bei backview.eu und interessiert sich für gesellschaftliche, kulturelle und politische Thematiken. Sie studiert in Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und Philosophie.

Anzahl der Artikel : 37

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