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Ich weiß über alles Bescheid – leider

Ein etwas überspitzter Kommentar contra „Online-Freundschaften“

Soziale Netzwerke sind dazu da, Kontakte zu knüpfen und sich untereinander auszutauschen. Aber sie verführen uns dazu, Menschen als Freunde zu bezeichnen, die gar keine Freunde sind. Sie schaffen ein Gemeinschaftsgefühl, dass es offline vielleicht niemals geben würde. Und sie verlocken dazu, zu denken, man wisse sowieso schon alles.

Laura ist gerade auf dem Weg nach München. Matze freut sich auf den Feierabend. Lisa hat Hunger und ist müde. Tom ist erkältet. Peter brät sich heute Abend Fisch, weil er sich die letzten Tage nur von Tiefkühlpizza ernährt hat. Marie genießt die Sonne. Dies alles – und noch viel mehr – kann man erfahren, wenn man fünf Minuten auf seinem Profil bei Facebook verweilt.

Soziale Netzwerke machen es uns einfach, Menschen näher kennen zu lernen. „Oh, wir haben fünf gemeinsame Freunde? Mensch, dann müssen wir uns natürlich sofort vernetzen.“ Genau wegen dieses Phänomens bin ich mit dem Onkel meiner Nachbarin Susa befreundet: Sie stellte ihn mir auf ihrem kleinen Grillfest letzten Sommer vor. Wir haben etwa fünf Worte miteinander gewechselt. Mittlerweile weiß ich aber, dass er in seiner Mittagspause gerne Sushi isst, er seinen Urlaub dieses Jahr auf Malle verbringen wird und er mal wieder mit Susa golfen gehen möchte. Und das alles nur, weil wir uns bei Facebook „Freunde“ nennen.

Der durchschnittliche Nutzer ist mit 130 Personen vernetzt. Doch teilweise kennen wir diese ja nicht einmal persönlich! Liest man aber fünf Posts einer Person, fühlt man sich ihr irgendwann verbundener. Eigentlich ist Facebook doch ein schöner Ort, in dem jeder offen seine Statements hinterlässt, in dem er allen Menschen mitteilt, wie es ihm gerade geht, was er denkt und fühlt. Wo sonst trifft man heute noch auf so viel Wärme und Ehrlichkeit? Dass ich Susas Onkel seit diesem Grillfest nie mehr wieder gesehen habe, ist ja völlig nebensächlich. Ich habe das Gefühl zu wissen, was gerade bei ihm so los ist und was ihn bewegt. Ich esse auch gerne Sushi, ich kommentiere seinen Post „Schon wieder Grippe. So ein Mist“ mit Genesungswünschen und golfen wollte ich auch schon immer mal. Susas Onkel gehört deshalb schon irgendwie zu meinen Freunden dazu.

Ich habe also stets den Überblick über meine Bekanntschaften. Zumindest von all denjenigen, die auch regelmäßig einen Post tippen. Was ist eigentlich mit den Kandidaten, die bei Facebook lediglich angemeldet sind, das Netzwerk aber nur passiv nutzen? Sollte nicht mal eine automatische Erinnerungsfunktion in Bewegung gesetzt werden, damit uns auch diese Kategorie Freunde ständig vor Augen bleibt? Und was ist eigentlich mit den Wenigen, die gar keinem sozialen Netzwerk angehören?

Laura ist mittlerweile in München angekommen. Ihr scheint es gut zu gehen. Sie hat schon drei Paar Schuhe geshoppt. Da scheint sie die Trennung von ihrem Freund letzte Woche also sichtlich gut überstanden zu haben. Ich klicke auf „Gefällt mir“ – also wozu sollte ich ihr noch eine persönliche Nachricht schreiben, sie anrufen oder gar fragen, ob sie mal wieder Zeit für einen Kaffee hat? Ich bekomme ja dank Facebook alles aus ihrem Leben mit.
Meine ich zumindest. Dank Sozialer Netzwerke schleicht sich heimlich, still und leise immer wieder das Gefühl in meinem Köpfchen ein, ich wüsste schon über alles Bescheid. Bei echten Freunden fühlt sich das anders an.

(Text: Christina Hubmann)
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Über den Autor

Christina Hubmann
Redakteurin

Christina Hubmann wollte eigentlich mal Busfahrer werden, ehe sie sich entschloss, doch "irgendwas mit Medien" zu machen. Schreiben tut sie nämlich schon immer gern. Und wie das Leben ohne dieses Internet funktioniert hat, fragt sie sich schon seit Längerem - erfolglos.

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