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Ich habe sie getötet!

So erlebte ein Lokführer einen Suizid vor seinem Zug

Es war nur ein dumpfer Schlag. Es war nur ein kurzer Moment. Doch er veränderte mein Leben für immer. Dieser Tag verfolgt mich in meinen Träumen. Er verfolgt mich beim Frühstück. Er verfolgt mich im Auto. Er verfolgt mich beim Einkaufen. Er verfolgt mich einfach überall. An diesem Tag tötete ich eine junge Frau.

Ich zog die Notbremse meines Zuges mit voller Kraft. Doch mir war schnell bewusst, dass ich zu spät reagierte. Nur wenige Meter vor mir steht plötzlich eine schwarzhaarige Frau direkt auf den Bahngleisen. In einer roten Lederjacke schaute sie mir mit starrem Blick entgegen. Hinter ihr ging am Horizont gerade die Sonne auf. Mit den vier Waggons in meinem Nacken raste ich ihr mit 120 Stundenkilometer entgegen. Doch nicht aus Freude. Denn das einzige, dass ich ihr brachte, war ihr Tod.

Lokfuehrer Suizid

Nach diesem Selbstmord sagten mir viele, ich brachte der Frau Erlösung. Sie sei krank und nicht mehr bei vollem Bewusstsein gewesen, als sie sich zu diesem Schritt auf die Bahngleise entschieden hat. Für mich ist diese Art von Erlösung allerdings unvorstellbar. Wenn sie krank war, dann hätte man ihr helfen können. Irgendwie. Ich habe sie getötet!

Ich hatte keine Wahl

Was hätte ich tun sollen? Wie hätte ich die 27-Jährige retten können? Diese Fragen stelle ich mir bis heute jeden Tag aufs Neue. Eine befriedigende Antwort werde ich mir darauf selbst wohl nie geben können. Es hilft mir nichts, wenn mir jeder immer wieder beteuert, dass es nicht meine Schuld war. Dass ich richtig reagiert und eine Vollbremsung eingeleitet habe. Mehr wäre in meiner Situation nicht machbar gewesen.

Doch mich verfolgen diese rote Lederjacke und diese dunklen Augen. Mich verfolgt diese Sekunde vor dem Aufprall. Ich stand einfach nur da. Ich hörte die Schienen quietschen. Es gab nur sie und mich. Unsere Blicke trafen sich ein letztes Mal. Dann gab es nur einen dumpfen Aufschlag und endlich die Erlösung. Die Frau war weg. Ich musste nicht mehr in ihre Todesangst schauen und ich war im ersten Moment irgendwie erleichtert.

Danach kam nur noch Hilflosigkeit

Hilflosigkeit. Dieses Wort begleitet mich seit dem Tag im November 2013. Ich war hilflos bevor es passierte – als ich dem Unglück mit eigenen Augen entgegen sah. Ich war hilflos in dem Moment des Aufpralls – als sich mein Leben mit Schmerz erfüllte. Ich war hilflos – als ich ausstieg und als erstes den abgerissenen linken Arm der Frau liegen sah. Und ich bin heute noch hilflos!

Es gibt Tage, da weiß ich nichts mehr mit mir anzufangen. Manchmal erwische ich mich sogar beim Gedanken, dass ich selbst gerne auf den Gleisen gestanden wäre. Wäre doch ich an ihrer Stelle gewesen …

… dann wäre ich jetzt frei!

Der Autor dieses Beitrags möchte unerkannt bleiben und hat den Artikel deshalb anonym bei uns veröffentlicht.

(Foto: Martin Jäger by pixelio.de)

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