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„Ich habe keine Wahl“

Was junge Bürger von der russischen Politik halten

Anna, Tamara und Tanya stammen aus Russland und leben seit einigen Monaten in Deutschland. Pressefreiheit ist hier kein Thema, mit der Opposition verhandelt man sogar über den neuen Bundespräsidenten. In ihrem Heimatland ist das nicht üblich. Mit back view sprechen die drei über ihren Blick auf die aktuelle russische Politik.


Tamara ist erst siebzehn Jahre, doch wie so manche junge Russin ist sie bereits desillusioniert angesichts der Wahlversprechen, die nicht umgesetzt werden. Viele Menschen in Russland leben immer noch unter der Armutsgrenze, während Medwedew und Putin sich laut Website von „Einiges Russland“ damit rühmen, die Arbeitslosenquote um 35 Prozent gesenkt zu haben. Doch gerade für weniger gebildete Jugendliche stelle die Arbeitslosigkeit nach wie vor ein großes Problem dar.

„Das ergibt keinen Sinn. Denn die Regierung macht alles, was sie will und hat den Menschen sehr viel versprochen, setzt das aber alles nicht um“, erklärt Tamara. Mit ihrer Zwei-Drittel-Mehrheit in der Duma ist es „Einiges Russland“ möglich, eigene Entscheidungen unabhängig von der Opposition zu treffen.

Tanya (17) würde bei den Präsidentschaftswahlen für die konservative Putin-Partei stimmen. „Wenn ein anderer gewinnt, wird er wieder alles von vorne anfangen, was Putin schon gemacht hat, und wir können nicht noch einmal acht Jahre auf einen Präsidenten warten, bis er sein Programm realisieren kann“.

Die Resignation ist ihr anzusehen, das Warten auf Veränderungen möge nicht noch länger andauern. Gleichzeitig ist sie entschlossen, ihre Stimme immer abzugeben. „Viele Leute wollen nicht zur Wahl gehen und ihre Stimme abgeben, weil sie glauben, es verändere nichts“.

Auch Anna (17) wird bei den nächsten Wahlen ihre Stimme dem konservativen „Einiges Russland“ geben, wenngleich „die Umkehr zum Guten“ im Kurs der Politik seit zehn Jahren nicht spürbar sei. Doch die junge Russin erklärt: „Ich habe keine Wahl.“ Eine nachvollziehbare Einstellung.

Anna versucht stattdessen, das Positive darin zu sehen, Putins Partei zu wählen: „Er ist besser in der Weltpolitik als andere Präsidentschaftsanwärter“. Ihrer Meinung nach haben die Menschen nach wie vor Angst, die Kabinettsbesetzung zu ändern. Noch lassen sich die Russen von den Leistungen von „Einiges Russland“ einlullen: Trotz der Krise in westlichen Ländern seien eine stärkere Armee, ein höherer Lebensstandard als zu sowjetischen Zeiten und ein Wirtschaftswachstum in Russland etabliert worden.

Scheinbar können sich die Wähler am 4. März 2012 zwischen fünf Kandidaten entscheiden. Doch sicher ist sich niemand, ob die Wahl tatsächlich über die Stimmzettel der Bürger entschieden wird oder über die Karussell-Methode. Selbst, wenn es dieses Mal gerecht zugehen sollte, sichert sich „Einiges Russland“ weiterhin viele Stimmen durch Medienpräsenz. Die Opposition hat keine Chance, bei den Kreml-nahen Medien zu intervenieren.

„Laut Gesetz ist Russland ein demokratisches Land, aber das stimmt nicht“, sagt Anna und zuckt mit den Schultern. Ihr bleibt nichts übrig, als darauf zu hoffen, dass der Kurs eines Tages dreht.

(Text: Ronja Heintzsch)
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Über den Autor

Ronja Heintzsch
Ressortleiterin Kultur

Konstruktive Kritik in bitterscharfen Kommentaren üben, die Welt bereisen, auf aktuelle Problematiken hinweisen - all dies sind Gründe, aus denen Ronja beschloss, sich dem Metier Journalismus zu verpflichten. Schließlich gibt es noch einige unaufgedeckte Watergate-Affären in dieser Welt.

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