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„Ich fand es eher komisch, dass alle anderen Leute hetero sind.“

Interview mit der bisexuellen Studentin Anja Helene Erlacher

Im Gespräch mit der jungen Frau räumten wir mit Vorurteilen auf und sie erzählte über die Regenbogenszene in Österreich und ihrem Leben. Regenbogen spricht hier die bunte Bandbreite an, die zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht in der Biologie als auch in der Kultur zu finden ist.

back view: Homosexualität – ein großes Thema – war in letzter Zeit oft in den Medien präsent, beispielsweise die Regenbogenparade, die Ampeln mit lesbischen oder schwulen Pärchen in Wien oder die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Irland etc. Fühlst Du Dich in besonderer Weise davon angesprochen?
Anja Helene: Ich finde die Themen alle sehr spannend und ich find’s auch gut, dass sich da etwas tut. In Irland fand ich es sehr gut, dass die ganze Bevölkerung darüber abstimmen durfte. Manche haben gesagt ‚Es ist riskant, weil die Mehrheit über eine Minderheit bestimmt hat‘, aber es sagt sehr viel über die irische Bevölkerung aus, dafür, dass sie dann doch für ‚ja‘ gevotet haben. Ich gehöre zu den Leuten, die das eigentlich fast nur für positiv befinden und bei der Regenbogenparade mach ich selber mit. Es macht mich sehr stolz, dass wir sowas auch in Österreich haben.

Interview Helene Erlacherback view: Seit wann weißt Du, dass Du bi bist?
Anja Helene: Ich glaub, seit ich denken kann. Es war schon mit fünf oder sechs Jahren selbstverständlich für mich und ich hab das nie wirklich hinterfragt. Ich fand es eher komisch, dass alle anderen Leute hetero sind.

back view: Und hattest Du mal Probleme, weil Du bi bist?
Anja Helene: Nein, also beim Comingout mit meinen Eltern, war ich vielleicht ein wenig nervös. Aber wirklich irgendwelche negativen Konfrontationen von Freunden oder so hatte ich nicht direkt. Sie haben ein bisschen gebraucht, um es zu verstehen, aber das habe ich ihnen dann schon klar gemacht.

back view: Findest Du unsere Gesellschaft in dieser Hinsicht eigentlich eher ablehnend oder tolerant?
Anja Helene: Offiziell und in der Mediendarstellung ist Österreich extrem tolerant. Das ist, wenn man die Leute jetzt Einzeln befragt, vielleicht nicht ganz so, wie man’s gerne hätte. Aber es hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan und im Vergleich zu anderen auch europäischen Ländern sind wir da sehr weit. Es lässt sich immer noch was verbessern, aber es ist auf jeden Fall schon eine gute Situation.

back view: Was findest Du eigentlich an Frauen attraktiv, was bei Männern jetzt nicht so attraktiv wäre?
Anja Helene: Das kann ich jetzt nicht so sagen. Ich unterscheide da auch nicht wirklich von Geschlecht zu Geschlecht, sondern, wenn ich eine Person mag, dann mag ich sie. Ich nehme mir nicht vor, mal auf Männer- mal auf Frauensuche zu gehen. Das ist vielleicht ein recht häufiger Irrglaube, das macht, glaub ich, kaum jemand. Ich geh da sehr nach Sympathie und Charakter.

back view: Mit welchem Geschlecht identifizierst Du Dich?
Anja Helene: Hundertprozentig als Frau.

back view: Was würdest Du jemandem raten, der Angst davor hat homosexuell zu sein oder sich dazu zu outen?
Anja Helene: Man sollte auf jeden Fall für sich selbst wissen, was man jetzt mag und was man ist. Das Comingout für sich selber sollte man abgeschlossen haben. Es ist nicht zwingend, jetzt irgendjemanden zu sagen, dass man homosexuell ist, weil das eigentlich auch niemanden etwas angeht. Aber ich würde schon dazu raten. Es hängt auch davon ab, wie man zu den Leuten steht. Also wenn man Angst hat, dass die Eltern einen rausschmeißen und nie wieder mit einem reden, würde ich’s mir dann schon eher überlegen, als wenn es ein paar Freunde sind, die ich alle paar Wochen sehe. Es ist sehr situationsabhängig. Generell würde ich sagen: Wenn es dann draußen ist, fühlt man sich schon besser.

back view: Glaubst Du, dass homosexuelle Menschen aus Frust und Liebeskummer durch Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht homosexuell wurden? So mit dem Gedanken: ‚Die Männer können mir gestohlen bleiben, ich steh jetzt nur noch auf Frauen‘.
Anja Helene: Nein, ich glaub das ist psychologisch oder neurologisch bedingt. Es gibt schon ein paar Menschen, die dann im späteren Alter zu einem anderen Geschlecht tendieren. Aber bei den meisten ist es so, dass sie sich zuerst selbst finden und zum Beispiel anfangs bisexuelle Veranlagungen haben. Diese Vorstellung ist für mich ein zu extremer Ansatz.

back view: Ist es in homosexuellen Beziehungen dann auch immer so, dass jemand die Frauen- und der andere die Männerrolle übernimmt?
Anja Helene: Nein, das ist ein Irrglaube. Es gibt schon eher feminine Männer. Aber das ist keine generelle Regel. Es auch nicht so, dass man vornherein im Gespräch mit einer Person erkennt, dass sie schwul oder lesbisch ist. Ich kenne sehr viele, denen siehst und merkst Du das nie an.

back view: Fühlst Du Dich unter homosexuellen Menschen wohler als unter totalen Heteros?
Anja Helene: Es ist ganz unterschiedlich. Ich hab in der Jugendgruppe von der HOSI (Homosexuelle Initiative) immer so wie einen Kreis, wo dann alle entweder homo-, bi- oder transsexuell sind. Und da alle Leute ähnlich sind, ist die Gruppenstimmung natürlich eine ganz andere. Aber wenn man dann nur so ein Zwei-Augen-Gespräch mit Bekannten führt, sind sie dann auch wieder ganz gleich.

(Interview: Anna Luther / Foto: Anja Helene)

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Über den Autor

Anna Luther

Anna Luther schreibt seit Februar 2015 bei backview.eu und interessiert sich für gesellschaftliche, kulturelle und politische Thematiken. Sie studiert in Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und Philosophie.

Anzahl der Artikel : 37

© back view e.V., 2007 - 2017

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