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Horkruxe statt Hogwarts

Julias Kinoecke: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes

Das Ministerium ist gefallen, die Schule besetzt. Die Jagd auf die Schlammblüter hat begonnen. Der große Meister und seine Anhänger sind an der Macht. Nein, hier geht es nicht um die Diktatur von Adolf Hitler. Es geht um einen berühmten Kinderhelden, dessen Geschichte nach und nach zur politischen Parabel avanciert.

kinoeckeKein Hogwarts, kein Quidditch, kein Dumbledore. Im siebten Abenteuer des Zauberlehrlings Harry Potter erinnert nahezu nichts mehr an die prachtvolle Zauberschule, ihre skurrilen Professoren, labyrinthischen Treppen, sprechenden Gemälde. Dem Zuschauer bietet sich bereits zu Beginn des Films ein düsteres Endzeit-Szenario. Das dunkle Mal überschattet den grau-schwarzen Himmel, Zeitungen berichten von ermordeten Muggel-Familien und Hermine Granger löscht sich mit leerem Blick aus den Gedächtnissen ihrer Eltern.Dass der britische Schauspieler Daniel Radcliffe zum berühmtesten Zauberschüler aller Zeiten wurde, ist inzwischen 10 Jahre her. Seitdem ist so einiges geschehen. Seine Figur musste Kämpfe bestreiten, Nahtod-Erfahrungen machen, Freunde verlieren und Liebeskummer ertragen. Aus dem kleinen Jungen, der einst Bertie Botts Zauberbohnen lutschte, wurde ein junger Mann mit einer kaum zu bewältigenden Aufgabe.

Um Lord Voldemort töten zu können, muss Harry gemeinsam mit seinen Freunden die sieben Horkruxe finden, die den dunklen Magier nahezu unsterblich machen. Außerdem wären da noch die „Heiligtümer des Todes“, drei magische Gegenstände, die ihren Besitzer unbezwingbar machen. Möglicherweise sind sie der Schlüssel, Voldemort endgültig besiegen zu können. Für die drei Freunde beginnt die große Flucht. Flucht vor Voldemort, seinen Todessern und der Zeit, die ihnen davonzurennen scheint. Sie hetzen durch dunkle Wälder, passieren zugefrorene Flüsse und endlos weite Hügellandschaften – für Regisseur David Yates die Gelegenheit, ein reizvolles Repertoire an englisch-irisch-schottischen Landschaftsaufnahmen abzuspulen. Nacht für Nacht bauen sie ihr Zelt auf, wärmen sich am Feuer und halten Wache. Im Hintergrund stets das Radio, aus dem eine Stimme die Namen der Gefallenen und Ermordeten aufzählt.

„Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von seinen Vorgängern. Er ist düsterer, apokalyptischer, grausamer. Es wird gefoltert, getötet und erpresst. Zudem hält der Film sich sehr genau an die Literaturvorlage und lässt kaum einen Handlungsstrang aus – ein Vor- und Nachteil für jene, die das Buch nicht kennen. Die Fülle an Details und Kurzinfos kann unter Umständen verwirrend und konfus erscheinen.

Interessant sind vor allem jene Stellen des Films, an denen Regisseur David Yates es wagt, eigene Ideen einzubauen. Besonders hervorzuheben wäre hier die Einbindung des „Märchens der drei Brüder“. Was J.K. Rowling in ihrem Buch schlichtweg kursiv setzt, verarbeitet Yates zu einem kunstvollen Schattenspiel im Stil der 20er Jahre. Auch die Tanzszene mit Harry und Hermine ist nicht Teil der Literaturvorlage, versprüht jedoch einen schaurigen Hauch von Endzeitstimmung. Untermalt wird diese Situation sehr passend mit dem Song, der aus dem Radio erklingt: „O Children“ von Nick Cave.

Auch Yates Interpretation des Voldemort-Gefolges ist durchaus interessant, erinnert sie doch stark an den Faschismus. Die Verhöre im besetzten Zaubereiministerium sind Gestapo-Methoden nachempfunden. Der Gedanke der Überlegenheit der Vollblut-Magier weckt zudem eine Assoziation an die nationalsozialistische Rassenlehre. Dass die Uniformen der Ministeriumsangestellten an NS-Uniformen erinnern, ist mit Sicherheit kein Zufall.

Manch einer mag die Länge des siebten Teils beklagen. Mit 146 Minuten ist „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ in der Tat ein durchaus langes Kinovergnügen. Und phasenweise zieht sich Harrys Reise durch die Einöde ein klein wenig. Da die Spannungskurve aber nie fällt, lässt sich darüber hinwegsehen. So ist es umso ärgerlicher, dass Harrys Abenteuer abrupt endet und dem Zuschauer eine Wartezeit von einem dreiviertel Jahr auferlegt. Für den Sommer 2011 ist der Kinostart von Teil II geplant.

Fazit: Ein absolut gelungenes Potter-Abenteuer. Düsterer und besser denn je.

Bewertung: 4,5 von 5 Sternenstern_kino_bildgre_ndern stern_kino_bildgre_ndern stern_kino_bildgre_ndern stern_kino_bildgre_ndern stern_kino_bildgrn_halb

(Text: Julia Hanel / Zeichnung: Christina Koormann)


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