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Homosexualität – eine südliche Sitte?

Ein Blick auf die weltweite Entwicklungsgeschichte

Homosexualität ist keine Erscheinungsform der Moderne, sie existiert nicht erst seit Elton Johns endgültigem Coming Out 1984 – und sie entstand auch nicht zusammen mit gesellschaftlichen Weiterentwicklungen und Befreiungsversuchen wie etwa dem Feminismus. Die Liebe oder sexuelle Akte unter gleichgeschlechtlichen Partnern ist älter als so manche Kultur dieser Erde und entwickelte sich über Jahrtausende hinweg – wenn auch mit wachsendem Einfluss der monotheistischen Religionen eher ins Negative. Zwar kann man frühere homosexuelle Handlungen nur schwer mit den partnerschaftlichen Beziehungen von heute vergleichen, doch gab es eine Zeit, in der gleichgeschlechtlicher Sex, vorwiegend unter Männern, gang und gäbe war und in einigen Kulturkreisen sogar zum guten Ton gehörte.

Die ersten Gesetze zum Thema Homosexualität gab es wohl in Griechenland, datiert um 600 vor Christus. Sie schrieben Männern regelrecht eine homoerotische Freundschaft zu – die sogenannte Knabenliebe oder Päderastie, die in der Antike als eine Art Sitte galt. Zudem ist die griechische Kultur männlich orientiert – der männliche Körper galt als Schönheitsideal, das die Erotik der Griechen beeinflusste. Gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehungen zu Jugendlichen waren damals auch ein Bestandteil intellektueller Diskussionen. In erster Linie war es ein Privileg der Aristokraten. Der junge Geliebte in einer solchen Verbindung erlangte dadurch schon früh hohes Ansehen, ebenso wie dessen pädagogische Erziehung eine Rolle spielte.

Auch in China findet man Belege etwa aus dem zehnten Jahrhundert, die von männlichen Paaren mit einem älteren und einem jüngeren Partner sprechen. Das Interesse der Männer an männlichen Jugendlichen spiegelte sich auch in der Prostitution wieder – bis Anfang des 20. Jahrhunderts erzielten junge männliche Prostituierte wesentlich höhere Preise als ihre weiblichen Konkurrentinnen. Heute  sind besonders die sich prostituierenden Transvestiten in Thailand bekannt, die immer wieder Touristen aufs Glatteis führen.

Homosexualität war ebenso innerhalb indianischer Stämme keine Seltenheit – mexikanische Völker beispielsweise unterhielten regelmäßige Beziehungen zwischen erwachsenen Männern und Jungen – eine sich wiederholende Angelegenheit also. Verschiedene nordamerikanische Stämme besaßen eine spezielle Kategorie für Männer, die Frauenkleider trugen, typische Frauenarbeit verrichteten und Sex mit Männern hatten. Zudem hatten sie innerhalb der Gemeinschaft eine besondere spirituelle Funktion inne – sie wurden nicht als homosexuell eingestuft, sondern einem dritten oder auch vierten Geschlecht zugeordnet, deren Besonderheit in einem Körper mit zwei Seelen bestand, den Two-Spirits.

Die ersten Hindernisse
Das erste bekannte gesetzliche Verbot sexueller Beziehungen zwischen Männern unter Androhung der Todesstrafe stammt vom Jüdischen Volk um 550 vor Christus. Um das Judentum vom Heidentum zu unterscheiden, stellte man gleichgeschlechtlichen Sex mit dem Götzentum auf eine Ebene, denn zur selben Zeit waren derartige sexuelle Handlungen hoch angesehen im heidnischen Glauben.

In den jeweiligen Heiligen Schriften äußert man sich nur karg zur Homosexualität. Die islamische Sharia verweist lediglich an einer Stelle eher verschwommen auf dieses Thema.

Im Alten Testament findet man eine klare Ablehnung homosexueller Praktiken. Diese Verurteilungen werden noch heute in der römisch-katholischen, orthodoxen und konservativ-evangelischen Kirche als aktuell angesehen. In den liberalen und progressiven christlichen Kirchen in Nordamerika sowie in einigen Landeskirchen der EKD (Evangelische Kirche Deutschland) werden jene Verse hingegen historisch kontextualisiert. Die Berufung darauf gilt demnach als inkonsequent und haltlos, da weitere Textstellen zum Beispiel den Sklavenhandel befürworten, was in heutiger Zeit ja ebenso wenig Gültigkeit besitzt und illegal ist. Sie spiegeln lediglich die Gegebenheiten der griechisch-römischen Kultur wieder. Oftmals wird Homosexualität auch im Zusammenhang mit Prostitution, Eunuchentum, Inzest und Transsexualität verurteilt.

Im Neuen Testament wird das Thema kaum direkt angesprochen, die wenigen Aussagen haben dennoch starken Einfluss auf die Morallehre der christlichen Kirche, was auch teilweise die Verfolgung von Homosexuellen im Mittelalter erklärt. Auch hängt dies mit der häufigen Auslegung der Bibel zusammen, die Sex einzig und allein in der Ehe befürwortet, nie mit verschiedenen Partnern und nur zum Zweck der Fortpflanzung. Gleiches findet man in der Thora, homosexuelle Handlungen werden oft in Verbindung mit Kultprostitution und Vergewaltigung erwähnt. Es geht in den jeweiligen Diskussionen nur um sexuelle Handlungen, nie jedoch um Beziehungen unter den Menschen. In Thailand verwehren teilweise buddhistische Regelungen Schwulen heute noch den offenen Zugang zum Mönchstum.

Die Römer

Der griechische Brauch konnte sich schon in der römisch-vorchristlichen Gesetzgebung nicht durchsetzen – Beischlaf zwischen Männern war moralisch verwerflich und im Gegensatz zur Ansicht der Griechen nicht mit dem Männlichkeitsideal vereinbar. Nachdem das Christentum als Staatsreligion ins Römische Reich eingeführt wurde, bestand die Strafandrohung sogar in öffentlicher Verbrennung, wurde jedoch selten angewandt und der Beischlaf zwischen Männern ungeniert fortgeführt. Man ging weiter, Gotteslästerer und Sodomiter wurden der Bevölkerung als Sündenböcke präsentiert und enthauptet. Sie wurden für die damals häufigen Erdbeben und Pestwellen verantwortlich gemacht, insofern war die Todesstrafe nicht unbedingt durch das Christentum selbst motiviert, sondern hatte auch einen weltlich-politischen Hintergrund. Die aktuellen römischen Kaiser nutzten das Gesetz munter, um persönliche Feinde aus dem Weg zu schaffen.

Die Wende
Bis ins 13. Jahrhundert waren homosexuelle Handlungen in den meisten europäischen Ländern nicht strafbar. Sie waren lediglich eine von vielen Sünden in den kirchlichen Bußbüchern. Die entscheidende Änderung folgte im Rahmen der Kreuzzugspropaganda gegen den Islam, Sodomie wurde politisiert: Mohammed habe Homosexualität popularisiert, Sarazenen sollen Bischöfe und christliche Knaben vergewaltigt haben. Im Rahmen dieser Hetze erfolgte also der Wandel von einer sündigen, aber völlig legalen  Praxis zu einer Handlung mit Todesstrafe als Folge, die fast überall in Europa vollstreckt wurde. Die Verfolgung von Sodomitern wurde weiterhin vor allem als Mittel der politischen Intrige und Denunziation genutzt, ein Beispiel dafür ist die Zerschlagung des Templerordens.

Kaiser Karl V. schuf im 16. Jahrhundert das erste allgemeine und rechtseinheitliche deutsche Strafgesetz – die Constitutio Criminalis Carolina des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Es besaß seine Gültigkeit bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, kurz vor dem Zerfall des Großreiches. Verurteilt wurden darin sexuelle Handlungen mit Tieren und Menschen gleichen Geschlechts.

Mit der Entdeckung neuer Welten und dem folgenden Kolonialismus verbreiteten sich diese Verbote und damit die negative Einstellung zur Homosexualität. Auch nach der Kolonialzeit behielten andere Religionen der ehemals besetzten Gebiete die ablehnende Haltung bei. Christliche Philosophen versuchten währenddessen, die negative Einstellung zur Sodomie innerhalb Europas immer wieder zu bestärken und zu festigen, indem sie diese im Namen der Wissenschaft als krankhaft bezeichneten. Diese Meinung wurde später auch in nichtreligiöse Wissenschaften von kommunistischen Staaten übernommen.

Die Entkriminalisierung von Homosexualität erfolgte in vielen Ländern der Welt im 20. Jahrhundert. Die Unterdrückung von Homosexualität fand in anderer Form hingegen weiter statt. Im Dritten Reich galten schwule Männer bekanntlich als „entartete Volksfeinde“, antihomosexuelle Gesetze waren in der westlichen Welt immer noch weit verbreitet und bis in die 1970er Jahre gab es keine Sicherheit für ein öffentliches homosexuelles Leben. Erst vor rund 40 Jahren wurden zahlreiche solcher Gesetze widerrufen.

In fast allen westlichen Industrieländern, darunter die europäischen Länder, die USA und Kanada sowie Australien und Neuseeland, sind homosexuelle Handlungen heute straffrei – soweit das gesetzliche Mindestalter nicht unterschritten wird. Dennoch gibt es beispielsweise grobe Unterschiede zwischen den europäischen Ländern und sogar innerhalb diverser Staaten in deren einzelnen Bundesländern, so in Deutschland, Italien, den USA und Australien; was eingetragene Partnerschaften, Ehen und Adoptionsrechte angeht.

Sodomie-Gesetze existieren lediglich weiterhin in Entwicklungsländern – oftmals ein Erbe aus europäischer Kolonialzeit. Besonders auf dem afrikanischen Kontinent und in Mittelamerika. Die Strafen reichen von Bußgeldern über Gefängnisaufenthalte bis hin zu Todesurteilen. In islamischen Staaten dient die Bestrafung Homosexueller auch zur Wiederbelebung religiöser Gesetze, die in früheren Zeiten nur selten angewandt wurden. Der asiatische Kontinent unterscheidet sich demnach stark zwischen islamischen Gebieten und Ländern anderen Glaubens. Die größtenteils christlich geprägten Philippinnen sowie Hong Kong ziehen Antidiskriminierungsgesetze zumindest in Erwägung und Länder wie Israel, Japan oder Taiwan als Teil Chinas schützen bereits ihre homosexuellen Einwohner. Große Toleranz zeigt überraschenderweise Südamerika. Nur ein einziges Land auf dem Kontinent bestraft Homosexualität – mit lebenslänglichem Freiheitsentzug – und auch diesmal nur Männer: Guyana. Obwohl es Mitglied des Commonwealth of Nations ist. Brasilien besitzt für wenige Städte und Regionen ein Antidiskriminierungsgesetz, gleiches gilt für Argentinien.

Fünf Länder öffneten bislang die Ehe für gleichgeschlechtliche Partner: die Niederlande (2001), Belgien (2003), Spanien (2005), Kanada und Südafrika, sowie der US-Bundesstaat Massachusetts. Dort gibt es keinerlei rechtliche Unterschiede zu heterosexuellen Paaren.

Immer noch also kämpfen homosexuelle Menschen mit Unterschieden weltweit. Länder, die zwar über negative Gesetze dazu verfügen, können Gesellschaftsformen besitzen, die Homosexualität nicht aktiv verfolgen. Andererseits gibt es Staaten, die über keine oder kaum Gesetze zur gleichgeschlechtlichen Liebe verfügen, in denen Homosexuelle aber geächtet und sogar verfolgt werden – Schutz davor, wie in Antidiskriminierungsgesetzen, ist nicht immer gewährleistet. Das zeigt, wie doch das alltägliche Leben von Schwulen und Lesben nicht zwangsläufig als normal angesehen wird.

Wie bei so vielen anderen Dingen auch, wurde Homosexualität durch reine Willkür Einzelner im Laufe der Jahrhunderte in völlig verschiedene Perspektiven gerückt. Von einer absolut legitimen Form des Geschlechtsverkehrs zu einer widernatürlichen Handlung mit Todesstrafe deklariert, findet Homosexualität bis heute keinen klar definierten Platz in dieser Welt. Wenn auch per Gesetz geschützt, kommt es doch immer darauf an, wie die Bevölkerung damit umgeht. Interessant ist doch auch, wie, egal in welcher Kultur und Religion, nur selten Bezug auf Lesben genommen wird. Heute noch lehnen ja eben auch in den fortschrittlichen Industrieländern viel mehr Menschen homosexuelle Männer als Frauen ab.

(Text: Katrin Kircheis)


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Über den Autor

Katrin Kircheis
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