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Höher, schneller, weiter

Doping betrifft längst nicht nur Contador und den Radsport

Der spanische Radverband hat Alberto Contador trotz Dopingüberführung die Startlizenz erteilt und damit große Proteste evoziert. Spätestens seit der verseuchten Tour de France aus dem Jahre 1998 schlägt sich der Radsport mit Skandalen herum. Aber nicht nur für den Wettkampf auf dem Rad wird die Leistungsfähigkeit illegal getrimmt, auch andere Sportarten haben bereits Dopingbeben erlebt.

Dennoch: Fällt der Begriff des Dopings, schreiben viele Sportfans in einer imaginären Mindmap die Namen Jan Ulrich und Lance Armstrong auf. Die ehemaligen Konkurrenten wurden beide des Dopings überführt, was einen, nämlich Armstrong, nicht an einem Comeback im letzten Jahr gehindert hatte. Aufgrund der laufenden Verhandlungen gegen ihn zieht sich der siebenmalige Tour-Sieger aus dem Wettkampf zurück, er will schnellstmöglich aus der Schusslinie.
Mitten im Kugelhagel aber steht derzeit Contador, der vom spanischen Verband protegierte Fahrer. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) geht auf die Barrikaden, der Freispruch als ein Affront gegen den sauberen Sport. Und doch irgendwie nur die Spitze des Eisberges.

ARD zieht Reissleine
Die ARD hatte bereits zuvor die Reissleine gezogen und die Übertragung der diesjährigen Tour de France abgesagt. Der Vertrag wurde wegen anhaltender Dopingvergehen nicht verlängert. Ein längst überfälliger Schritt, denn selbst der Radsportverband (UCI) stand schon des Öfteren wegen laissez-faire im Bezug auf Doping in der Kritik. Von den Tour-Veranstaltern ganz zu schweigen, die wollen um fast jeden Preis ihr Produkt vermarkten.
Es ist aber nicht nur der Radsport, der einem Spritzenwald gleicht. Nach dem Prinzip „Es geht immer noch etwas höher, schneller, weiter“ forcieren Sportler jeglicher Couleur die eigene Kraft und Ausdauer – gerne auch mit verbotenen Substanzen.

Fußball – dopingfreie Zone?
Selbst der ach so saubere Fußball war in seiner jüngsten Vergangenheit mit der bitteren Realität kollidiert. Gerne wird der Sport um das runde Leder als dopingfreie Zone deklariert, Doping  würde bei einer solchen Sportart ohnehin nichts nützen. Eine naive, antiquierte Darstellung wie die letzten Jahrzehnte zeigen.
Jean-Jacques Eydelie, der in den 90-ern bei Olympique Marseille spielte, schrieb in seinem Buch von systematischem Doping. Im Landesmeister-Endspiel 1993 wurde jedem Olympique-Akteur eine Spritze verabreicht. Lediglich einer soll sich als sauberer Sportsmann gezeigt haben: Rudi Völler. Der Stürmer echauffierte sich lautstark und verweigerte die Einnahme.

Juventus Turin versinkt im Sumpf
Gleiches Jahrzehnt, anderes Land, ähnliche Vergehen. In Italien soll vor allem Juventus Turin die Hochburg der unerlaubten Leistungsmaximierung gewesen sein. Zwischen 1994 und 1998 habe Mannschaftsarzt Riccardo Agricola das Jahrhundertteam mit illegalen Substanzen versorgt. Finanziert soll das Ganze von Juventus-Geschäftsführer Antonio Giraudo gewesen sein. Dass aus dem einst schmächtigen Alessandro del Piero in kürzester Zeit ein muskulöses Kraftpaket wurde, ist also nicht nur mit viel Milch und einigen Hantel-Kilos zu erklären.
Vielmehr gingen die großen Erfolge von Turin zurück auf das systematische Doping, so die Richter noch 2004 als sie zumindest Agricola des Sportbetruges verurteilten. Giraudo wurde freigesprochen. Doch auch Agricola konnte 2005 in zweiter Instanz seinen Freispruch feiern. Ein zweifelhaftes Vorgehen, der Schatten weicht bei weitem nicht eitel Sonnenschein. Schon alleine die Tatsache, dass es Anfang der 90-er in Italien kein Anti-Dopings-Gesetz gab, wirkt wie ein Rückgriff auf antike Sportolympiaden. Heute zumindest unvorstellbar, auch wenn sich scheinbar viele vermeintliche Vorbilder nicht an bestehende Gesetze halten.

Egal, wo man sich befindet im Dopingsumpf, ein Name fällt immer: Eufemiano Fuentes. Der Spanier gilt als größter Dopingarzt der Szene. Bei ihm sollen auch Hinweise auf fußballerische Kundschaft aus Barcelona und Madrid gefunden worden sein. Fuentes treibt seit Jahren, spätestens seit dem Skandal bei der Tour de France 2006, sein Unwesen. Auch er ist wohl nur eine von vielen Quellen dieses Sumpfes, und dennoch ist er nicht aus dem Verkehr zu ziehen. Eine erfolgreiche Verurteilung wäre ein medienwirksamer Erfolg und ein erster Schlag, aber die Illusion des sauberen Sports wäre damit noch lange nicht realisiert. Dafür besteht zu viel Nachfrage seitens der Sportler. Es geht immer noch etwas höher, schneller und weiter. Die Show muss zum Spektakel werden, die Massen freut es, wenn reihenweise Weltrekorde atomisiert werden.

Auch Tiere leiden
Auch fern vom menschlichen Körper kann die Spritze angesetzt werden. Das zeigte im Sommer 2008 der Reiter Christian Ahlmann, der sein Pferd mit unerlaubten Mitteln zu Höchstleistungen puschte. Anstatt die Regeln zu verschärfen und der Treiberei Einhalt zu gebieten, setzte der Weltverband (FEI) der dreckigen Geschichte die Krone auf, indem er Ende 2009 das Dopinggesetz lockerte. Auf einmal waren zahlreiche Mittel wie Schmerz- und Entzündungshemmer von der roten Liste gestrichen. Die Schar der Reiter teilte sich in zwei Lager: Diejenigen, die die legere Auslegung guthießen, und solche, die mit sauberen Mitteln gewinnen wollten. Was die Pferde dazu denken, ist nicht übermittelt. Aber immerhin hier ist keine Schuld beim FEI zu finden. Dabei soll es aber auch bleiben.
Was die ARD denn nun beim Radsport vollzogen hat, setzten selbiger Sender und ZDF in Konsequenz der gelockerten Dopingregeln auch im Reitsport schon Ende 2009 in die Tat um. Der TV-Vertrag mit der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) wurde nicht verlängert, der Reitsport verschwand vorerst von den Bildschirmen.

Das demonstriert eindrucksvoll die Krux des Dopingsumpfes. Einerseits lechzen Athleten nach Anerkennung und einer nicht enden wollenden Leistungsleiter, andererseits, können Fernsehsender ihre Macht spielen lassen, indem sie die tollen, wahnsinnigen Leistungen der Sportler einfach nicht mehr übertragen. Doch auch der Wirkungsgrad der Sendeanstalten ist nur begrenzt. Letztlich wäre eine Reinigung von innen viel nachhaltiger. Doch dann müssten sich Sportler, Fans und Zuschauer vom Dogma der perfekten Leistung, des absoluten Maximum verabschieden. Es geht nicht immer noch höher, weiter und schneller.

(Text: Jerome Kirschbaum)
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Über den Autor

Jerome Kirschbaum
Ressortleiter Sport

Jerome Kirschbaum schreibt am liebsten über Sport, wenn er denn nicht selbst auf einem Platz steht. Seit Oktober 2010 verdingt sich Jerome als Schreiberling für back view, neben den Leibesübungen widmet er sich sich auch politischen Themen. Im wahren Leben musste Jerome zahlreiche Semester auf Lehramt studieren, um dann schlussendlich doch etwas ganz anderes zu werden.

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