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Morgen war alles anders

Die Geschichte der Zukunft

„Wird´s besser? Wird´s schlimmer?, fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich“, dichtete einst Erich Kästner. Krisen, Kriege und die zunehmende Polarisierung der Welt sind schwierige Aussichten für das neue Jahr. Eine Prognose über die Zukunft der Zukunft.

Haben wir überhaupt eine Zukunft?

„Was ist Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, so weiß ich es. Will ich es aber einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht“, bekannte einst Bischoff Augustinus von Hippo.

Zeit ist eine Grundeinheit der Physik. Sie bestimmt, wann wir was tun, sie definiert unseren Alltag. Sie bestimmt, wann wir arbeiten, leben und lieben.

Aber was ist Zeit? „Ein Augenblick, ein Stundenschlag, tausend Jahre sind ein Tag“. Aber vielleicht auch mehr oder weniger. Physikalisch wird Zeit anders als die Dimensionen  Raum und Masse über die Hilfsdefinition Licht gemessen. Vereinfacht gesagt ist Zeit etwa die Strecke von 300.000 Kilometern, die Licht pro Sekunde zurücklegt. Zeit ist Bewegung, die ohne Raum für uns nicht wahrnehmbar ist, die Raumzeit. Das Zwillingsparadoxon zeigt: Reist man mit Lichtgeschwindigkeit um die Erde, so vergeht die Zeit im Weltall langsamer als auf dem Planeten. Gemäß der Formel E=mc² wären somit sogar Zeitreisen in die Zukunft möglich. Sergei Konstantinowitsch Krikaljow reiste physikalisch gesehen als Kosmonaut, der 784 Tage an Bord der Mir verbrachte, 1/50 Sekunde in die Zukunft

Wäre die Erdgeschichte eine Uhr mit 24 Stunden, so erschiene der Mensch etwa drei Sekunden vor Mitternacht. Verglichen mit der durchschnittlichen Aufmerksamkeitsspanne von acht Sekunden ist dies selbst im digitalen Zeitalter sehr wenig. Augustinus sah die Konstrukte Vergangenheit und Zukunft nur als Erinnerrungen und Erwartungen in der Gegenwart an. Allein für das göttliche gebe es nur die Gegenwart, ohne Anfang und Ende.  Aber der Mensch war sich seiner Zeit schon immer voraus. Reisen wir zurück in der Zukunft durch die Geschichte der Zeit.

Zukunft

Zukunft war gestern

Am Anfang war die Erde Wüste und leer. Dann am sechsten Tag schuf Gott den Menschen. Bald, nach dem er vom Baum der Erkenntnis genascht hatte, begann der Fortschritt und der Mensch schritt voran, die Welt zu besiedeln.

Anfangs noch als Jäger und Sammler ruhte der Mensch in sich selbst, wie der französische Philosoph Jean Jacques Rousseau den Naturzustand beschreibt. Aber bald wurde der Mensch dem Mensch zum Wolf, wie sein geistiger Kollege Thomas Hobbes feststellte. Das Nahrungsangebot wurde knapper. Die wachsende Menschheit bemerkte, dass es so nicht weiter gehen konnte und wurde sesshaft. Angewiesen auf die Zyklen der Natur, war es höchste Zeit diese zu studieren. Erst die Fähigkeit, die Zeit einzuteilen, machte es möglich in die Zukunft zu denken, langfristiger zu planen und Hochkulturen entstehen zu lassen. Aber man dachte nicht bis zum Ende. Geschichte wiederholt sich.

Viel eher galt die Auffassung eines zyklischen Geschichtsbildes, das aus einem ewigen Wechsel aus Werden und Vergehen, aus Hochzeit und Verfall besteht. Bis heute beginnt in Japan mit jedem neuen Kaiser eine neue Zeitrechnung. Einige Apokalyptiker waren sicher enttäuscht, als am 22.12.2012, dem Ende des Maya Kalenders, die Erde nicht unterging, sondern das Leben auch im neuen Baktun weitergeht. Aber das war erst der Anfang vom Ende.  Die nächsten Weltuntergangstermine stehen bereits fest: wie zum Beispiel 2017, 2019 oder 2022

Es geht also immer weiter und doch dem Ende zu, dachte man im Mittelalter. Der Kirchenvater Aurelius Augustinus war einer der ersten, die das Zeitgefühl revolutionierten. Man ging davon aus, dass sich seit der Erbsünde die Welt im Niedergang und Verfall befände.

Kriege und Hungersnöte, Pest und Armut wurden als göttliche Strafen gesehen. Die Menschen, so meinte Augustinus, könnten nur ein zeitliches unvollkommenes Gesetz dem entgegensetzen. Man dachte nicht an die Zukunft, was hatte sie schon für einen zu bieten. Man sah in dieser Welt keine große Zukunft, hoffte man doch auf die göttliche Erlösung am Ende der Zeit.

Wir glauben an die Zukunft

Ein besseres Leben, als das, in welches man hineingeboren wurde, schien utopisch, ein Nirgendort, der nicht existierte. Doch mit Ende des Mittelalters begann man vermehrt nach diesen Orten zu suchen. Entdecker erkundeten die Welt, Wissenschaftler brachten neue Erkenntnisse, Erfinder schufen neue Technologien. „Eine Veränderung bewirkt eine neue Veränderung“, wie der italienische Philosoph Nicolo Macchiavelli formulierte. Das Schicksal schien sich zu wenden, eine Zeitenwende setze ein, der Mensch nahm das Schicksal selbst in die Hand.

„Das war schon immer so. Das war noch nie anders. Da kann ja jeder kommen.“

Die Grundsätze der Verwaltung nach dem Juristen Karl August Bettermann verloren ihren Bestand. Heute ist morgen schon gestern. Im viktorianischen Zeitalter war jeder Tag anders und die großen Erfinder und Denker gaben sich die Klinke in die Hand. Zum ersten Mal konnten die Menschen einen rasenden Wandel und Fortschritt zu ihrer Lebzeiten erleben. Aus der Hoffnung auf eine bessere Zeit nach der Zeit, wurde der Glaube an eine immer bessere Zukunft.

Im Sinne des „White Man’s Burden“ oder der „Mission Civilisatrice“ sahen es die Kolonialherren sogar als ihre Pflicht, an den „Fortschritt“ die „Zivilisation“ den vermeintlich „ primitiven Völkern“ zu bringen und sie in diesem Sinne zu „erziehen“.  Die Industriestaaten galten im kolonialen Verständnis als das Vorbild, dem es unbedingt zu folgen gelte, stets nach dem Credo: Technologien führen zu neuen Möglichkeiten, die wieder neue noch bessere Technologien schaffen. Alles Handeln geschieht im Sinne des Fortschritts und Wachstums für eine bessere Zukunft.

Die Zukunft schreitet immer schneller fort  

Nach wie vor propagiert Silicon Valley auf jedes menschliche Problem gäbe es eine technische Lösung. Die Erfolge lassen sich sehen, müssen sie doch fassbar sein in einer Welt die immer unfassbarer zu werden scheint. Bereits heute gibt es Unternehmen, die ohne menschliche Mitarbeiter und Gebäude virtuell und nur als Code existieren. Algorithmen bestimmten den Takt einer neuen Zeit. Diese Zeit scheint immer schneller zu laufen, vielleicht läuft sie uns gar davon. Apps und digitale Helfer sparen immer mehr Zeit, die wir immer weniger haben. Die technische Welt verlangt eine immer größere Bildung, um noch Schritt zu halten.

Setzt sich die technische Entwicklung in diesem Tempo fort, so müsste  2062 etwa die Hälfte der Weltbevölkerung permanent in Schulen und Universitäten lernen, um den Fortschritt noch zu beherrschen. „Wir haben die Geschwindigkeit erfunden, doch innerlich sind wir stehen geblieben“, kritisierte Charlie Chaplin einst die Vision eines Fortschritts um jeden Preis. Eine Flut an Informationen rollt auf die Zukunft zu. „Du kannst keine Wellen stoppen, aber du kannst lernen, auf ihnen zu surfen”, ermutigt Yogi Swami Satchitananda.

In Zukunft wird die Digitalisierung mit ihren Versprechungen und Verunsicherungen sicher eine wichtige Rolle in unserem Alltag spielen. Allerdings: Zukunft ist nicht gleich Fortschritt.

„Man muss beim Fortschritt immer fragen: Wo willst du hin?“, wie der Politiker Manfred Rummel mahnt. Aber wie sieht unsere Zukunft aus, wenn viele in der Gegenwart sich nach der Vergangenheit sehnen?

Gottfried Hegel sieht die Weltgeschichte als einen Geist, der sich seiner Freiheit bewusst wird. Nach dem Ende des Kalten Krieges waren die Erwartungen hoch, die Demokratie würde sich nun überall durchsetzen, das Ende der Geschichte sei erreicht. Knapp 25 Jahre danach wurden die Hoffnungen auf eine friedvolle Zukunft aber durch eine konfliktreiche, unsichere Gegenwart eingeholt.

Internationaler Terrorismus, Migration, der Klimawandel und die wachsende Polarisierung der Welt verunsichern. Neue politische Kräfte versprechen einfache, schnelle Lösungen, beschwören „die gute alte Zeit“. „Aber mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft. Denn in ihr gedenke ich zu leben“, gibt Albert Einstein zu Bedenken.

Was haben wir für eine Zukunft?

Was die Zukunft bringt, ist ungewiss, darum soll die Wissenschaft Gewissheit schaffen und für Sicherheit sorgen. Aber das Paradoxon der Unsicherheit besagt, der Versuch, Unsicherheit mit Sicherheit zu begegnen schafft Unsicherheit. Dabei darf Unsicherheit nicht mit Risiko verwechselt werden, bedeutet dies doch nicht mehr, als das wir etwas nicht sicher wissen, oder wie Schriftsteller Antoine de Saint Exupery es ausdrückt: „Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen.“ Zwar können aus der Vergangenheit wichtige Lehren gezogen werden, aber es gilt: „Wer nicht über die Zukunft nachdenkt, wird nie eine haben“, wie der britische Literaturnobelpreisträger John Galsworthy erinnert.

Wie lautet nach dieser Reise durch die Vergangenheit der Zukunft die Prognose für das was auf uns zukommt? Que sera, was auch sein mag, in die Zukunft kann nicht sehen.

Wir wissen nicht was morgen kommt, aber wir wissen nur das morgen kommt. Wissen wir nie bestimmt, was das Leben bringt, „oft ist die Zukunft schon da, ehe wir ihr gewachsen sind“, gibt der Autor John Ernst Steinbeck zu bedenken. Kriege, Krisen und die zunehmende Polarisierung der Welt,die scheinbar unlösbaren Herausforderungen des globalen Zeitalters  scheinen eine düstere Zukunft zu prognostizieren. Aber nur wer an die Zukunft glaubt, der glaubt auch an die Gegenwart. Das ist der Ort, in dem wir leben werden. Geben wir also der Zukunft eine Zukunft, denn wir leben doch jetzt, jetzt oder nie.

(Foto: Adriane Gonka by jugendfotos.de)

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Über den Autor

Stephan Raab

Stephan Raab interessiert sich für Warum und die Welt: Seit 2014 gehe ich für backview.eu scheinbar alltäglichen Dingen auf den Grund, betrachte warum manches so ist wie es ist. Wenn ich nicht gerade an einer neuen Idee für einen Artikel sitze, beschäftige ich mich gerne mit Fotographie oder Fremdsprachen oder widme mich meinen Politikstudium.

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