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Gentechnik aus dem Blick der Wissenschaft

Was denken Forscher?

Gentechnik wird oft verschrien. Agrarkonzerne wie Monsanto tun ihr √úbriges, um das Image dieser vielversprechenden Methode herunterzuziehen. Zu Unrecht. Ich habe mit zwei Wissenschaftlern √ľber dieses Thema gesprochen.

Eva St√∂ger arbeitet an der Universit√§t f√ľr Bodenkultur Wien und ist Leiterin des hauseigenen Instituts f√ľr Angewandte Genetik und Zellbiologie. Im Interview kl√§rt sie unter anderem √ľber Gefahren und Risiken von Gentechnik auf und verr√§t, was sie von biologischen Produkten und Monsanto h√§lt. James Matthew Watson vom Gregor Mendel Institut f√ľr Molekulare Pflanzenbiologie in Wien berichtet weiter unten √ľber die vor kurzem entwickelte CRISPR-Cas9-Methode in der Genetikforschung.

Wie sch√§tzen Sie die Gefahren und Risiken durch gentechnisch ver√§nderte Organismen in der Landwirtschaft f√ľr Mensch und Umwelt ein?

Eva St√∂gerEva St√∂ger: Interessant, dass Sie mich nur nach Gefahren und Risiken, nicht aber nach den M√∂glichkeiten und dem Potential der Technologie fragen…¬†und das, obwohl Pflanzenz√ľchtung mit dem Ziel, verbesserte Produkte zu erzielen, seit jeher ein Anliegen der Menschheit war. Die klassisch zu diesem Zweck eingesetzten Zuchtverfahren reichen von der Neukombination des genetischen Materials durch Kreuzung √ľber additive Kombination von Genomen bis zur Nutzung spontaner und radioaktiv oder chemisch ausgel√∂ster genetischer Ver√§nderungen (Mutationen).

Gentechnische Methoden (ebenso wie molekulare Marker) kommen vor allem dann zum Einsatz, wenn man bereits wei√ü, welche Gene man hinzuf√ľgen oder ver√§ndern muss, um eine Eigenschaft zu erzielen. Auf die Funktion und Eigenschaften dieser Gene kommt es vor allem auch an, wenn es darum geht, etwaige Risiken zuzuordnen, die naturgem√§√ü eher mit dem Produkt und den beteiligten Genen als mit der Technik verkn√ľpft sind. Der Prozess sagt nichts √ľber die konkreten Risiken des Produktes aus. Aufgrund des verwendeten Prozesses k√∂nnen zwar m√∂gliche Risiken bestimmt werden, aber er liefert keine konkreten Hinweise bez√ľglich der Sicherheit des Endproduktes f√ľr Mensch, Tier und Umwelt. Ich halte es f√ľr unsinnig, eine pauschale Einordnung aufgrund eines gemeinsamen Zuchtverfahrens vorzunehmen.¬†Wenn ein ver√§ndertes Gen, das Herbizidresistenz vermittelt, durch Gentransfer √ľbertragen wird, ergeben sich daraus bestimmte Eigenschaften und Erw√§gungen. Sollten dieselben Erw√§gungen nicht zutreffen, wenn die Herbizidresistenz durch nat√ľrliche oder induzierte Mutation entsteht?

Vereinbarkeit von Gentechnik und Lebensmittel

Wie sehen Sie das Verh√§ltnis von √∂kologisch kontrollierter Lebensmittelproduktion, die das Label „bio“ tr√§gt, und gentechnisch ver√§nderten Pflanzen und Tieren?

Eva St√∂ger: Unn√∂tig gespannt. Ich pers√∂nlich konnte den scheinbaren Widerspruch zwischen den beiden Richtungen nie wirklich nachvollziehen. Ich f√§nde es logischer, Produkte/Pflanzen aufgrund ihrer Eigenschaften zu bewerten und auf Vereinbarkeit mit diversen Lebensmittelproduktionsrichtlinien zu pr√ľfen, anstatt aufgrund des Zuchtverfahrens von vornherein M√∂glichkeiten auszuschlie√üen.

Welche Herausforderungen entstehen durch Agrarkonzerne wie Monsanto f√ľr die Forschung und Anwendung von Gentechnik in der Landwirtschaft?

Eva St√∂ger:¬†Agrarkonzerne dieser Gr√∂√üe bringen immer ihre Herausforderungen mit sich. Das ist keineswegs auf die Gentechnik beschr√§nkt. Tatsache ist jedoch, dass die mit dem regulatorischen Aufwand verbundenen Kosten bei der Zulassung einer gentechnisch ver√§nderten Sorte vor allem von gro√üen Konzernen aufgebracht werden k√∂nnen, w√§hrend das f√ľr kleine und mittelst√§ndische Unternehmen in der Regel nicht m√∂glich ist, wodurch f√ľr diese der Zugang zu dieser Technologie schwierig ist.

√úber die neue Methode CRISPR-Cas9

Vor kurzem wurde eine neue Methode zur gentechnischen Ver√§nderung entwickelt: Crispr-Cas9. Mit dieser ist die gentechnische Ver√§nderung in gentechnisch ver√§nderten Organismen (GVO) nicht mehr nachweisbar. Wissenschaftler pl√§dieren bereits in der Fachzeitschrift „nature genetics“ daf√ľr, die GVO mit der Crispr-Cas9-Methode von der Kennzeichnungspflicht auszuschlie√üen. Stellt die neue Methode ein Risiko f√ľr die Gesundheit der Menschen dar?

Eva St√∂ger: CRISPR-Cas9 ist eine Methode, um genetische Ver√§nderungen zu erwirken. Genetische Ver√§nderungen sind die Basis f√ľr die Z√ľchtung, weil dadurch erw√ľnschte Ver√§nderungen ausgew√§hlt und weiter verwendet werden k√∂nnen. Genetische Ver√§nderungen treten nat√ľrlich auf. Ihre H√§ufigkeit kann durch den Einsatz von Strahlung oder chemischen Substanzen erh√∂ht werden. Diese Methoden werden in der klassischen Pflanzenz√ľchtung seit vielen Jahrzehnten praktiziert.

CRISPR-Cas9 ist ein Enzymkomplex, der in vorher ausgew√§hlten Genen zu DNA-Br√ľchen f√ľhrt, genau wie sie bei der Strahlenmutagenese oder auch nat√ľrlich vorkommen. Zelleigene Reparatursysteme f√ľgen die DNA-Enden wieder zusammen, wobei gewollte Ver√§nderungen entstehen k√∂nnen, die sich nicht von nat√ľrlichen Mutationen unterscheiden lassen. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass beim CRISPR-Cas9-System die zu ver√§ndernden Gene ausgew√§hlt werden k√∂nnen, wohingegen die durch Chemikalien oder Strahlung induzierten Mutationen zuf√§llig verteilt sind und die Zielgene nur durch Zufall und neben vielen weiteren Genen ‚Äětreffen‚Äú.

Werden Samen zum Beispiel nach herk√∂mmlichen Methoden gez√ľchtet und mit dem Ziel bestrahlt, zwei Gene zu mutieren, so werden gleichzeitig auch noch viele unbekannte Gene ver√§ndert. Diese unbekannten Mutationen bringen mehr Ungewissheiten mit sich, als wenn ganz gezielt nur die zwei gew√ľnschten Gene mutiert werden. Die Mutationen im Endprodukt (ob nat√ľrlich, induziert oder mittels CRISPR-Cas9 gezielt eingef√ľhrt) sind nicht voneinander unterscheidbar. Dementsprechend sehe ich auch keinen Grund f√ľr eine unterschiedliche Risikobewertung oder Regulierung als GVO.

Entstehen mit der CRISPR-Cas9-Methode neue Risiken f√ľr die Gesundheit des Menschen?

James Matthew WatsonJames Matthew Watson: Ich denke nicht, allerdings bin ich in genau diesem Bereich kein Experte. Die gentechnische Ver√§nderung der CRISPR-Cas9-Methode ist allerdings nicht von anderen Mutationen unterscheidbar. Das hei√üt, dass bei Mutationen nicht nachweisbar ist, ob die Ver√§nderungen in der Natur passiert sind, oder ob sie jemand im Labor gemacht hat. Zudem ist die CRISPR-Cas9-Methode von anderen kennzeichnungspflichtigen Prozessen wie Bestrahlung oder chemische Ver√§nderungen auch nicht unterscheidbar. Dieser Fakt bei der Crispr-Cas9-Methode ist wichtig f√ľr die Diskussion, ob solche Produkte auf dem Markt einer Kennzeichnungspflicht unterliegen sollen oder nicht.

Welche Vorteile entstehen mit der neuen Methode f√ľr die Gentechnik?

James Matthew Watson:¬†F√ľr die Forschung wird es leichter, bestimmte Mutationen herzustellen, sei es bei Pflanzen, Tieren, Menschen oder Hefe. Die neue Methode wird in der gesamten Genetikforschung Eingang finden und auch bei Nahrungsmittel verwendet werden. Beispielsweise stellt die Crispr-Cas9-Methode Hoffnung zur Bek√§mpfung einer sehr h√§ufigen Pilzkrankheit bei der Bananensorte Cavendish, die wir auch im Supermarkt finden, dar. Alle Cavendish-Bananen sind genetisch ident. Ein alter Stamm des Pilzes hat die vorherige Gros Michel-Banane beinahe zum Aussterben getrieben. In den 1960er wurde Cavendish als Nachfolger gew√§hlt, die gegen diesen Pilz resistent war. Jetzt kommt aber ein neuer Stamm des Pilzes, der Cavendish infizieren kann. Geneditieren durch CRISPR-Cas9 w√§re eine M√∂glichkeit die Bananen resistent zu machen.

Ich wei√ü noch nicht genau, welche bestimmten Gene in Pflanzen editiert werden. Ziele sind sicherlich, Gene zu entwickeln, die Pflanzen stressresistent machen. Stressresistenz kann sich auf biotischen Stress beziehen, wie Viren, Bakterien oder Pilze ‚Äď aber auch auf abiotischen Stress wie Hitze, sehr salzhaltige, zu feuchte oder zu trockene B√∂den.

(Fotos: privat)
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√úber den Autor

Anna Luther

Anna Luther schreibt seit Februar 2015 bei backview.eu und interessiert sich f√ľr gesellschaftliche, kulturelle und politische Thematiken. Sie studiert in Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und Philosophie.

Anzahl der Artikel : 38

© back view e.V., 2007 - 2017

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