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„Generation Waschlappen“

Junge Poeten so weit das Auge reicht
In Zeiten von YouTube-Entdeckungen und Neo-Liedermachern, die virtuos mit der Sprache spielen, läuft man Gefahr, alle in einen Topf zu werfen. Max Prosa brachte vor kurzem sein Debütalbum heraus und wird nun als weiterer Jammerlappen abgestempelt. back view über eine Generation, die anscheinend so schwer unter der Last des Lebens zu tragen hat.


Da haben wir den Salat. Kaum gibt es mal wieder junge Leute, die auf Deutsch texten, die den Anspruch erheben, eine nackte Sprache zu verwenden und Authentizität beweisen wollen, haben wir auch wieder genug von ihnen. Es wird ihnen nachgesagt, sie haben Angst vor der Welt da draußen, sie seien introvertiert und konzentrieren sich auf die radikale Innerlichkeit und konsequente Emotion. Mag sein. Mag sein, dass gerade eine Generation männlicher Waschlappen im Radio rauf und runter gespielt wird. Doch „gute Musik ist wie Wasser, die irgendwie ihren Weg findet“, sagt Max Prosa, dessen Name gar nicht Prosa ist.

Und noch einer
Max Prosa hat mal kurz Physik studiert und auch in die Welt der Philosophie hinein geschnuppert. Er ist in Irland als Straßenmusiker umher gereist und verfasst seine Texte auf Schreibmaschine, weil es näher am Menschen sei und man spüre, wie sich etwas entwickle. Alternative Lebenspläne? Gibt es nicht. Wie bei so vielen Singer/Songwritern.Tex Drieschner von TV Noir, dem ‚Wohnzimmer der Singer/Songwriter‘ appelliert, nicht alle Musiker, die diesem Genre zuzuordnen sind, in eine Schublade zu stecken. Max Prosa steigt auf, auf die Welle junger deutscher „Jammermusik“ – wie diese verklärten Lieder zynisch bezeichnet werden – das steht fest. Doch haben Vergleiche zwischen den jungen Poeten denn eigentlich noch was mit der Kunst an sich zu tun?

So ist das nun mal mit Künstlern und Genies
Orientierungslosigkeit, Gejammer, Einheitsbrei. Es gibt viele Worte, diese neue Musiksparte zu charakterisieren. Es scheint ein Zeitgeistphänomen zu sein, sein Haar nicht mehr zu kämmen und sich hinter die Gitarre zu klemmen oder ans Klavier zu setzen. Es geht um diese polarisierenden Wuschelköpfe, die in ihrem so jungen und unverbrauchten Alter mit herzzerreißender Säuselstimme in plüschigen Songs einen Einblick in ihr tiefstes Inneres geben. Die auf der Bühne stehen und ihre halbwegs autobiografischen Geschichten erzählen.

Die Presse behauptet, sie seien „die jungen Weichen“; die Männer, die ihre Männlichkeit nicht mehr durch harte Worte, sondern mittels leiser Gitarrenklängen und hauchenden Worten offenbaren. Aber waren Künstler nicht schon immer diejenigen, die rastlos umher irrten, die immer auf der Suche waren? Die nie irgendwo ankommen und gleichzeitig versuchen, ihr individuelles Ding durchzuziehen? Haben sich nicht immer schon Dichter und Denker Ohren und ähnliches abgeschnitten, um leidend-kreativ zu sein? Wo ist der neue Trend?

Melancholie als Chance
Vielleicht entfliehen sie der realen Welt, vielleicht leiden sie ein bisschen mehr als alle anderen. Aber doch nur dadurch geben sie dem Mensch, der dem Druck der Gesellschaft standhalten müssen, von dem eine Leistung nach der anderen gefordert wird, der in ihrer Routine gefangen ist und nicht mehr zum Denken kommt –  einen Anhaltspunkt. Einen Anhaltspunkt zur Selbstfindung, Wiederfindung und Sinnfindung. Es ist doch die Musik, die es schon immer geschafft hat, Stimmungen aufzubauen, Herzen aneinander zu bringen und eine andere Gefühlswelt zu schaffen.

Hat nicht jeder junge Mensch einmal der verflossenen Liebe hinterher getrauert, Träume entwickelt und Enttäuschungen erlebt? Ja, hat er. All diese Szenen mögen bei jedem anders ausfallen. Doch nur durch diese jammernden Künstler haben wir die Möglichkeit, kurz abzutauchen, für fünf Minuten woanders zu sein, ohne unseren Mitmenschen von unserem ach so schweren Leid erzählen zu müssen.

Ein bisschen kuscheliger
„Die Themen Liebe und Sehnsucht fasziniert die Menschen seit ihrer Existenz. Es verändern sich vielleicht die Frage oder der Standpunkt dazu, aber das Interesse daran bleibt bestehen,“ sagt Max Prosa. Das Bedürfnis, darüber zu singen, ist und war also schon immer da. Es ist nur nicht mehr uncool, zu teilen, was berührt.

Müssen junge reflektierte Menschen erst schwere Schicksalsschläge ertragen und 50 Jahre auf dem Buckel haben, um über ihr Leben nachzudenken? Sollen wir jetzt keine Fantasieromane mehr lesen, weil es so weit weg von der Realität ist? Max Prosas formuliert seine Sicht aufs Leben folgendermaßen: „Die Welt besteht aus so vielen Menschen und jeder hat seine eigene kleine Welt. Wenn die funktioniert, wirkt sich das auf die große Welt auf der Makroebene aus. Meine Musik ist gerne ein Eskapismus, mit dem Leute sich einfach ein kleines bisschen wohler fühlen sollen.“

(Text: Christina Hubmann)


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Über den Autor

Christina Hubmann
Redakteurin

Christina Hubmann wollte eigentlich mal Busfahrer werden, ehe sie sich entschloss, doch "irgendwas mit Medien" zu machen. Schreiben tut sie nämlich schon immer gern. Und wie das Leben ohne dieses Internet funktioniert hat, fragt sie sich schon seit Längerem - erfolglos.

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