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Früher Vogel versus Langschläfer

Liebe und Hass der eigenen Angewohnheiten

Die back view-Mitarbeiter Ronja Heintzsch, ein „früher Vogel“,  und Eric Elert, ein recht chaotischer Zeitgenosse, der sich gerne am akademischen Viertel orientiert, haben die Konfrontation untereinander gewagt.

Egal ob ein Rendez-Vous mit dem Schwarm, oder das allabendliche Ankommen im Klassenzimmer der Abendschule, back view-Mitarbeiter Eric Elert hat ein Pünktlichkeitsproblem. Während andere im Bad hetzen und dann in Ruhe zur Bahn laufen, ist es bei ihm umgekehrt. Ronja Heintzsch hingegen rechnet dreimal nach, wie lange ihr Schulweg ist und gibt sich sicherheitshalber noch zusätzliche fünf Minuten Zeit, falls ihre Fahrradkette abspringen sollte. Im Gegensatz zu anderen verbringt sie dadurch einen Großteil ihrer Zeit mit Warten. Eine Gegenüberstellung.

Eric: Während im einen Browserfenster noch Musik läuft, schaue ich schon mal, wann der Bus fährt. 16:26 Uhr? Ach, noch so viel Zeit. Gerade hat der Kirchturm vier Mal geläutet. Gemütlich trinke ich meinen Kaffee aus, blicke dabei auf die wieder verschneiten Dächer in meiner Nachbarschaft und träume ein wenig. Im Bad stelle ich fest, dass mein Oberlippenbärtchen einer Kürzung bedarf, wenig später bemerke ich das Fehlen des Grafischen Taschenrechners in meinem Rucksack, der immer noch auf dem Schreibtisch liegt. Also wieder Tasche auf, Gerät rein, erneut zur Wohnungstür. Schlüssel – Check. Handy und Portemonnaie – Check. Aber die Wasserflasche auffüllen wäre nicht schlecht. Wieder klingen die Glocken. Ein Blick auf meine Uhr lässt mich zusammenzucken: 16:30 Uhr. Ich hasse das.

Ronja: Da die Bahn zu meiner Freundin um 17:29 Uhr abfährt, fahre ich bereits um 17 Uhr den Laptop runter und bin bereits jetzt unruhig. Was, wenn ich aufgrund des Glatteis doch länger als erwartet brauche? Ich plane fünf Minuten ein, um schnellstens Jacke, Schuhe und Tasche zusammen zu suchen, wobei mir in allerletzter Minute noch mein Schlüssel einfällt. Bis ich vor der Tür stehe, ist es bereits 17:08 Uhr, das ist schon fast zehn Minuten nach fünf, das bedeutet: Ich muss mich beeilen.
Trotz Glatteis und zwei Taschen im Gepäck mache ich große Schritte und manövriere mich durch Schnee und Eis, bis etwas geschieht, was mir einen Denkanstoß versetzt: Ich stolpere auf dem nicht vereisten Fußweg über meine eigenen Füße und lege mich der Länge nach hin. Meine schmerzenden Hände und eine an den Knien nahezu kaputte Hose können mich nicht aufhalten und zum Glück erreiche ich den Bahnhof – trotz allem bereits um 17:15 Uhr. Das kann nicht sein. Für den Kauf meines Tickets brauche ich eine Minute und stehe anschließend eine Viertelstunde in der Kälte. Dank meiner Überpünktlichkeit habe ich nun eine verschrammte rechte Hand und ein klitzekleines Loch in der neuen Hose. Zeit, sich Zeit besser einzuteilen. Meine Freundin erscheint um 17:27 Uhr.

Eric: Das Problem ist natürlich auch da, wenn ich eine Verabredung habe. Wenn das Duschen zu lange dauert und ich kurz vor dem Losgehen noch der Meinung bin, dass meine Fingernägel eigentlich zu lang sind- Hey, Frauen achten auf sowas!

Ronja: Während sich die Gemächlichen unter meinen Mitmenschen in aller Ruhe in Bewegung setzen, bin ich schon längst am Ziel angelangt. Aufgrund dessen werde ich bei Auftritten und dergleichen Veranstaltungen zu meinem Leidweisen gerne als helfende Hand rekrutiert, die jedem unter die Arme greift, da sie eh noch eine halbe Stunde Zeit zur freien Verfügung hat. In anderen Fällen ist jedoch Langeweile garantiert: beim Warten auf die Freundin, die schon längst da sein wollte, oder beim Warten auf den Lehrer, wenn ich theoretisch eine Viertelstunde länger hätte schlafen können. Aus jeder der beiden Möglichkeiten resultiert leider Ärger. Ärger über die Unpünktlichkeit anderer, Ärger über die eigene Überpünktlichkeit und das vorsichtige Zeitmanagement.

Eric: Inzwischen merke ich, dass ich das Zuspätkommen nicht mehr mit einem verschmitzten Grinsen, einer schuldbewussten Geste oder einem selbstironischen Spruch ausgleichen kann. Ich habe begonnen, mir meine Uhr und mein Handy zehn Minuten zurück zu stellen. Auch wenn ich das nicht gedacht hätte – es funktioniert.

Ronja: Pünktlichkeit lässt sich hingegen nicht so leicht abstellen. Doch mittlerweile gönne ich mir morgens zehn Minuten länger und bin trotzdem immer noch die Erste, die die Klasse betritt. An meinen Ausrutscher auf der Straße werde ich mich nämlich noch lange zurück erinnern.

Hinweis aus der Redaktion: Dieser Artikel ist Teil des Titelthema: „GEZ & CO. – WIR LIEBEN, WAS IHR HASST“ – der Inhalt spiegelt also nicht zwangsläufig die Meinung der Autoren wieder.

(Text: Ronja Heintzsch und Eric Elert)
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Über den Autor

Ronja Heintzsch
Ressortleiterin Kultur

Konstruktive Kritik in bitterscharfen Kommentaren üben, die Welt bereisen, auf aktuelle Problematiken hinweisen - all dies sind Gründe, aus denen Ronja beschloss, sich dem Metier Journalismus zu verpflichten. Schließlich gibt es noch einige unaufgedeckte Watergate-Affären in dieser Welt.

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