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Wenn aus Freundschaft Arbeit wird

Ein Kommentar von Ulrike Botha

Ein Umzug, neuer Job oder Studienplatz: Oftmals wird bei Freunden aus Entfernung Distanz. Da kommt die Frage auf, warum diese Freundschaft erst bestand.

Schon als Kind bin ich häufig umgezogen und habe öfters die Schule gewechselt. Kinder sind sprunghaft und da ist es kein Wunder, dass viele Freundschaften mit der Entfernung zerbrachen. Ich war mir dessen nicht einmal bewusst. Der Kontakt erlisch schleichend, ohne das es mir auffiel. Mit steigendem Alter werden die Freundschaften jedoch immer weniger oberflächlich. Mit den Freunden will man auch einmal über ernstere Themen sprechen können und bei der ein oder anderen Lebenskrise ist es doch schön, eine Schulter zum Ausweinen zu haben. Das scheint jedoch nicht viel an der Standfestigkeit der Freundschaften zu ändern. Denn immer wieder zerbrechen viele Freundschaften, wenn man umzieht. Das hat doch bestimmt jeder schon mal erlebt. Nun frage ich mich, warum ist das so?

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Die gute alte Bequemlichkeit

Man braucht es nicht zu verteidigen oder lange drum herum zu reden, denn es ist eine Tatsache: Der Mensch ist ein Wesen, das es sich gerne so bequem wie möglich macht. Ich möchte damit jetzt nicht sagen, dass jeder nur Wert auf sich selbst legt und alles so angeht, dass er möglichst wenig Arbeit hat. Auch bei selbstlosen und guten Menschen passiert es manchmal einfach unbewusst. Kommt man an einen neuen Ort, sind da auch neue Menschen. Eine Freundschaft mit regelmäßigen Treffen über eine gewisse Distanz zu halten, ist viel schwieriger, als die neuen Menschen zu neuen Freunden zu machen. Da passiert es schnell, dass der Kontakt ins Straucheln gerät.

Auch den besten Menschen wird das mal passieren. Ein Studium oder ein neuer Beruf ist immer etwas aufregendes. Auch wenn man nicht gleich den Wohnort wechselt, wird man Vieles sehen und erleben, dass man so noch nicht kennt. Oft kommt dort noch viel Arbeit dazu. Denn man wird sich an vieles erst gewöhnen müssen. Häufig ist der Kopf da nicht frei genug, um die alten Freundschaften so zu behandeln, wie sie es verdient hätten. Das mag eine Zeit lang gut gehen. Kommt man aber nicht schnell genug wieder zur Besinnung, wird es wohl oder übel schief gehen.

Mehr Schein als Sein

Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich vermutlich mit ein paar Leuten nur befreundet war, weil ich täglich viel Zeit mit ihnen verbracht habe. Geht man jeden Tag mit jemanden gemeinsam in eine Klasse oder hat viele Vorlesungen zusammen, dann möchte man doch nicht, dass man sich nichts zu sagen hat. Wir sind Herdentiere und fühlen uns in einer Gruppe wohler als alleine. Da gibt man sich vielleicht erst recht Mühe, dass daraus eine beständige Freundschaft wird. Wechselt man dann jedoch das Umfeld, wird einem erst klar, dass man ohne diese Bedingungen erst gar nicht befreundet gewesen wäre und man einfach nicht zueinander passt. Das kann das Ende einiger Freundschaften bedeuten.

Beidseitiges Interesse

Irgendwann kommt jeder an den Punkt, das er sich fragt, wie es einem alten Freund doch geht. Man ruft an oder schreibt eine Nachricht und bringt einander auf den neuesten Stand. Häufig ist danach wieder Wochenlang oder sogar Monatelang ruhe, bis man wieder Kontakt aufnimmt. Auch ich habe mich lange in diesem Muster bewegt und es war harte Arbeit. Wenn ich nicht den Kontakt gesucht habe, wäre dieser gar nicht zustande gekommen. Dieses scheinbare Desinteresse hat mich frustriert und wütend gemacht. Ich beschloss, dass ich die Nase voll habe und nicht mehr das Gespräch suchen werde, bis die anderen es tun. Leider herrscht bei einigen noch bis heute Funkstille. Es müssen beide an einer Freundschaft interessiert sein, damit diese auch lange hält. Ich bereue diese Entscheidung nicht, denn die wirklich wichtigen haben von sich aus Interesse gezeigt. Jeder sollte das tun, denn die wahren Freunde zu kennen, ist mehr Wert, als all die oberflächlichen Bekanntschaften neu kennen zu lernen.

Im Leben eines Menschen werden viele kommen und genauso viele auch wieder gehen, aber darauf kommt es nicht an. Was zählt, sind die Freunde, mit denen man wirklich alles teilen kann – auch wenn man ein paar Mal auf die Schnauze fliegen wird.

(Foto: Fenja Eisenhauer by jugendfotos.de)

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