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Franzis Leseecke: Katzenberge

Rezension zum Roman von Sabrina Janesch

Nele hatte immer eine enge Beziehung zu ihrem Großvater und ist tief erschüttert als dieser stirbt. Auf der Beerdigung in Schlesien stößt sie nicht nur auf trauernde Verwandte, sondern auch auf Familiengeheimnisse und begibt sich auf eine Reise in die Ukraine, um zu verstehen, wer ihr Großvater wirklich war.

Franzis Leseecke back viewSabrina Janesch studierte nicht nur Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, sondern auch Polonistik in Krakau. Auch ihre Arbeit als Stadtschreiberin Danzigs zeigt eine enge Verbindung nach Polen und so scheint es nicht verwunderlich, dass auch ihr Debütroman in diesem Land spielt. Nele Leibert, halb Deutsche und halb Polin, hat in ihrem Großvater, ihrem Djadjo, eine enge Verbindung zur Heimat ihrer Mutter behalten. Als dieser stirbt, scheint Nele die Welt aus den Fugen geraten zu sein.
„Das ist nicht möglich, hatte ich gestottert, wie kannst du denn anrufen? Als ob zeitgleich mit seinem Tod Schlesien hätte aufhören müssen zu atmen. Schlesien war Großvater, Großvater war Schlesien und Schlesien, mit Großvater, tot.“

Familiengeheimnisse kommen an die Oberfläche

Plötzlich fangen alte Freunde und alte Feinde im Dorf an, flüsternd die Geheimnisse ihrer Familie zu verbreiten. Nele, neugierig geworden, beschließt nach Galizien zu reisen, um zu sehen wo ihr Großvater aufgewachsen war, bevor ihn die deutsche Wehrmacht nach Schlesien, zu den Katzenbergen, verschleppte. Während ihre Mutter sie in dem Vorhaben unterstützt, sind ihre polnischen Tanten und Onkel von dem Vorhaben wenig begeistert, gilt die Ukraine bei ihnen doch als ein zurückgebliebenes Land voller Verbrecher und magischer Gestalten wie Hexen und Waldgeister, die dem Besucher nichts Gutes wollen. Janeschs Roman ist gespickt von dieser Art von Aberglauben, der so tief verwurzelt ist in den Völkern Osteuropas und der Frage: „Was, wenn Dämonen, wie Sprache oder Land, vererbbar sind?“

KatzenbergeDie Angst vor der Vergangenheit

Aber sie erzählt auch von realistischerem Aberglauben; der Furcht auf fremden Land zu leben auf das man selbst verschleppt wurde, auf dem man es sich gezwungenermaßen heimisch gemacht hat, aber immer in Angst, dass die eigentlichen Besitzer doch noch kommen und es zurückverlangen – so viele Jahre nach dem Krieg. Land und Heimat, zwei Begriffe die untrennbar miteinander verbunden sind; auch für Nele die sich für ihre polnische Herkunft interessiert, anstatt wie ihre Mutter so zu tun, als wäre sie nicht von dort.

„Die Deutschen sind da, drang es durchs Fenstern herein. Jeder, an dem wir vorbei fuhren, ließ den Kopf herumschnellen, das deutsche Kennzeichen war faszinierend und alarmierend zugleich. Noch nach über vierzig Jahren war man auf der Hut – darauf gefasst, sein Hab und Gut verteidigen zu müssen gegen jemanden, der kam und sagte: Das ist mein Land, diesen Brunnen, diesen Stall habe ich gebaut.“

Die Suche nach der Familienvergangenheit

„Spurensuche sei unseriös, etwas für Amerikaner und Melancholiker.“

Tatsächlich erinnert Katzenberge an Jonathan Safran Foers Alles ist erleuchtet, in dem ein junger Amerikaner nach der Herkunft seines Großvaters in Osteuropa sucht. Auch im Internet findet man zahlreiche Angebote für Juden, die nach den Spuren ihrer Familien und ihrer Vergangenheit in Europa suchen wollen. Wie sie, findet Nele die Geschichte von Krieg und Vertreibung, Freunde die zu Feinden wurden nur weil man unterschiedliche Sprachen sprach oder Religionen folgte, aber auch von Neuanfängen und erfüllenden Leben mit großen Familien fern der Heimat, vor.

Fazit

Sabrina Janeschs Roman Katzenberge begegnet dem Thema Vertreibung im 2. Weltkrieg auf eine ganz neue Weise, aber trotz der Thematik wirkt er keineswegs schwer auf das Gemüt. Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Aberglaube vermischen sich in ihrer Geschichte zu einer Erzählung über Familienbande und Familiengeheimnisse, die den Leser und Nele auf eine spannende Reise in das raue Osteuropa sendet. Ich kann Günther Grass Kommentar auf dem Buch nur zustimmen: „Diesem Buch sind viele Leser zu wünschen.“

Meine Berwertung von “Katzenberge”:
Franzis Leseecke5 von 5 Sternen

Titel: Katzenberge
Autor: Sabrina Janesch
Verlag: Aufbau Digital
Seiten: 275
Amazon: Katzenberge

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Über den Autor

Franziska Mayer
Anzahl der Artikel : 37

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