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Fernfreundschaft

Die kleine Schwester der Fernbeziehung

Das wird ein richtiges Abenteuer, haben sie gesagt. Du wirst so viel Spannendes erleben, davon waren alle überzeugt. Du wirst so viele neue Freunde finden, meinte meine Mama kurz vor meiner Abreise.

Zugegeben, als ich im September 2014 meinen unibedingten Auslandsaufenthalt in London antrat, hatte ich tatsächlich noch keine Ahnung, wie sehr mich die nächsten zehn Monate beeinflussen, ja sogar verändern würden. Doch sie würden alle recht behalten und wie so oft im Leben würde meine Mama wieder einmal absolut richtigliegen.

Dass es „Fernbeziehungen“ gab, das wusste ich natürlich. Ich hatte mich ja sogar schon einmal einige Monate durch eine derartige durchgekämpft. Mit einer „Fernfreundschaft“ oder im engl. „Long-Distance Friendship“ war ich allerdings noch nie konfrontiert worden. Erdrückende, herzzerreißende und schmerzvolle Gefühle, die sich fast wie Liebeskummer anfühlten. Nur eben basierend auf einer Freundschaft, auf einer richtig tollen Freundschaft.

Fernfreundschaft

Der Beginn meiner Fernfreundschaft

Nun zurück ins Jahr 2014 und zurück nach London. Als ich S. ziemlich zu Beginn meiner Zeit im Ausland kennenlernte, machte es sofort KLICK. Sowohl in der Liebe als auch bei Freundschaft weiß man es manchmal einfach sofort, dass es passt. Dass man sich mit dem Gegenüber super verstehen würde. Dass man in diesem einen Moment Jemanden kennengelernt hatte, die oder der von nun an eine große Rolle im eigenen Leben spielen würde.

S. und ich verbrachten so gut wie jedes Wochenende zusammen. Wir aßen uns durch Londons Restaurants, tranken uns durch die coolsten Pubs und feierten uns durch eine der wohl aufregendsten und spannendsten Städte weltweit. Wir durften unsere Zeit im Ausland zusammen genießen, schauten uns so oft es unsere Zeit und unser Budget zuließ andere Städte an und lernten uns während der nächsten Monate immer besser kennen. Und schon bald war es so, als würden wir uns schon unser Leben lang kennen. Als hätten wir schon so viel gemeinsam erlebt. Als wären wir schon einige Jahre durch dick und dünn gegangen.

Wir lachten, bis wir keine Luft mehr bekamen. Beendeten schon bald die Sätze des Anderen und waren schnell ein eingespieltes Team. Doch wie es natürlich so ist, wenn man Spaß hat und sein Leben in vollen Zügen genießt, gerade dann vergeht die Zeit natürlich wie im Fluge und so stand auch schon bald meine Abreise aus London bevor. Ich musste wieder in den Süden Deutschlands, genauer gesagt nach Bayern zurück. Auch S. musste unserem geliebten London vorerst den Rücken kehren und würde wieder nach Hause fliegen. Wobei „nach Hause“ in ihrem Fall Bremen bedeutete und wer nun ein wenig in Geographie aufgepasst hat, der erkennt unser Problem sofort.

Die Entfernung ist so groß

523 km sagt Google Maps. 4 Stunden und 27 Minuten Autofahrt. 4 Stunden und 18 Minuten mit dem Zug. Oder gleich eine Stunde und 5 Minuten mit dem Flugzeug. Natürlich alles machbar, klar. Nur eben nicht jedes Wochenende. Doch uns war beiden klar, dass wir in Kontakt bleiben würden. Irgendwie würden wir es schaffen, unsere Freundschaft am Leben zu erhalten, das schworen wir uns.

Am 31. März 2015 stieg ich also in London in den Flieger. Keine zwei Stunden später landete dieser in Nürnberg, eine halbe Stunde später stand ich mit meinen Koffern nach zehn Monaten Ausland wieder in meinem alten Zimmer und wusste so gar nichts mit mir anzufangen. Ich konnte nicht glauben, wie schnell man einen Menschen vermissen konnte. Wenn man aber bedachte, wie viel Zeit S. und ich in den vorherigen Monaten zusammen verbracht hatten, fühlte sich dies definitiv wie ein kalter Entzug an. Von hundert auf null. Von fast täglich auf gar nicht. Doch wie es im Leben so ist, man gewöhnt sich an so gut wie alles und so gewöhnten auch wir uns an unsere Fernfreundschaft. Mit der Zeit findet man sogar einen Rhythmus, der einem zeigt, wie toll diese Freundschaft noch immer ist – trotz 523 km, die zwischen einem liegen.

10 Tipps für eine bessere Fernfreundschaft

Und weil es da draußen vielleicht den einen oder anderen gibt, der ebenfalls die Hürden einer Fernfreundschaft meistern muss, hier einmal ein paar Tipps, die einem die Zeit bis zum nächsten Wiedersehen etwas verkürzen und die S. und mir immer wieder eine große Hilfe sind:

  1. Ich bin nicht zwangsläufig ein Fan jeder neuen App, die auf den Markt kommt. Aber die aktuelle Fülle an Messaging Apps macht es einem zum Glück etwas einfacher, in Kontakt zu bleiben. WhatsApp, Snapchat, Facebook, Twitter, Instagram – Mit all diesen Apps kann man Nachrichten, Bilder, Sprachnachrichten oder auch Videos verschicken. Kleine Einblicke in das eigene Leben, die dem Anderen das Gefühl geben, noch immer dabei zu sein. Egal ob man über eine WhatsApp-Sprachnachricht ein tolles Erlebnis wiedergibt, auf Facebook oder Instagram eine schöne Erinnerung teilt und den anderen verlinkt oder ein Schnappschuss-Selfie mit Hundeohren verschickt – all diese Dinge zaubern einem doch immer wieder ein Lächeln ins Gesicht.
  2. Wenn wir schon bei neuen Technologien sind, dann muss man selbstverständlich auch über Skype sprechen. War man es vorher gewohnt, sich fast täglich auszutauschen, so muss man den gesamten Gesprächsstoff nun oft in nur ein Videochat-Gespräch packen. Doch auch wenn dieses Gespräch dann nur daraus besteht, sich den neuesten Klatsch und Tratsch zu erzählen, herumzualbern und zu lachen, das ist es worauf es ankommt. Man schafft gemeinsam neue Erinnerungen.
  3. Movie-Night geht jetzt nicht mehr? Papperlapapp, geht doch! Man fängt gleichzeitig an, den selben Film zu schauen und schreibt dem Anderen währenddessen, was man davon hält. Ist natürlich nicht ganz so gut wie früher aber immerhin.
  4. In Erinnerungen schwelgen – Oh ja, das machen S. und ich oft genug. Immerhin haben wir auch reichlich zusammen erlebt und es ist immer wieder ein riesen Spaß, alte Erinnerungen herauszukramen und sich wieder einmal schlapp zu lachen. Weißt du noch, das Ed Sheeran Konzert? – Letztens habe ich mir mal wieder die Bilder aus unserem Kurztrip nach Irland angeschaut. – Ich hätte jetzt am liebsten einen Burger. Du weißt schon welchen – DEN Burger aus unserem Pub! An Erinnerungen mangelt es definitiv nicht und diese sollte man auch noch Jahre später so richtig auskosten.
  5. Wenn es dann doch mal etwas altmodischer, meiner Meinung nach dafür aber auch viel romantischer sein darf, dann ist ein handgeschriebener Brief perfekt. Manchmal fällt es einem doch etwas schwer, das auszusprechen, was man empfindet. Da ist es oftmals viel einfacher, seine Gefühle aufzuschreiben, verpackt in einen Liebesbrief an die Freundschaft.
  6. Auch das gelegentliche Care-Paket, Weihnachts- oder Geburtstagspäckchen verbreitet Freude. Sowohl beim Absender als auch beim Empfänger. Selbstgebackene Weihnachtsplätzchen, eine schöne Karte, Bilder, die an die gemeinsame Zeit erinnern und das ein oder andere kleine Geschenk. Mehr braucht es eigentlich nicht.
  7. Vorfreude ist doch immer noch die schönste Freude. Also warum nicht immer darin schwelgen? Es ist immer gut, schon den nächsten gemeinsamen Trip oder den nächsten Besuch zu planen. So hat man immer etwas, worauf man sich freuen kann und man kann stetig die Tage abhaken, bis man sich wiedersieht.
  8. In einer engen Freundschaft werden sie im Normalfall sowieso entstehen, die Insider-Witze. Doch das ist auch gut so und sollte zusätzlich gefördert werden. Denn sie geben einem das Gefühl, ganz eng miteinander verbunden zu sein. Witze und Kommentare, die nur ihr versteht schweißen zusammen.
  9. Der nächste Geburtstag, die Abschlussfeier oder dann vielleicht eines Tages sogar eine Hochzeit – es gibt doch immer etwas zu feiern. Das sollte man ausnutzen und es ist nie zu früh, um mit dem Planen zu beginnen. Und eines weiß ich bereits jetzt schon: S. wird ganz sicher bei meiner Abschlussfeier Ende 2018 in England am Start sein!
  10. Und wenn wir schon beim Thema England sind – Ja, S. und ich planen bereits jetzt schon, in nicht allzu ferner Zukunft wieder in derselben Stadt zu leben. Das ist bei uns natürlich vorzugsweise London und wir sprechen schon jetzt über die Dinge, die wir dann endlich wieder gemeinsam unternehmen und erleben können. Ob es am Ende alles so kommen wird, wird sich natürlich erst noch zeigen. Doch allein schon Planen macht wahnsinnig Spaß und gibt uns immer wieder das Gefühl, dass die Welt doch nicht so groß ist, wie sie tagtäglich erscheint.

Die Abschiede sind das Schlimmste an einer Fernfreundschaft

Eine Fernfreundschaft, ganz ähnlich wie eine Fernbeziehung, bedeutet also viel Arbeit, die investiert werden muss und manchmal kann es auch unglaublich frustrierend sein. Man findet nicht die Zeit für ein längeres Skype-Gespräch oder vergisst im stressigen Alltag auf eine Nachricht zu antworten und hat dann einfach tagelang keinen Kontakt. Von der Verabschiedung am Ende eines jeden Besuches möchte ich gar nicht erst anfangen, denn die ist einfach jedes Mal aufs Neue wieder schmerzhaft. All das erleben S. und ich immer wieder. Doch wir lassen uns davon nicht unterkriegen.

Man muss sich auch immer wieder die positiven Aspekte einer solchen Freundschaft vor Augen halten. Wenn man es schafft, eine Fernfreundschaft eine gewisse Zeit aufrecht zu erhalten, kann man davon ausgehen, dass dies eine Freundschaft ist, die ein Leben lang halten wird. Und sind wir doch mal ehrlich. Die Freude, die man verspürt, wenn man sich nach langer Zeit endlich wiedersieht, sich in die Arme fällt und sich gar nicht mehr loslassen möchte – unbezahlbar! Alles ist wie früher, nichts hat sich verändert, nichts ist gekünstelt. In diesem Moment ist man einfach nur dankbar und rundum glücklich.

Auch für S. und mich wird es weitergehen. Ich ziehe Mitte September wieder zurück nach London – sie kommt mich gleich in den ersten Wochen dort besuchen. Mein Auslandsaufenthalt hat mich nicht nur um einige positive Erfahrungen reicher gemacht, sondern er hat mir auch einen der wichtigsten Menschen in meinem Leben geschenkt. Und obwohl wir nur eine relativ kurze Zeit miteinander verbringen durften und nun stetig an unserer Freundschaft arbeiten müssen, so kann ich mir ein Leben ohne S. nicht mehr vorstellen.

Ja, es benötigt definitiv viel Kraft, Geduld, Organisation und manchmal auch die ein oder anderen Euro um so eine Freundschaft aufrecht zu erhalten. Aber das Warten lohnt sich jedes Mal aufs Neue. Und schon bald wird auch das nächste Wiedersehen wieder viel zu schnell vorüber sein und der nächste gemeinsame Trip oder der nächste Besuch muss geplant werden.

 

(Foto: Fenja Eisenhauer by jugendfotos.de)

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