Du bist hier: Home » Gesellschaft » Brennpunkte » Das Ostermeme – oder was das Evangelium 4.0 für die Gesellschaft 4.0 bedeutet

Das Ostermeme – oder was das Evangelium 4.0 für die Gesellschaft 4.0 bedeutet

Vom Eise befreit sind Ströme und Bäche, der Frühling beginnt. An diesem Sonntag feiern Christinnen und Christen weltweit die Auferstehung Jesu Christi, das Osterfest. „Die Botschaft höre ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ Über das Evangelium 4.0 in einer Gesellschaft 4.0.

Es ist Zeit für diese Zeit

Nichts ist beständiger als der Wandel. „Die Zeit ist die wichtigste Zutat im Rezept des Lebens“, stellte der Begründer der Evolutionstheorie Charles Darwin einst fest. Begeben wir uns an den Anfang der Zeit, so finden wir hier einfach gebaute Einzeller vor. Sie vermehren sich, indem sie einander kopieren. Irgendwann erkennen die Einzeller die Möglichkeiten sich zusammen zu schließen. Sie werden zu Mehrzellern. Aus ihnen entstehen die Gene, schließlich der Mensch selbst. Aufgabe der Gene ist es nun, sich selbst zu vermehren, zu erhalten und weiterzugeben. Dies geschieht auf zwei Weisen.

Zum einen sorgen die Gene für das reibungslose Funktionieren des Organismus selbst, sie regulieren die Wechselwirkungen der Organe zu einander, integrieren sie. Zum anderen treten die Gene aber auch in Wechselwirkung mit der Umwelt. Hier konkurrieren verschiedene Lebewesen darum bei begrenzten Ressourcen die eigenen Gene weiterzugeben um die eigene Spezies zu erhalten. „Die Entstehung der Arten“ geschieht durch die Mechanismen von Adaption, Variation und Selektion. Anders ausgedrückt, jene die sich am besten an ihre Umwelt anpassen, überleben und vermehren sich. Kurzum, jeder Organismus ist ein Abbild seiner Umwelt, an die er sich immer wieder anpassen muss.

Papst Meme

Ist die Religion nicht mehr zeitgemäß?

„Atheismus ist fast immer ein Zeichen für eine gesunde geistige Unabhängigkeit und sogar für einen gesunden Geist,” so schreibt es der Evolutionsbiologe Richard Dawkins in seinem Werk, „Der Gotteswahn“. Betrachtet man die aktuellen Zahlen, so kann diesem auf den ersten Blick auch nicht wirklich widersprochen werden. Die größte Religionsgruppe in Deutschland sind mittlerweile die Religionslosen, welche nicht mehr organisiert in Religionen an Gott glauben.

„Gott ist tot“, so postuliertes es einmal der Nihilist Friedrich Nietzsche. Aber dennoch ist Gott nicht wirklich totzukriegen. Die etablierte Kirche befindet sich in einer Krise. Freikirchen, Esoterik erleben dennoch einen neuen Zulauf. Viele wissenschaftliche Erkenntnisse sprechen dagegen, gelang es doch über Jahrtausende nicht einen stichhaltigen Beweis für Gott zu finden. „Ich bin durch den Weltraum geflogen, aber Gott habe ich dort nicht gesehen“, merkte der erste Kosmonaut Juri Gagarin einst. Viele religiöse Vorstellungen wurden bereits wissenschaftlich wiederlegt, aber die Religion hält sich. Der Evolutionsbiologe und bekennende Atheist Richard Dawkins meint: „Gott ist das erfolgreichste Meme der Menschheit.“

Gott ist ein Meme

Was ist Gott? Was ist ein Meme? Bereits vor über 40.000 Jahren in den Höhlen von El Castillo verbreiteten unsere Vorfahren Memes. Diese Höhlenmalereien zählen zu den ältesten der Welt. Heute ist das Wort Meme vor allem aus dem digitalen Kosmos dem Zeitalter des Internet bekannt. Aber hinter den so lustigen, teils banalen Bildern steckt eine ganze Hochkultur.

Im Jahre 1976 prägte Dawkins den Begriff des „Selfish Meme“. Hierin beschreibt der Evolutionstheoretiker in Analogie zur biologischen eine kulturelle Evolution der Menschheit. Meme stehen analog für Gene, abgeleitet von der griechischen Nymphe Mneme, die Muse der Erinnerung. In anderen Worten steht Meme im griechischen für μιμεῖσθαι (nachahmen), im französischen für même (gleich) bzw. im englischen für mime, das Gedächtnis, die Erinnerung.

„We hold these truth to be self-evident, that all men are created equal”, erinnern wir uns an die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung. Auch wenn noch mehr als 100 Jahre bis Entdeckung der Genetik vergehen sollten, war diese Hypothese schon damals biologisch richtig. 1972 wies der Biologe Richard Lewtonian nach, dass alle Menschen 99,9% der Gene teilen. Nur 0,1% unterscheiden sie. Aber diese 0,1% ermöglichten die weltweite Ausbreitung der Menschheit.

„Macht euch die Erde untertan“, lautet der göttliche Auftrag. Heute bevölkern mehr als 7,5 Milliarden Menschen die Erde. Sie sprechen über 6.500 Sprachen, praktizieren verschiedene Kulturen und Religionen. Allein vier Milliarden davon glauben an einen einzigen Gott. Dies ist ein Meme. Analog zur biologischen Evolution mit Genen, stehen Memes für die kulturelle Evolution, sich verschiedenen Lebensbedingungen anzupassen und Gemeinschaften zu bilden. „Die Religion ist das Opium des Volkes“, kritisierte der Philosoph Karl Marx. Aber sie leistet eine wichtige Funktion. Sie gab den Gesellschaften Orientierung, Identität und einen Sinn über die Rolle des Menschen in der Welt nachzudenken. Sie schuf eine gesellschaftliche Ordnung. Daher konnte sich die Religion als kulturelles Meme langfristig durchsetzen, sich anpassen. Memes sind kulturelle Ideen, welche wie Gene gespeichert, verbreitet und verändert werden. Memes sind somit das Abbild von sozialen Organismen an ihre jeweilige Umwelt.

Drehen wir uns im Kreis?

Erstaunlicherweise erlebt die Religion derzeit ein Revival, denkt man etwa an das Aufkommen des politischen Islams oder die Beschwörung einer christlichen Leitkultur. Alles schon einmal da gewesen? Vielleicht drehen wir uns im Kreis, wie der Kondratieff Zyklus vermuten lässt.

Mittlerweile sind mehr als vier Milliarden Menschen mit und über das Internet vernetzt. Technologisch stehen wir an der Spitze des Fortschritts. Sei dies in Gesundheit, Landwirtschaft oder einem gestiegenen Lebensstandard, betrachtet man die Zahlen geht es so gut wie nie zuvor. „Die Wahl der Technologie, die wir gebrauchen, bestimmt die Art, wie wir leben“. Die Erklärung für die Rückkehr des Nationalismus, Regionalisierung, Besinnung auf die eigene Identität findet sich in diesem Zitat des Science- Fiction Autors Charles Stross. Es beschreibt in anderen Worten den Kondratieff Zyklus des russischen Ökonomen Nikolai Kondratieff.

Hierin beschreibt der Ökonom das Prinzip der langen Wellen, einen regelmäßigen Zyklus auf Aufschwung, Stagnation und Abschwung für die Weltwirtschaft. Ausgangspunkt eines jeden Zyklus ist der Mangel einer entscheidenden Ressource. Der Konkurrenzkampf um das begrenzte Gut führt zu gesellschaftlicher Instabilität. Um diesen Mangel zu begegnen benötigt es eine Basistechnologie. Diese stellt die Stabilität wieder her, ordnet die Gesellschaft anders.

Die Erfindung der Dampfmaschine begegnete dem Mangel an mechanischer Energie. Mithilfe dieser Innovation wurde die industrielle Produktion eingeleitet. Gleichzeitig entstand damit einhergehend das Großbürgertum der Fabrikbesitzer und Investoren. Sie forderten gegenüber dem Adel ihre Mitsprache an Staat und Politik ein. Es kam zur französischen Revolution.

Im Zuge gestiegener Produktivität der Landwirtschaft konnten mehr Menschen ernährt werden. Da sie auf dem Land nicht mehr gebraucht wurden, zogen sie in die Städte, das Proletariat entstand. In den aufkommenden Großstädten sorgten sie für die nötige Arbeitskraft und trieben die wirtschaftliche Expansion weiter voran. Dies geht solange gut, solange die neuen Technologien auch weiterhin wirtschaftlich sind, einen zusätzlichen Gewinn erwirtschaften. Irgendwann hatten alle Fabriken Dampfmaschinen. Ein zusätzlicher Gewinn war nicht mehr zu erwarten. Es kam zum Abschwung, Hungernöte und Revolten prägten die Epoche um 1840.

Auf den 1. Kondratieff folgte der 2. Kondratieff mit der Erfindung der Eisenbahn, welche das Problem des Transportes von Waren überwand. Im 3. Kondratieff gab die Elektrifizierung neue Energie für Gesellschaft. Der Aufschwung zeigt sich im Lebensgefühl der Roaring Twenties. Allerding fand der Abschwung sein Ende in den Folgen des Faschismus und 2. Weltkrieges. Hierauf folgte das Zeitalter des Fordismus aus Massenproduktion und Massenkonsum. Sichere Arbeitsplätzte ermöglichten den Individualismus brachten das Zeitalter der 1968, der Hippies.

„Das Internet? Gibt es denn Blödsinn immer noch?“, fragt sich der Digitalisierungsexperte Homer Simpson zurecht. Nichts hat unsere Gesellschaft so verändert wie der Computer. Digitale Rechenkapazitäten schufen die Grundlage für Entstehung einer globalen Weltwirtschaft. Immer bessere Rechenleistungen brachten immer höhere Produktivität hervor.

Obwohl es der Menschheit im materiellen Wohlstand so gut geht wie nie zuvor, erleben Nationalismus, Populismus und die Betonung der eigenen Religion einen neuen Zulauf. Es scheint so, als ginge die Evolution rückwärts, alles wieder auf Anfang, wie es einmal wäre.

Leitet uns die Leitkultur?

„Ich bin ein Gegner der Religion. Sie lehrt uns, damit zufrieden zu sein, dass wir die Welt nicht verstehen,” rechtfertigt sich der bekennende Atheist Richard Dawkins nicht an Gott zu glauben. Gerade durchleben wir die Industrialisierung 4.0. Doch haben wir die Gesellschaft 4.0 dazu? Die soziale Spaltung in Arm und Reich, die digitale Spaltung in Digital Natives und Digital Immigrant, jenen, welche die Digitalisierung verstehen und jenen die nicht, sie sind Zeichen einer neuen sozialen Instabilität. Zeitgleich ist die Produktivität der Computer an ein Ende gekommen. Zwar können die digitalen Begleiter immer komplexere Aufgaben lösen, aber nur weil ein Computer tausend Mal schneller wird, wird ein Mensch nicht tausendmal kreativer.

Meme or not to meme, what does it mean? Das ist nun die große Frage.
Unsere Genen dienen dazu unseren biologischen Mechanismus zu erhalten, sie halten uns als Menschen am Leben, stabilisieren unsere Existenz mit unserer Umwelt. Memes dienen dazu unsere kulturellen Mechanismen zu erhalten, sie halten uns als Gesellschaft am Leben, stabilisieren unsere Existenz mit anderen Menschen, geben uns einen Platz in der Gesellschaft.

„Der Islam gehört (nicht) zu Deutschland“. Welchen Platz haben Muslime und andere Bekenntnisse in einer „christlichen Leitkultur“? Hieran scheiden sich gerade die Zeitgeister. Obwohl religiöse und gesellschaftliche Zwänge überwunden zu sein scheinen, erleben gerade alte Narrative von Heimat, Nation, Religion, der Betonung der eigenen Identität ein Comeback. Auf diese Weise soll durch Narrativen die eigene Gesellschaft stabilisiert werden gegenüber äußeren Einflüssen. Memes wie „Volk“ sind ein Reaktion auf eine sich verändernde Umwelt.

Was bedeutet das Evangelium 4.0 für eine Gesellschaft 4.0?

„Was heißt denn Volk? Sind Christ und Jude eher Christ und Jude, als Mensch? Ah! Wenn ich einen mehr in Euch gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch zu heißen!“ Dieser Sinnspruch beschreibt die Rolle von Religionen in der Ringparabel von Nathan dem Weisen.

Umbrüche und die Sinnsuche in einer globalen, grenzenlosen und zeitlosen Welt sind Zeichen für den Beginn eines Paradigmenwechsel. Alte Muster greifen immer weniger in Zeiten einer weltweiten Vernetzung. Fakenews, Cyberangriffe, Radikalisierung prägen das negative Bild. Es scheint so als haben wir die Kontrolle über die Geister verloren, die wir einst selber riefen.

Wie soll es nun weitergehen? Wir haben so viele Informationen wie nie zuvor, doch wissen wir nicht, was wir tun sollen. „Was wir wissen ist ein Tropfen, was wir nicht wissen ist ein Ozean“. Dieser Ausspruch Isaac Newtons beschreibt den Beginn eines neuen Kondratieff Zyklus. Algorithmen übernehmen immer mehr Aufgaben. Ausgangspunkt für Instabilität ist die Konkurrenz und der Mangel an Wissen. Wissen wie wir miteinander umgehen als Menschen. Computer können das tun, was wir ihnen vorgeben. Menschen können den Sinn dahinter sehen. In seinem Werkt „Himmel 4.0“ sieht der Zukunftsforscher Erik Händeler eine neue Chance für die Frohe Botschaft, was Evangelium aus dem Griechischen übersetzt bedeutet.

Memes sind nur erfolgreich, wenn sie sich vermehren und durchsetzen können. Dafür müssen sie sich ihrer Umwelt anpassen können. Rezessive Memes wie Nationalismus und Abgrenzung gegenüber dem anderen werden leider wieder dominant, da es schwierig ist sich zu ändern. Genauso wie Gene verändern sich auch Memes. Das Evangelium darf in diesem Sinne nicht als ausschließend, sondern als einschließend für alle gelten, geleitet vom Prinzip der Nächstenliebe.

Mehr denn je erfordert es heute ein Zusammenwirken der gesamten Menschheit Antworten auf die großen globalen Fragen zu finden, sei dies im Freundeskreis, in der Gesellschaft oder Welt. Die große Frage der Zukunft wird lauten“ Wie werden wir, wie werden wir miteinander leben?“. „Liebe dich selbst wie deinen Nächsten“, lautet die christliche Botschaft. Es ist Aufgabe ein Miteinander der verschiedenen Religionen, der verschiedenen Memes unserer kulturellen Prägungen zu schaffen. Dies kann nicht alleine gelingen, sondern nur zusammen. Gott ist ein Meme, weil seine (Nicht)-Existenz unsere kulturelle Evolution geprägt hat, einen Sinn für das Leben gibt. Die Osterbotschaft Jesu lautet: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt der wird leben“. Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich ein frohes Osterfest.



Download PDF  Artikel drucken (PDF)

Schreibe einen neuen Kommentar

You must be logged in to post a comment.

Über den Autor

Stephan Raab

Stephan Raab interessiert sich für Warum und die Welt: Seit 2014 gehe ich für backview.eu scheinbar alltäglichen Dingen auf den Grund, betrachte warum manches so ist wie es ist. Wenn ich nicht gerade an einer neuen Idee für einen Artikel sitze, beschäftige ich mich gerne mit Fotographie oder Fremdsprachen oder widme mich meinen Politikstudium.

Anzahl der Artikel : 38

© back view e.V., 2007 - 2017

Scrolle zum Anfang