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Es ist immer jemand da

Mein Leben in einer WG ‚Äď wie zwei Generationen dar√ľber denken

Immer mehr Menschen schlie√üen sich zusammen, um eine Wohnung zu mieten. Wohnzimmer, K√ľche, Bad werden gemeinsam genutzt. Es geht um Anpassung, R√ľcksichtnahme und Kompromisse. Aber irgendwie auch darum, das Leben miteinander zu teilen. Meine Ansicht √ľber das Prinzip WG liegt dabei weit entfernt von der meiner Mutter.

Ich komme nach Hause, es duftet herrlich nach frischem Pizzateig, Freitagabend. Meine Mitbewohnerin und ich, wir machen heute einen dieser gem√ľtlichen WG-Abende, an denen wir zusammen sitzen, Rotwein schl√ľrfen und uns den Bauch vollhauen. Sie hat schon alles vorbereitet, weil sie wei√ü, dass ich heute einen langen Arbeitstag hatte.

Mit der ersten Kippe auf dem Balkon mit Kathi ist der Stress aber vergessen. Ich erzähle ihr von Frank, dem neuen Kollegen, von dem schlechten Kantinenessen und hole meinen Laptop hervor, um ihr meine neueste Musikentdeckung auf YouTube zu präsentieren.

Warum ich in einer Wohngemeinschaft lebe? Weil ich selbstst√§ndig, unabh√§ngig, frei bin. Und doch nie alleine sein muss. Es ist jemand zum Reden da. M√ľssen wir beide am Schreibtisch sitzen, verabreden wir uns zwei Stunden sp√§ter in der K√ľche, um bei einem Kaffee √ľber unser anstrengendes Leben zu jammern.

Wir sitzen zehn Minuten zusammen, dann geht‚Äôs zur√ľck an die Arbeit. Unvorstellbar, h√§tte ich Kathi in der Stadt im Caf√© treffen m√ľssen. Der Aufwand: raus aus der Jogginghose, eine neue Streifenkarte ziehen, eine halbe Stunde mit den √Ėffentlichen in die Innenstadt fahren, um zehn Minuten plaudern zu k√∂nnen ‚Äď es h√§tte sich niemals gelohnt.

Wir wohnen nicht zusammen, wir leben zusammen
Morgen, nach dem Aufstehen, werden wir uns gegenseitig Aspirin zustecken, weil es heute Abend wahrscheinlich doch wieder l√§nger gehen wird. Danach werde ich die K√ľche schrubben, sie das Bad. Wir teilen nicht nur den Putzplan, sondern auch die Miete, die Eink√§ufe, die Einrichtung. Irgendwie unser ganzes Leben.

Ich habe Gl√ľck, dass meine Mitbewohnerin und ich uns so gut verstehen. Wir f√ľhren keine Zweckgemeinschaft. Wir wohnen zusammen. Miteinander. Es gibt mal Streitpunkte, zum Beispiel, wenn es darum geht, die Rundfunkgeb√ľhr zu zahlen oder die Pfandflaschen wegzubringen. Es gibt Ruhest√∂rungen, wenn sie einen Typen mit heim bringt oder ich nachts noch das Kochen anfangen muss.

Manchmal k√∂nnte ich mich √ľber Kathi aufregen, weil sie meinen K√§se leer macht und danach vergisst, welchen vom Supermarkt mitzubringen. Oder weil sie mitbekommt, dass mein innerer Schweinhund st√§rker war und ich eben nicht joggen war. Oder, weil sie mich dar√ľber belehrt, wie ich mein Leben zu f√ľhren habe.

Teilen und Nutzen daraus ziehen
Es gibt Tage, da h√§tte ich gerne meine Ruhe, w√ľrde gerne nicht mehr reden m√ľssen. Aber trotz allem lebe ich gerne mit jemandem zusammen. Warum nicht teilen, was man eh nicht alleine vereinnahmen muss? Warum alleine daheim rumsitzen, wenn man sonst kaum jemanden in der neuen Stadt kennt? Warum nicht zusammen das Wasser nach Hause schleppen? Und warum jede Woche selbst das Bad putzen?

Ich profitiere davon, wenn Kathi mir Schnitzel kocht. F√ľr sie w√ľrde es sich alleine nie lohnen, die Pfanne herauszuholen. Sie nutzt daf√ľr meine Waschmaschine, die sie sich im Moment nicht leisten k√∂nnte. Es geht um Teilen, und nicht um Besitzen. Und es geht um eine Flucht aus der Einsamkeit.

Der Vorteil einer WG ist: Es ist immer jemand da. Der Nachteil einer WG ist: Es ist immer jemand da.

Die Ansichten meiner Mutter √ľber meine Wohnverh√§ltnisse:

Mutter, was hältst du eigentlich von Wohngemeinschaften?
Sie k√∂nnen n√ľtzlich sein. Ja. Aber ich habe es immer bevorzugt, alleine zu wohnen und mich zur√ľckziehen zu k√∂nnen, sobald ich m√∂chte. Vielleicht w√§re ich nicht so diszipliniert beim Arbeiten, wenn andere noch da w√§ren und mich ablenken k√∂nnten. Ich glaube, es ist einfacher, alleine zu wohnen und sein eigenes Ding zu machen.

Was denkst du denn, warum immer mehr Menschen zusammenwohnen?
Ich sch√§tze, haupts√§chlich aus Geldgr√ľnden. Sie wollen weniger Einrichtung bezahlen, sie wollen weniger Aufbauarbeiten haben. Und nie alleine sein. Wohngemeinschaften sind f√ľr mich so etwas wie ein Geschwisterersatz. Vielleicht wollen ein paar auch nie erwachsen werden, sondern immer noch alles von einem anderen miterleben. Vielleicht k√∂nnen sie sich nicht selbst besch√§ftigen. In einer WG wird man sich dessen nicht so schnell bewusst, weil das Zusammenleben von dieser Unf√§higkeit ablenkt.

Hättest du es damals denn getan, als Du aus dem Elternhaus ausgezogen bist?
Nein, ich war froh, endlich mein eigenes Reich zu haben und nur in meinen eigenen Dreck leben zu m√ľssen. Ich wollte nie in so etwas wie einer Kommune leben oder gezwungen sein, den anderen zu sehen. Es herrscht doch st√§ndig so ein Druck, dass man sich immer mit dem Mitbewohner besch√§ftigen muss, ob man will oder nicht. Man muss doch st√§ndig schon auf andere R√ľcksicht nehmen, warum muss man sich das antun, nach diesem Prinzip auch in den eigenen vier W√§nden zu verfahren?

Hast du manchmal Sorgen oder Bedenken √ľber Wohngemeinschaften?
Ja, nicht nur dar√ľber, dass mal Sachen geklaut werden oder wegkommen, sondern dass man sich vielleicht auch ver√§ndert. Man muss sich praktisch vor allem rechtfertigen, kann vielleicht nicht seine Bed√ľrfnisse ausleben und den Hobbys nachgehen. Mitbewohner kriegen doch alles mit und bewerten Dinge viel schneller als das zum Beispiel Freunde tun w√ľrden. Warum sollte man also seine Privatsph√§re aufgeben?

(Text: Christina Hubmann)

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√úber den Autor

Christina Hubmann
Redakteurin

Christina Hubmann wollte eigentlich mal Busfahrer werden, ehe sie sich entschloss, doch "irgendwas mit Medien" zu machen. Schreiben tut sie nämlich schon immer gern. Und wie das Leben ohne dieses Internet funktioniert hat, fragt sie sich schon seit Längerem - erfolglos.

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