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Einer geht noch!

Wie steht es um den Drogenkonsum in Deutschland?

Jeder dritte Mann trinkt riskant viel Alkohol. Das resĂŒmiert der aktuelle Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung. Darin steht auch, dass zwar weniger geraucht wird, doch neue Suchtquellen rĂŒcken nach.

Das Feierabendbier, das GlĂ€schen Wein zum Essen –  kein Grund zur Sorge. Und ein Bier geht ja noch und, wenn die Flasche Wein nun einmal geöffnet ist, wird ein weiteres GlĂ€schen schon nicht schaden. Alkohol ist in Deutschland tief im gesellschaftlichen Leben verankert: Wir trinken abends mit dem Partner, nach der Arbeit mit Kollegen, mit Freunden auf Parties. Nicht bei allen bleibt es dann bei dem zweiten oder dritten Bier oder Glas Wein. Viele trinken zuviel.

Anteil der Risikotrinker hoch
44,6 Prozent der MĂ€nner im Alter zwischen 18 und 29 Jahren trinken riskant viel. Zu unter anderem dieser Erkenntnis kommt der Drogen-und Suchtbericht, der alljĂ€hrlich von der Drogenbauftragten der Bundesregierung herausgegeben wird. FĂŒr die Werte zum Thema AlkoholabhĂ€ngigkeit wurden vier verschiedene Altersklassen in beiden Geschlechtern zu ihrem Alkoholkonsum befragt. Unterteilt wurden diese in die Kategorien „Nie-Trinker“, „Moderat“ und „Risikokonsum“. Bei den Frauen sind es in derselben Alterklasse 32,4 Prozent.

Also trinken gut jeder dritte Mann und jede fĂŒnfte Frau zu viel Alkohol oder wie es im Drogenbericht heißt „Alkohol in gesundheitlich riskantem Ausmaß“. Erschreckende Ergebnisse. Aber macht das aus Deutschland ein Land des ĂŒbermĂ€ĂŸiges Alkoholismus? Der Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung beschreibt die Bundesrepublik wörtlich als „Land mit hohen Pro-Kopf-Raten an Alkohol“, wenn es um den interntionalen Vergleich geht.

Alkohol_Titelthema DrogenWeniger exzessives Trinken bei Jugendlichen
Eine gute Nachricht hingegen ist der RĂŒckgang des Alkoholkonsums bei Jugendlichen. Die Bundeszentrale fĂŒr gesundheitliche AufklĂ€rung (BZgA) befragte fĂŒr die aktuelle DrogenaffinitĂ€tsstudie aus dem Jahr 2011 5.001 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von zwölf bis 25 Jahren zu ihrem Trinkverhalten. Das Ergebnis: Das sogenannte „Rauschtrinken“, von der BZgA definiert als der Konsum von mindestens fĂŒnf GlĂ€sern Alkohol hintereinander, hat bei Jugendlichen im Alter
von zwölf bis 17 Jahren abgenommen.

Im Jahr 2004 antworteten noch 22,6 Prozent der Befragten in dieser Altersklasse, in den letzten 30 Tagen ĂŒbermĂ€ĂŸig getrunken zu haben. 2011 hingegen lag der Anteil der jugendlichen Rauschtrinker bei 15,2 Prozent. Dabei gibt es deutliche Differenzen zwischen den Geschlechter. Laut der Drogenaffinitatsstudie 2011 ist das Rauschtrinken bei Jungs mit 19,6 Prozent fast doppelt so hĂ€ufig ĂŒblich wie bei MĂ€dchen (10,5 Prozent). Dass Bildung oder soziale Unterschiede einen erkennbaren Einfluss auf die Verbereitung von Rauschtrinken haben, kann die Studie allerdings nicht feststellen. In allen sozialen Gruppen sei dieses ahnlich weit verbreitet.

Alkoholvergiftungen bei Jugendlichen leicht gestiegen
Im Vergleich zu den Jugendlichen hat sich die Zahl der Rauschtrinker unter den jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren kaum verÀndert. Sie sank lediglich leicht von 43,5 Prozent auf 41,9 Prozent.

Trotzdem wurden im Jahr 2011 insgesamt 26.349 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zwischen zehn  und 20 Jahren wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert. Diese Zahl ist leicht um 1,4 Prozent angestiegen. Auch hier liegt der Wert der mĂ€nnlichen Patienten deutlich höher. Bei ĂŒber 14.000 jungen MĂ€nnern im Alter zwischen 15 und 20 Jahren endete der Alkoholkonsum im Krankenhaus. Bei den MĂ€dchen und jungen Frauen im selben Alter waren es 2011 ebenfalls knapp ĂŒber 10.000 FĂ€lle. Damit ist dieser Wert zum ersten Mal fĂŒnfstellig.

Rauchen ist grĂ¶ĂŸtes vermeidbares Gesundheitsrisiko
Das Rauchen stellt laut dem Drogen- und Suchtbericht nach wie vor das „grĂ¶ĂŸte vermeidare Gesundheitsrisiko in Deutschland“ dar. Laut dem Bericht sterben jĂ€hrlich etwa 110.000 Menschen an den Folgen ihres Tabakkonsums.

Nach Daten, die fĂŒr den Mikrozensus 2009 des Statistischen Bundesamts (Destatis) erhoben wurden, rauchen in Deutschland insgesamt 14,7 Millionen Frauen und MĂ€nner, die Ă€lter als 15 Jahre sind. Das sind fast 26 Prozent der Deutschen. Darunter sind 8,5 Millionen MĂ€nnern und 6,3 Millionen Frauen.

Die Anteile haben sich seit 1995 kaum verĂ€ndert. WĂ€hrend die Zahl der rauchenden MĂ€nner seitdem um fĂŒnf Prozent gesunken ist, blieb sie bei den Frauen nahezu unverĂ€ndert. Aktuellere Werte liefert die „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ (DEGS1) aus dem Jahr 2012. Nach dieser rauchen 29,7 Prozent der 18- bis 79-JĂ€hrigen.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen tÀglichen Rauhern und Gelegenheitsrauchern. Fast 23,7 Prozent der Befragten rauchen tÀglich, lediglich sechs Prozent gelegentlich. Stark rauchen, definiert als 20 und mehr Zigaretten am Tag, von den  18- bis 79-JÀhrigen lediglich 8,3 Prozent. Darunter sind beinahe doppelt soviele MÀnner wie Frauen.

Das starke Rauchen ist bei jungen Erwachsenen am meisten verbreitet. Von den 18- bis 29-JÀhrigen rauchen 37,9 Prozent der Frauen und 43,2 Prozent der MÀnner mehr als 20 Zigaretten tÀglich.

Weniger jugendliche Raucher
Aber auch hier scheint ein Generationswechsel in Gang zu sein, denn immer weniger junge Menschen in Deutschland rauchen. Die Befragungen der BZgA ergaben, dass sich der Raucheranteil unter den zwölf- bis 17-JÀhrigen innerhalb von zehn Jahren mehr als halbiert hat.

Im Jahr 2011 rauchten lediglich 11,7 Prozent  der Jugendklichen. Und auch in der nĂ€chstenAltersklasse von 18 bis 25 Jahren nimmt der Raucheranteil ab, dort sind es im Jahr 2011 36,8 Prozent. Beim Rauchverhalten zeigen sich anders als beim Alkoholkonsum keine Geschlechts-, aber deutliche Bildungs- und soziale Unterschiede. So ist das Rauchen unter HauptschĂŒlern mit 17,8 Prozent drei- bis viermal so weit verbreitet wie unter Gymnasiasten vergleichbaren Alters, von denen  nur 4,8 Prozent rauchen.

Cannabis ist meistkonsumierte illegale Droge
Bei den illegalen Drogen ist Cannabis in Deutschland immer noch die am hĂ€ufigsten konsumierte. Dabei hat etwa jeder vierte Erwachsene im Alter von 18 bis 64 Jahren schon einmal Cannabis konsumiert. Die Quote der regelmĂ€ĂŸigen „Kiffer“  betrĂ€gt aber laut „Epidemiologischem Suchtsurvey“ (ESA) von 2009 nur etwa 0,6 Prozent der Erwachsenen. Jugendliche und junge Erwachsene konsumieren dabei hĂ€ufiger als Ă€ltere Erwachsene.

Die BZgA hat auch zum Cannabiskonsum ReprĂ€sentativbefragungen durchgefĂŒhrt, die ergaben, dass der Anteil der zwölf- bis 17-jĂ€hrigen Jugendlichen, die kĂŒrzlich Cannabis konsumiert haben, von 9,2 Prozent im Jahr 2001 auf 4,6 Prozent im Jahr 2011 gesunken ist. Bei den 18- bis 25-jĂ€hrigen jungen Erwachsenen gibt es keine relevanten VerĂ€nderungen. Junge MĂ€nner tendieren mehr zum Cannabiskonsum als junge Frauen.

Konsum psychoaktiver und synthetischer Drogen steigt
Gestiegen ist hingegen der Konsum von psychoaktiven und synthetischen Stoffen, den sogenannten „Designerdrogen“. Diese sind besonders gefĂ€hrlich, da es sich oft um unbekannte Substanzen handelt, die teilweise noch nicht dem BetĂ€ubungsmittelgesetz (BtMG) unterstellt sind. Das FrĂŒhwarnsystem der EuropĂ€ische Beobachtungsstelle fĂŒr Drogen
und Drogensucht (EBDD) hat zwischen 2005 und 2011 mehr als 164 neue psychoaktive Substanzen ermittelt. 2012 wurden 73 erstmalig entdeckte Substanzen gemeldet – ein Rekordwert.

Immer mehr InternetsĂŒchtige
Eine andere relativ neue Suchtquelle ist der sogenannte „pathologische Computer- oder Internetgebrauch“, bei dem die Online-ComputerspielabhĂ€ngigkeit den grĂ¶ĂŸten Suchtfaktor besitzt. Anders als bei Alkohol und Tabak ist hierbei noch nicht abschließend geklĂ€rt, wann ein Nutzungsverhalten tatsĂ€chlich als Sucht deklariert werden muss. Die reine Nutzungszeit ist kein belastbares Kriterium fĂŒr einen pathologischen Internetgebrauch.

Vereinfacht ausgedrĂŒckt, ist erst von einer Internet- oder Computersucht die Rede, wenn beim  Betroffenen Kontrollverlust festgestellt wird, wenn also „andere Anforderungen des tĂ€glichen, sozialen und beruflichen Lebens völlig vernachlĂ€ssigt werden“, heißt es im Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung. Auch die Internetsucht sei kein Problem, dass speziellen gesellschaftlichen Schichten vorbehaten sei, sondern komme in allen sozialen Gruppen vor.

HauptsÀchlich Jugendliche betroffen
Aktuelle internationale Studien stufen 1,6 bis 8,2 Prozent der Internetnutzer als „abhĂ€ngig“ ein. Ein weit schwankender Wert und zudem berĂŒcksichtigen diese Studien ĂŒberwiegend jugendliche Nutzer. Denn Jugendliche in der PubertĂ€t seien besonders anfĂ€llig fĂŒr Internet- und Computersucht.

Umfangreicher untersuchte die Studie „PrĂ€valenz der InternetabhĂ€ngigkeit“ (PINTA I) der UniversitĂ€ten Greifswald und LĂŒbeck von 2010 bis 2011 das PhĂ€nomen. Diese ergab, dass unter den 14- bis 64-JĂ€hrigen ca. 560.000 Menschen als internetabhĂ€ngig und ca. 2,5 Millionen Menschen als problematische Internetnutzer eingestuft werden können.

Die AbhĂ€ngigkeit ist in der Gruppe der 14- bis 24-JĂ€hrigen mit etwa 250.000 InternetsĂŒchtigen und 1,4 Millionen mit problematischem Nutzungsverhalten am grĂ¶ĂŸten. Allein unter den 14- bis 16-JĂ€hrigen befinden sich 100.000 AbhĂ€ngige und 400.000 problematische Nutzer. Die PINTA-I-Studie gilt als erste fundierte SchĂ€tzung fĂŒr den problematischen und zur AbhĂ€ngkeit fĂŒhrenden Internetgebrauch in Deutschland, deren Werte weiter ĂŒberprĂŒft werden mĂŒssen.

(Text und Foto: Julia Radgen)

Weitere Informationen auf der Internetseite zum Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung auf der Homepage der Drogenaufbeauftragten , dort steht auch der komplette Bericht 2013 als PDF-Dokument zum Download.

Der sogenannte „Alcohol Use Disorder Identification Test – Consumption“ (AUDIT-C) zur Studie  „Gesundheit in Deutschland aktuell“ (GEDA) des Robert Koch-Instituts

1. Wie oft nehmen Sie ein alkoholisches Getrank, also zum Beispiel ein Glas Wein, Bier, Mixgetranke, Schnaps oder Likor, zu sich?

  • nie
  • einmal pro Monat oder seltener
  • 2- bis 4-mal im Monat
  • 2- bis 3-mal die Woche
  • 4-mal die Woche oder öfter.

2. Wenn Sie Alkohol trinken, wie viele alkoholische Getranke trinken Sie dann ublicherweise an einem Tag?

  • 1 bis 2
  • 3 bis 4
  • 5 bis 6
  • 7 bis 9
  • 10 und mehr alkoholische Getranke.

3. Wie oft trinken Sie sechs oder mehr alkoholische Getranke bei einer Gelegenheit, zum Beispiel beim Abendessen oder auf einer Party?

  • nie
  • seltener als einmal im Monat
  • jeden Monat
  • jede Woche
  • jeden Tag oder fast jeden Tag.

Anmerkungen: Ein alkoholisches GetrÀnk entspricht laut Studie dabei einer 0,33-l-Flasche Bier, einem kleinen Glas Wein mit 0,125 l, einem Glas Sekt, einem doppelten Schnaps oder einer Flasche Alkopops.
Die Antwortkategorien wurden jeweils aufsteigend von 0 bis 4 gewertet. Der minimale AUDIT-C-Summenwert war somit 0 und der maximale Wert 12.
Als Risikokonsum gemĂ€ĂŸ AUDIT-C wurde ein Wert von ≄ 4 bei Frauen und ≄ 5 bei MĂ€nnern gewertet. Ein Summenwert von 1 bis 3 bei Frauen und von 1 bis 4 bei MĂ€nnern wurde als moderater Alkoholkonsum, der Wert 0 als Nie-Trinker klassifiziert.

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Über den Autor

Julia Radgen
Ressortleiterin Gesellschaft

Julia Radgen lebt in Mainz und schreibt am liebsten ĂŒber Kultur- und Gesellschaftsthemen - und interessante Menschen. Sie ist Social Media-sĂŒchtig und verzichtet nur freiwillig auf Internet und Handy, wenn sie zu einem Festival fĂ€hrt. Wenn sie groß ist, will Julia mal Journalistin werden.

Anzahl der Artikel : 41

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