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Eine Weltmacht im Wandel

Die Entwicklung Russlands nach dem Kalten Krieg

Aus dem Kalten Krieg ging Moskau als eindeutiger Verlierer hervor. Danach musste der wichtigste Nachfolger der Sowjetunion seine Rolle im internationalen MachtgefĂŒge neu definieren. back view wirft einen Blick auf die Frage, ob Russland seinen Status als Großmacht verteidigen konnte.

WĂ€hrend der Blockkonfrontation des Kalten Krieges lieferte sich Russland mit den USA einen erbitterten Machtkampf. In jeglichen Bereichen konkurrierten die beiden MĂ€chte um die Vormachtstellung. Und zunĂ€chst sah es fĂŒr den grĂ¶ĂŸten Vertreter der damaligen UdSSR auch gar nicht allzu schlecht aus.
In manchen Bereichen, wie zum Beispiel der Raumfahrt, war Russland der westlichen Supermacht zunĂ€chst sogar ĂŒberlegen. Doch vor allem die sozialistische Wirtschaftsform machte dem kommunistischen Land zu schaffen und fĂŒhrte letztlich zu dessen Untergang. Doch wie sieht es heute aus? In welche Richtung entwickelte sich das Land nach dem Ende der Blockkonfrontation? Ein ResĂŒmee ĂŒber den Wandel einer Großmacht.

Die Zeit danach
Der Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 ging auch an Russland nicht spurlos vorĂŒber. Die seitdem unabhĂ€ngige Moskauer FĂŒhrung konnte keine stabile Gegenmacht zu der Dominanz der USA mehr bilden. Stattdessen konzentrierte man sich nun mehr auf den eigenen Strukturwandel. Nach der zunehmenden wirtschaftlichen Stagnation kam man zu der Einsicht, dass ein Kurswechsel von Nöten sei. Diese Systemtransformation wird hauptsĂ€chlich durch zwei Reformprogramme geprĂ€gt, die durch den damaligen GeneralsekretĂ€r Michail Gorbatschow eingeleitet wurden.

Zum Einen verfolgte er einen Wandel in Wirtschaft und Verwaltung („Perestroika“) und zum Anderen mehr Offenheit und Transparenz nach innen und außen („Glasnost“). TatsĂ€chlich gelang es auch, die zentrale Planwirtschaft aufzugeben, doch auch die Beziehungen zu anderen Staaten durften bei der umfassenden innerstaatlichen Modernisierung nicht vergessen werden und mussten neu definiert werden.

GUS statt NATO
Um die Beziehung zu den ehemaligen Teilrepubliken der Sowjetunion zu stĂ€rken, wurde 1991 die Gemeinschaft UnabhĂ€ngiger Staaten (GUS) gegrĂŒndet. Sie sollte die Zusammenarbeit fördern und einen gemeinsamen Sicherheitsraum schaffen. Dieses BedĂŒrfnis war sicherlich nicht ganz unbegrĂŒndet, denn der wichtigste militĂ€rische Beistandspakt der Sowjetunion, der Warschauer Pakt, wurde 1991 ebenfalls aufgelöst.
Das westliche BĂŒndnis NATO (North Atlantic Treaty Organization) gewann dagegen durch Osterweiterungen immer mehr an Bedeutung. Doch hier blieb Moskau außen vor. Bis heute ist Russland unter PrĂ€sident Medwedew kein Mitglied des MilitĂ€rbĂŒndnisses und kann daher bei westlichen Interventionen, wie in den 1990er Jahren auf dem Balkan, lediglich per NATO-Russland-Rat mitwirken.

Starker Staat
Doch trotz so manchem RĂŒckschlag konnte sich Russland weiterhin als starker Staat behaupten. Denn auch, wenn eine Mitgliedschaft in der NATO nicht in Aussicht steht, wirkt Moskau dafĂŒr in anderen globalen Institutionen aktiv und gleichberechtigt mit. In den Vereinten Nationen (UNO) hat Russland schon seit deren GrĂŒndung einen stĂ€ndigen Sitz im Sicherheitsrat. Durch diesen kann der Staat bei zentralen Sicherheitsfragen mit entscheiden und gegen diverse Resolutionen ein Veto einlegen.

Zudem ist Russland als eine der wichtigsten Industrienationen fĂŒhrendes Mitglied der WTO (World Trade Organization – Welthandelsorganisation) und der G8 (Gruppe der acht fĂŒhrenden Wirtschaftsnationen).
Seinen wirtschaftlichen Aufstieg hat das Land nicht zuletzt seinem enormen Reichtum an natĂŒrlichen Ressourcen zu verdanken. Vor allem die Energieressourcen bringen die AbnehmerlĂ€nder in eine gewisse AbhĂ€ngigkeit. Der flĂ€chenmĂ€ĂŸig grĂ¶ĂŸte Staat der Erde hat außerdem einen weiteren Trumpf im Ärmel: Atomwaffen. Diese dienen nicht nur zur EinschĂŒchterung anderer, sondern machen eine Einbeziehung dieses Landes bei wichtigen Sicherheitsfragen fast unumgĂ€nglich.

Bedrohung durch die USA
Trotz dieser Erfolge fĂŒhlt sich Russland zunehmend von den USA bedroht. WĂ€hrend die eigene EinflusssphĂ€re zunehmend schrumpft, breiten sich die USA förmlich aus und binden ehemalige Ostblockstaaten in BĂŒndnissen wie der NATO an sich. Dennoch erkannte vor allem der ehemalige PrĂ€sident Wladimir Putin, dass Russland bei einer Kooperation mit dem Westen nur gewinnen kann, wĂ€hrend es bei einer Konfrontation verliert.
Daher zeigte man sich nach den TerroranschlĂ€gen vom 11. September 2001 auch solidarisch mit Washington. Doch diese Phase der Harmonie endete schnell wieder, nachdem sich die USA unter anderem das Recht der prĂ€ventiven Gewaltanwendung anmaßten, Resolutionen des Sicherheitsrates ignorierten (wie beim Irakkrieg 2003) und sich zunehmend in innere Angelegenheiten Moskaus einmischten.

Freundschaft mit China
WĂ€hrend das VerhĂ€ltnis zu den USA also abkĂŒhlte, orientierte sich der Kreml eher in östlicher Himmelsrichtung. Im Zuge der „Mehrvektorenpolitik“ (eine Politik, die eindeutige Festlegungen und damit Begrenzungen des eigenen Spielraums vermeidet) folgte eine strategische AnnĂ€herung an China und weitere asiatische MĂ€chte wie Indien und Japan. Mit der Zusammenarbeit zwischen China und Russland soll mitunter ein Gegengewicht zur unipolaren, von den USA dominierten Weltordnung geschaffen werden.
Traditionelle Streitigkeiten zwischen Moskau und Peking wurden aus diesem Zweck in den Hintergrund gedrĂ€ngt, um der Kooperation Platz zu schaffen. NatĂŒrlich profitieren beide LĂ€nder nicht nur bei der „USA-VerdrĂ€ngung“, sondern auch wirtschaftlich voneinander. FĂŒr Russland bildet China den grĂ¶ĂŸten Markt an Waffenexporten und die Wirtschaftsgroßmacht China nimmt im Gegenzug dazu dankend Energielieferungen des rohstoffreichen Landes an.

Ungewisse Zukunft
Welche Rolle hat Russland nun im internationalen MachtgefĂŒge eingenommen? Eindeutig beantworten kann man diese Frage wohl kaum. Denn der bedeutendste Nachfolgestaat der UdSSR hat den traumatischen Zerfall seines Imperiums und den eigenen Abstieg als globale Großmacht nur schwer verkraftet.
Dennoch transformierte sich das Land in den letzten Jahren grĂ¶ĂŸtenteils erfolgreich und ist fest entschlossen, seinen Platz in der internationalen Gemeinschaft wieder einzunehmen. Ob das tatsĂ€chlich gelingen wird, muss erst die Zukunft zeigen.

(Text: Julia Jung)
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Über den Autor

Julia Jung
Stellvertretende Chefredakteurin und Ressortleiterin English

Hauptberuflich ist Julia Weltenbummlerin, nebenberuflich studiert sie Politik. Wenn sie nicht gerade durch Australien, Neuseeland, SĂŒdafrika oder Hongkong reist, schreibt sie ein paar Zeilen fĂŒr back view und das schon seit 2009.

Anzahl der Artikel : 40

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