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Eine Ohrfeige für Bildung, Politik und Merkel

Offener Brief eines Studierenden an Karl-Theodor zu Guttenberg

Auch auf die Gefahr hin, mich hier mit der Bildzeitung und dem Großteil der deutschen Bevölkerung anzulegen – wie die Union rund um Guttenberg in den vergangenen Wochen gehandelt hat, war einfach desaströs! Weniger die zusammengeflickte Doktorarbeit, viel mehr die Reaktionen des Freiherrn danach, veranlassen mich als Studierenden zu diesem Offenen Brief.

Karl-Theodor zu Guttenberg ist zurückgetreten. Er hat seinen Fehler doch endlich eingesehen. Hat er? Denkste! „Ich gehe nicht alleine wegen meiner so fehlerhaften Doktorarbeit!“ Ja, richtig gelesen. In seiner Abschiedsrede schiebt er tatsächlich nicht seine eigenen Fehler in den Vordergrund, sondern die zerstörerische Macht der Medien und des politischen Geschäfts.

Da seine Person in den Medien wichtiger war, als die toten Bundeswehrsoldaten oder die Unruhen in Nordafrika, zieht sich Guttenberg nun von sämtlichen politischen Ämtern zurück. Ein Abgang, der zum gesamten unrühmlichen Schauspiel der vergangenen Tage passt.Ich persönlich mochte den Oberfranken, er brachte frischen Wind in den eingestaubten deutschen Politikalltag, er war sogar beliebt bei der Bevölkerung. Mit Sicherheit gab es in der Vergangenheit die eine oder andere übertriebene und unangebrachte Attacke gegen den Freiherrn. Sicherlich wäre er in naher Zukunft als Bundeskanzler in die deutsche Geschichte eingegangen.

Aber die Vorwürfe in den vergangenen Tagen waren unangebracht: Medienhetze – ein Konflikt auf dem Rücken der Bundeswehr – Oppositionspolitiker, die diesen Minimalfehler des beliebten Politikers ausnutzen wollen – alles BLÖDSINN! Es war und ist keine Bagatelle! Wer sich jemals selbst die Mühen auf sich genommen hat, ein wissenschaftliche Bachelor-, Master-, Magister-, Diplom- oder Doktorarbeit zu schreiben, dem muss es doch in den vergangenen Tagen die Zehennägel nach oben gebogen haben!
Unionspolitiker und Bildzeitungsvertreter tourten durch die Medien und verkündeten fröhlich: „Er habe sich doch entschuldigt – es gehe doch NUR um eine Doktorarbeit“. Selbst die Bundeskanzlerin Angela Merkel wollte plötzlich nichts mehr von einem wissenschaftlichen Minister wissen.

Guttenberg hat geklaut – vorsätzlich! Es war kein Versehen oder Abschreiben an wenigen Stellen. Auch, wenn es der ehemalige Bundesminister weiterhin abstreitet: Es wart der bewusste Versuch, sich einen Doktortitel zu erschleichen. Hinter dem dicken Wälzer steckt vielmehr ein systematisches Verschleiern der Originalquellen.

Im Bundestag stellte er sich dann tatsächlich als Vorbild für die gesamte Gesellschaft hin. Er hat sich zwar entschuldigt, aber erst nach scheibchenweise Zugeständnissen. Doch schon vor dieser „Aktuellen Stunde“ im Bundestag bröckelte das erstarrte Gel vom Kopfe des einstigen Politikstars, als er zwei desaströse Medienauftritte hinlegte. Zuerst wendete er sämtliche Vorwürfe als „abstrus“ von sich, kurz darauf schießt er gegen den Großteil der Hauptstadtjournalisten, indem er nur wenige Journalisten in sein Verteidigungsministerzimmer zitierte und sich nicht allen stellte. Nervosität des ehemaligen Medienprofis war auch da schon zu spüren, als er nach wenigen Worten abricht „Das ist nicht live? Oder? Ich kann noch einmal anfangen?“

In einem dritten Schritt schließlich stellte er sich dann vor das Plenum im Bundestag und damit vor das Volk und schiebt den Stressfaktor Familie und Beruf als Ausrede vor. Nach Lektüre seiner eigenen Arbeit habe er „gravierende Fehler“ festgestellt und deswegen wäre er bereit, seinen Doktortitel zurück zu geben, sagte er. Nun solle man aber seine Rolle als Vorbildfunktion ansehen, weil er sich ja entschuldigt habe. BLÖDSINN! Ja, hat er seine eigene Arbeit denn vorher nicht gelesen? Ich kann ihm einfach nicht glauben, dass all diese so systematisch abgeschriebenen Textstellen zufällig und aus Zeitmangel entstanden sind.

Die Rolle Merkels ist dabei mindestens genauso peinlich und unwürdig gewesen. Eine Ohrfeige an die Wissenschaft, an den Bildungsstandort Deutschland, an alle Studierenden. Möglichst wenig sagen, keinen Staub aufwirbeln. Schlicht abwarten und keine Unruhen stiften. Eine Taktik, die Merkel schon seit Monaten verfolgt, die aber in diesem Fall unpassend war und noch ist.

Der politische Scherbenhaufen bringt nur Verlierer mit sich

Die Universität Bayreuth ist einem Betrüger auf den Leim gegangen und hat damit sauch einen dicken Kratzer an ihrem hohen Ansehen in der Justiz erhalten. Die Bundeskanzlerin hat Guttenberg immer gedeckt, in der Hoffnung, mit dem beliebtesten Politiker Deutschlands die drohende Wahlschlappe in Baden-Württemberg am 27. März noch abwehren zu können. Am Ende hat sie nicht nur die wichtigste politische Figur im Bundeskabinett, sondern auch ihre eigene Haltung verloren. Den Studierenden in Deutschland ist jetzt klar, was Merkel von wissenschaftlicher Arbeit hält: NICHTS! Die Bildzeitung hat ihren selbst gekürten zukünftigen Bundeskanzler verloren.
Damit ist sie nicht nur mit ihrer Unterstützungskampagne für Guttenberg auf die Nase geflogen, sondern hat ebenfalls stark an Glaubwürdigkeit einer objektiven Berichterstattung verloren, wenn  man überhaupt von einer solchen ausgehen kann. Der einzige, der sich insgeheim doch noch freuen dürfte, ist der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer, der nun keine starke Konkurrenz mehr in der Rolle des Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden zu fürchten hat.

Sicherlich ist die politische Karriere Guttenbergs damit nicht beendet. Mit seinen jungen Jahren hat er noch viele Möglichkeiten, um in fünf bis sechs Jahren wieder zurück zu kehren. Er wäre nicht der erste, der ein Comeback schafft. Es wäre aber sicherlich stärker gewesen, wenn sich der Oberfranke von Beginn an hinter seine Fehler gestellt hätte. Mit seinen öffentlichen Eingeständnissen nach und nach tat er weder sich, noch Merkel, noch der deutschen Politik einen Gefallen, war er doch der letzte Hoffnungsträger gegen die Politikverdrossenheit.

(Text: Konrad Welzel)
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Über den Autor

Konrad Welzel
Gründer und Chefredakteur von back view

Konrad hat back view am 06. April 2007 gegründet - damals noch in diesem sozialen Netzwerk StudiVZ. Mittlerweile tobt sich Konrad ganz gerne im Bereich Social Media aus und versteht Menschen ohne ein Facebook-Profil nicht - dafür ist er viel zu neugierig!!!

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