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Eine Hommage an die Langspielplatte

Nostalgie tut gut

Als die Musikindustrie Anfang der 1990er Jahre den „Tod der Schallplatte“ verkĂŒndete und nur noch Audio-CDs produzierte, konnte niemand die Wiedergeburt des Mediums knapp 20 Jahre spĂ€ter vorhersehen. Mittlerweile haben Nostalgiker, aber auch moderne Audiophile das Vinyl wieder fĂŒr sich entdeckt. GrĂŒnde, die Schallplatte zu lieben, gibt es viele.

Als Ikea letzte Woche verkĂŒndete, den Regal-Klassiker „Expedit“ aus dem Sortiment zu nehmen, formierte sich sofort Widerstand im Netz. Viele stellen sich die bange Frage: Wohin nun mit der Plattensammlung? Kein MöbelstĂŒck eignet sich schließlich besser zur Aufbewahrung von Schallplatten wie „Expedit“. Dieser Meinung sind auch die mehr als 25.000 UnterstĂŒtzer, die sich innerhalb weniger Tage in einer Facebook-Fanseite mit dem bezeichnenden Namen „Rettet das Ikea Expedit Regal“ gefunden haben.

Beobachter mögen die Vehemenz belĂ€cheln, mit der Vinyl-Fans fĂŒr den Erhalt des Expedit-Regals kĂ€mpfen, doch zwei Dinge werden dabei deutlich. Erstens: Schallplatten sind fĂŒr mehr Menschen eine große Leidenschaft als zunĂ€chst angenommen. Zweitens: Diese Menschen nehmen die Sache verdammt ernst.

Hommage an die Schallplatte

Hoher emotionaler Wert
Ich kann ihre Sorgen gut verstehen. Schallplatten haben schließlich einen hohen emotionalen Wert, die eigene Sammlung ist der persönliche Soundtrack des Lebens. Nie werde ich den Moment vergessen, in dem ich zum ersten Mal eine Schallplatte hörte. Es war ein heißer Sommertag, und bei meinem Versuch, mich im Keller abzukĂŒhlen, stieß ich auf die alte Schallplattensammlung meiner Eltern. Zwischen den PlattenhĂŒllen roch es nach Vergangenheit, und ich legte eine Best-of-Scheibe von Bob Dylan auf den Plattenteller.

Als ich ganz behutsam den Tonabnehmer auf die Platte sinken ließ, ertönte ein warmes und knisterndes Rauschen. Dann setzte die Mundharmonika von „The Times They are a-Changing“ ein und ich bekam trotz der Hitze eine GĂ€nsehaut.
Ab diesem Zeitpunkt hatte ich den Plattenspieler okkupiert. Ich hörte die Doors, Jimmy Hendrix, Simon and Garfunkel, Pink Floyd, Patti Smith, Velvet Underground – eben alles, was der Plattenschrank meiner Eltern hergab.

Authentischer Klang
Doch bald reichte mir das nicht mehr. Ich zog selbst los und stöberte auf FlohmĂ€rkten und in PlattenlĂ€den nach „neuen“ alten Platten. Meine erste selbst gekaufte LP war von Buddy Holly und kostete zwei Euro.


Heute wĂŒrde ich sie fĂŒr kein Geld der Welt mehr hergeben. Schnell wurde mir klar: Wer einmal Blut geleckt hat, möchte nie mehr auf Vinyl verzichten. Denn die Musik von einer Schallplatte klingt viel plastischer als von einer CD – nichts kommt so nah an Livemusik heran wie der warme Klang der Nadel auf der Platte.

Wer genau hinhört, der stellt fest, dass Schallplatten auch Geschichten erzĂ€hlen können. Wie pfleglich mit Cover und Platte umgegangen wurde, welche Stelle am meisten gespielt wurde – das verrĂ€t viel ĂŒber den Vorbesitzer und macht die Faszination von gebrauchten LPs aus. Wenn man die PlattenhĂŒlle betrachtet, stellt man sich zwangslĂ€ufig die Frage: Wer hat die Platte schon vor mir gehört? Durch welche HĂ€nde ist sie bisher gegangen?

VerÀnderte Hörgewohnheiten
Das Hören von Vinyl ist daher auch mit viel Nostalgie verbunden. Mit dem Einzug der CDs verĂ€nderten sich schließlich nicht nur die KlangqualitĂ€t, sondern auch unsere Hörgewohnheiten – vom aktiven Anhören zum passiven Konsum. Musik vom MP3-Player kann beliebig oft abgespielt werden – Lieder, die wir nicht mögen, ĂŒberspringen wir schnell, die Musik kann nebenbei laufen.

Platten dagegen muss man bewusst anhören: Zuerst mĂŒssen sie aufgelegt werden, nach der HĂ€lfte der Laufzeit werden sie umgedreht – Anhalten ist nicht möglich, genauso wenig wie Vorspulen. Nicht umsonst verhalf die Schallplatte dem Konzeptalbum zu seinen goldenen Zeiten. Die Zufallswiedergabe hat dieser Kunstform grĂ¶ĂŸtenteils den Garaus gemacht.

Wahre Kunstwerke
Überhaupt ist Musik heute ĂŒberall verfĂŒgbar und damit zu einem StĂŒck weit beliebig. Illegale Downloads bestĂ€tigen den Trend: Niemand möchte mehr fĂŒr digitale Musik zahlen. Etwas, das uns nichts wert ist, kann aber auch nicht wertgeschĂ€tzt werden.
Im Gegensatz dazu hĂ€lt man beim Hören von Schallplatten eine kleine Kostbarkeit in den HĂ€nden – Dingen, die man anfassen kann, schreiben wir mehr (ideellen) Wert zu. Der Wert der Schallplatte wird durch das Artwork des Covers noch erhöht: Oftmals handelt es sich um kleine Kunstwerke.

WĂ€hrend man meist eine Lupe brauchte, um die Lyrics in einem CD-Booklet zu entziffern, bieten die 30 mal 30 Zentimeter einer PlattenhĂŒlle genug Platz fĂŒr wahre Kunst. Das beste Beispiel fĂŒr mit Liebe zum Detail gestaltete Cover ist „Physical Graffiti“ von Led Zeppelin. Innen- und AußenhĂŒllen lassen sich durch Ineinanderschieben zu insgesamt vier verschiedenen Covern kombinieren.

Unvergessen auch „Sticky Fingers“ der Rolling Stones, dessen Cover von Andy Warhol gestaltet wurde. In die dort abgebildete Hose war ein funktionsfĂ€higer Reißverschluss eingearbeitet. Öffnete man diesen, erschien darunter weiße UnterwĂ€sche.

Modernste Technik
Doch nicht nur fĂŒr Retro-Liebhaber haben Schallplatten viel zu bieten. Wer nicht auf Oldies steht, kann sich auch die aktuellen Charts auf Platte kaufen. Viele bekannte KĂŒnstler bringen ihre Alben inzwischen wieder als LPs heraus, MP3-Downloadcode inklusive.
Auch beim Abspielen kann man auf modernste Technik zurĂŒckgreifen: Mittlerweile nutzen nicht mehr nur DJs hochwertige Plattenspieler. Ob elektromechanische Abtastung oder iPod-Docking-Station, fĂŒr den exzellenten Klang hĂ€lt die Industrie ein breites Angebot bereit. Dem Preis sind dabei nach oben keine Grenzen gesetzt.

Inzwischen ist Vinyl sogar einer der grĂ¶ĂŸten WachstumsmĂ€rkte in der Musikbranche. Die Absatzzahlen steigen stetig, wĂ€hrend der Verkauf von CDs immer weiter zurĂŒckgeht. 2009 ĂŒberstiegen die LP-VerkĂ€ufe in Deutschland erstmals wieder die Millionengrenze, seither wĂ€chst der Absatz jĂ€hrlich um circa 30 Prozent. Das sind zwar immer noch Peanuts gegenĂŒber dem Absatzmarkt digitaler Musik, doch der Trend ist klar erkennbar.

Alles andere als ein Auslaufmodell
Die LP mag weiterhin ein Exot auf dem Markt der TontrĂ€ger sein – doch ihr Tod wurde zu frĂŒh prophezeit. Nicht nur der emotionale Kampf um das Expedit-Regal zeigt: Nostalgie ist angesagt wie nie – die LP ĂŒberlebt mittlerweile sogar ihr jĂŒngeren Schwestern, die Kassette und die CD. Egal, wie alt sie auch sein mag: Die Schallplatte ist und bleibt das stilvollste Mittel, um Musik zu hören.

(Text: Anja Menzel)
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Über den Autor

Anja Menzel
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