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Ein Tag im Weltkrieg

Einmal 24 Stunden an der Front verbringen

Gedenkfeiern, Zeitungen, Fernsehsendungen, Kinofilme – aus den Medien ist das Thema Weltkrieg nicht wegzudenken. WĂ€hrend alle davon sprechen, gibt es kaum Zeitzeugen mehr. Kommt einem da nicht der Wunsch auf, das, von dem alle sprechen, tatsĂ€chlich einmal zu erleben?

Wenn ich eine der zahlreichen Kriegsdokumentationen im Fernsehen anschaue, berĂŒhren mich die Bilder sehr. Viele sind originale schwarz-weiße Filmaufnahmen, die aufklĂ€ren, schockieren, das globale Leid realistisch demonstrieren, das ganze Desaster offenbaren, damit man dann mit dem Finger auf die Schuldigen zeigen kann.

Der  Opfern wird gedacht, jede Gedenkfeier widmet sich einer jeweiligen Schlacht. In England wird sogar ein Minister einberufen, der speziell fĂŒr diese teuren Zeremonien zustĂ€ndig ist. Amtliche Feiertage sind entstanden, im Geschichtsunterricht sind die Weltkriege Pflichtprogramm.

Patrick Janke,  jugendfotos.deDennoch habe ich manchmal das GefĂŒhl, dass all das, so intensiv es auch ist, so schnell aus meinem Kopf hinaus gefiltert wird, wie ich es aufgenommen habe. Denn ich kann mich nach wie vor nicht genug mit dieser Zeit identifizieren. Diese Quellen sind fĂŒr mich nur aus zweiter Hand und ermöglichen es mir nicht, tatsĂ€chlich so zu fĂŒhlen, zu sehen und zu handeln, wie es in den Kriegen getan wurde. Und Zeitzeugen, die einem das vielleicht so annĂ€hernd ĂŒbermitteln hĂ€tten können, sind nur noch eine Nadel im Heuhaufen, die schließlich irgendwann gar nicht mehr gefunden werden kann.

Wird dem Krieg nicht genug gedacht?

Die verstreichende Zeit löst die Verbindungen zwischen den Weltkriegen und dem Menschen vielleicht mehr und mehr auf, da irgendwann keine Erinnerungen mehr daran vorhanden sind. Doch dem Krieg wird weiterhin gedacht. FĂŒr viele Menschen bleibt es weiterhin eine wichtige Tradition. Es kann sich aber auch zu einem Ritual entwickeln, das nur noch in seiner stattfindenden RegelmĂ€ĂŸigkeit besteht, jedoch nicht in seinem Wesen selbst.

Bereits heute gibt es Menschen, die sich auf den Feiertag freuen, damit sie nicht arbeiten mĂŒssen, doch der Hintergrund ist ihnen unbekannt oder gleichgĂŒltig. An den Zeremonien nehmen sie nicht teil, vielmehr an einem ausgewogenen FeiertagsfrĂŒhstĂŒck.

FĂŒr eine bessere Identifizierung

Zum einen die große ReizĂŒberflutung der Medien trotz schwindender Zeitzeugnisse, zum anderen das wachsende Desinteresse an historischen Ereignissen – das sind zwei GrĂŒnde dafĂŒr, weshlab ich einmal den Krieg in 24 Stunden selbst mit erleben wollen wĂŒrde, damit das Bewusstsein nicht aus dem Ruder lĂ€uft.

Ich möchte gerne hautnah erfahren, wie es an der Front war. Dies soll keine Kriegsverherrlichung sein, sondern vielmehr eine Möglichkeit, mich einmal in die Lage der Soldaten und Zivilisten hineinzuversetzen, auch wenn es teilweise schrecklich klingt.

Ein Soldatenleben im Schnelldurchlauf

Wie wĂŒrde ein solcher Tag beginnen? Vielleicht wache ich morgens auf in einem SchĂŒtzengraben wie in Verdun, Sedan oder Warschau. Um mich herum höre ich den Donner der Bomben und Kanonen. Chaos und Staub bedecken das Schlachtfeld. Rennende Soldaten versuchen den PanzerschĂŒssen zu entkommeLili Seidl, jugendfotos.den, schießen auf sie, doch vergeblich.

Ich drehe mich um und schaue in tote Gesichter von gestern noch lachenden Kameraden. Einige andere schreien vor Schmerzen. Ich sehe ihre großen Wunden. Mein Gewehr in der Hand zittert. Ich richte mich auf und drĂŒcke den Abzug. Die Wucht verpasst mir immer einen kleinen Stoß nach hinten. Aber das ist normal.

Gegen Mittag Ă€ndert der Kommandeur die Strategie. Einige Soldaten werden in das Hauptquartier gerufen, um sich anders zu positionieren oder weitere Befehle entgegenzunehmen. Ich gehöre dazu. WĂ€hrend ich hinaus in die Schlacht ziehe, erkenne ich in vielen Gesichtern diese gewisse AggressivitĂ€t. Sie wollen um jeden Preis den Gegner besiegen, fĂŒr ihr Vaterland kĂ€mpfen. Bis zur AbenddĂ€mmerung.

Die Sinnlosigkeit miterleben

Ob 1918 oder 1945, die Ideologie der StreitmĂ€chte und die Technik mögen zwar unterschiedlich gewesen sein, doch die Prinzipien waren dieselben: Macht, Verteidigung des Vaterlandes, Überlegenheit. Und nur die wenigsten fragten sich: Warum bin ich ĂŒberhaupt hier?

SpĂ€testens beim Leichenaufsammeln und den Vorbereitungen der MassengrĂ€ber hĂ€tte man sich eigentlich fragen sollen: Wozu diese ganze Sinnlosigkeit? FĂŒr was töte ich ĂŒberhaupt? Ist das Vaterland das Sterben wirklich wert? Doch selbst, wenn man darĂŒber nachdenkt, am nĂ€chsten Tag geht es wieder so weiter und alle Hoffnung auf ein Ende wird zerrissen. Was wĂŒrde ich tun?

Fragen, auf die es keine Antworten gibt

Wie wĂ€ren meine Gedanken an einem solchen Tag? HĂ€tte ich Angst? Wenn ja, wie groß wĂ€re sie? Oder empfĂ€nde ich einfach nur Hass fĂŒr den Gegner und möchte ihn so schnell wie möglich ausschalten? WĂŒrde ich fliehen oder als VerrĂ€ter zum Gegner wechseln? Dies kann ich alles nicht sagen. Die Antworten darauf sind allerdings auch nicht wichtig.

Es geht nur um 24 Stunden in einem Weltkrieg. Mehr wĂ€re zu viel. Ich möchte nur ein einziges Mal bewusst mitfĂŒhlen und mitsprechen können, wenn ich Kriegsbilder in den GeschichtsbĂŒchern sehe. Ich möchte einmal die wahre Geschichte kennen, die das „Grabmal des unbekannten Soldaten“ verbirgt.

(Text: Tom Pascheka, Foto: Patrick Janke und Lili Seidl by jugendfotos.de)
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Über den Autor

Tom Pascheka
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