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Ein Leben mit der Ungewissheit

Über den Paralympics-Teilnehmer Mathias Schulze

Wenn Mathias Schulze über seine große Leidenschaft spricht, klingt vor allem eins durch: die Freude am Sport. Schulze ist Leistungssportler beim SC DHfK Leipzig – mit Handicap. 2012 erfüllte sich sein großer Traum: die Teilnahme an den Paralympics in London.

Jeder kann sein Handicap sehen. Seit seiner Geburt fehlt dem 29-jährigen Mathias Schulze der linke Unterarm, der einige Zentimeter unterhalb des Ellenbogens verstümmelt ist. Resultierend womöglich aus einer Rötelerkrankung seiner Mutter während der Frühschwangerschaft. Aufgewachsen ist Schulze in Magdeburg. „Behütet und normal“, wie er selbst sagt. Das betraf auch den Schulbesuch. Er besuchte „eine ganz normale Schule“.

Immer am Umziehen: Berlin, Bremen, Halle, Leipzig
Dort begann in der fünften Klasse die Begeisterung für den Sport. Zunächst war es Fußball. Auch nach seinem ausbildungsbedingten Umzug nach Berlin spielte er in einem Team im dortigen Berufsbildungswerk, in dem er technischer Zeichner lernte. Nach dreieinhalb Jahren, den Abschluss in der Tasche, zog er weiter nach Bremen. Gearbeitet hat er in seinem Beruf auf einer Werft. „Das hat richtig viel Spaß gemacht.“ Ebenso die Leichtathletik, zu der er 2005 kam.schulze_mathias

Schulze meldete sich beim damaligen Bundestrainer des Deutschen Behindertensportverbandes, Ralf Otto, mit folgenden Worten: „Ich bin groß, athletisch und hätte Lust bei den Paralympischen Spielen mit dabei zu sein!“ Daraufhin wurde er zum Sichtungstraining eingeladen. Schnell war klar, dass Diskuswerfen und Kugelstoßen genau das Richtige für ihn sind. Das Umziehen wohl weniger, denn nach 24 Monaten hießen die nächste Stationen: Leipzig und Halle. Pendeln inklusive.  Schulze absoliverte sein Fachschulstudium als Techniker in Leipzig, wohnte und trainieret in Halle, um Spitzensport ausüben zu können.

Arbeiten am großen Traum: Teilnahme an den Paralympics
Sein Trainer war René Sack, der unter anderem Olympia-Fünfte Nadine Müller im Diskuswerfen betreut. „In der Trainingsgruppe habe ich mich richtig wohl gefühlt, das war eine super Zusammenarbeit“, schwärmt Schulze. Eines Tages drohte sein Traum zu platzen. Ihn ereilte die Botschaft, dass seine Schadensklasse F46 einfach aus dem Programm gestrichen wurde. Zum ersten Mal war da dieses Gefühl von Ungewissheit: Was nun?

Auszeit in Tansania
Das Ausland reizte. „Ich wollte die englische Sprache weiter verbessern und den Horizont erweitern“, sagt Schulze. Es bot sich die Möglichkeit, elf Monate in Tansania zu verbringen. Dort konstruierte er unter anderem eine Oberarmprothese. Nach neun Monaten kehrte er nach Deutschland, nach Leipzig zurück. Der Grund: Plötzlich hieß es, dass er mit seiner Behinderung doch wieder bei den Spielen in London starten könne. Die Nordanlage neben dem ehemaligen Zentralstadion in Leipzig wurde zu seinem zweiten Wohnzimmer. Akribisch arbeitete er unter anderem mit Wurftrainer Lothar Tischendorf, er führte bereits Peter Sack (Kugelstoßen) und Jana Tucholke (Diskuswurf) in die Weltspitze, gemeinsam auf den Höhepunkt seiner bisherigen Karriere hin.

Unruhige Nächte, ein Anruf von Steffi Nerius bringt Gewissheit
Dabei schien dieser Karrierehöhepunkt so nah und doch so fern. „Es hatten einfach zu viele Sportler die A-Norm für die Spiele geknackt. Da mussten weitere Kriterien hinzugezogen werden, die darüber entschieden, wer mit darf und wer nicht“, erklärt Schulze. Die weiteren Kriterien waren: Ein sechster Platz in der Weltrangliste sowie die Chance des Athleten auf eine Medaille. „Ich hatte bis zur Verkündung eine schlechte Woche: Die Nächte waren schwierig, an Schlafen war nicht zu denken“, beschreibt Schulze die Tage vor der Entscheidung.

Erneut trieb ihn die Ungewissheit um. „Irgendwann Ende Juli, Anfang August“, so genau kann sich Schulze nicht mehr erinnern, klingelte bei ihm das Handy. Bundestrainerin Steffi Nerius, ehemalige Weltklassespeerwerferin, teilte ihm mit, dass er in London dabei ist. Schulzes Reaktion – eher verhalten. „Ich bin nicht derjenige, der in einem solchen Moment fast ausrastet und sich sich laut freut“ , sagt er. Seine Freude sei eher leise gewesen.

Klassifizierungssystem der paralympischen Sportarten (nach Bundesinstitut für Sportwissenschaften)
In der Leichtathletik nehmen Athleten aller sechs Behinderungskategorien teil.
1. Sehbehinderte Athleten
2. Athleten mit geistiger Behinderung
3. Athleten mit Hirnschädigung
4. Amputierte und Athleten mit anderen Behinderungen
5. Athleten mit Rückenmarkschäden, die in Rollstühlen Wettkämpfe bestreiten

Die Klassen sind entsprechend strukturiert:
Klassen 11,12,13 – betreffen verschiedene Grade der Sehbehinderung B1, B2, B3
Klasse 20 – betrifft die Athleten mit geistiger Behinderung
Klassen 32-38 – betreffen die verschiedenen Schweregrade der frühkindlichen Hirnschädigung
Klassen 42-46 – betreffen die verschiedenen Schweregrade von Amputierten und anderen Körperbehinderten
Klassen 51-58 – betreffen die verschiedenen Schweregrade der Rückenmarkverletzten

Der Buchstabe „T“ bezeichnet Bahn-Wettbewerbe (Track), der Buchstabe „F“ die technischen Disziplinen (Field). Die niedrigere Klassennummer bezeichnet den höheren Grad der Behinderung. Je größer die Klassennummer, desto geringer ist der Grad der Behinderung.
Bsp.: „Track“-Klassen
T11 B1 – vollständig blinde Athleten
T42 – Einseitige Oberschenkel-Amputation oder kombinierte Arm-/Bein-Amputation
Bsp.: „Field“-Klassen
F46 – Einseitige Oberarm-Amputation und einseitige Unterarm-Amputation. Gehen mit normalen Funktionen im Wurfarm; minimale Rumpf- und Beinbehinderungen; reduzierte Funktion des Wurfarms
F54 – Uneingeschränkte Funktion der Arme und Hände. Keine Rumpf- und Beinbewegungen.

Zwei Stunden bis zum großen Auftritt
Laut war es dann in London. Schon allein die Eröffnungsfeier, der Einmarsch mit den anderen Athleten in das Stadion und der Aufenthalt im olympischen Dorf blieben nachhaltig in Erinnerung. Der Wettkampf ebenso. Lange musste Schulze auf den großen Moment warten, nervös tigerte er durch die Katakomben. Aus 80 wurden lange und nervenaufreibende 120 Minuten. Immer lauter wurden die Stimmen, die aus dem Stadion in die Gänge unter dem Stadion drangen. Der Lärmpegel stieg ins Unermessliche. „Die Lautstärke tat richtig in den Ohren weh.“

Im Kugelstoßring war Schulze dann wie gelähmt. Erster Versuch ungültig, zweiter um die zehn Meter. Erst im dritten gelangen ihm 14,04 Meter. Aufatmen, die Weite reichte, um unter die besten Acht für weitere drei Versuche zu kommen. Eine Leistungssteigerung blieb im Folgenden aus – Platz fünf. Trotz verpasster Medaille herrschte bei Schulze angesichts der Weite eine gewisse Zufriedenheit.

Was bleibt von London? Am meisten beeindruckt zeigt sich Schulze von der logistischen Komponente, den vielen freundlichen und hilfsbereiten Londonern und einer Stadt, die auch noch Monate nach den Spielen fasziniert. „Für mich war es einfach toll, dass ich die Möglichkeit bekommen habe, mich international zu beweisen“, sagt Schulze.

Neue Herausforderungen warten, die Ungewissheit bleibt
Auf das internationale Parkett kehrt Schulze, der seit 1. November als Hallenwart beim Amt für Sport auf seiner Heimanlage dem Hallenkomplex der Nordanlage arbeitet, spätestens Mitte Juli zurück. Dann wartet die nächste Herausforderung: die Weltmeisterschaften im französischen Lyon (19. bis 28. Juli). Die geforderte Norm vom deutschen Behindertensportverband im Kugelstoßen (13,91m) hat er bereits geknackt.

Aktuell stehen 14,84 Meter, zugleich deutscher Rekord sowie der erste Platz in der Weltrangliste zu Buche. Einen Titel gab es erst vor wenigen Tagen. Bei den Internationalen Deutschen Meisterschaft (IDM) in Berlin gewann er mit 14,72 Metern die Goldmedaille. Auch im Diskusring will Schulze angreifen. In Berlin segelte seine Scheibe auf 43,29 Meter, die WM-Norm (36,95m) erfüllte er damit erneut.

Warmwerfen für die Paralympics in Rio 2016: Noch sind es drei Jahre bis zu den nächsten Spielen. Die Ungewissheit bleibt. Die endgültige Entscheidung, ob er mit seiner Behinderung in der Schadensklasse F46 in einer seiner Disziplinen oder gar in beiden starten darf, fällt in den kommenden Tagen. Es werden wohl wieder unruhige Nächste für den Leipziger Athleten werden, bis der vielleicht erlösende Anruf kommt. Die Freude am Sport soll dennoch bleiben.

(Text: Sandra Arm, Foto: OSP Leipzig)
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