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„Ein Gefühl der Verbundenheit durchzog mich“

Aus dem Tagebuch eines „Schotterers“

Er ist 21 Jahre alt, Auszubildender in der Krankenpflege und war am ersten November-Wochenende diesen Jahres zum ersten Mal aktiv bei einer Widerstandsbewegung gegen einen Castortransport dabei. Der Hannoveraner* erzählt back view von seinen persönlichen Erfahrungen im Wendland.

Ein Sonntagsausflug der anderen Art war der Start einer aktiven Auseinandersetzung und Unterstützung mit den Atomkraftgegnern. Der Hannoveraner war am 5. September bei der Großveranstaltung in Berlin zum ersten Mal bei einer Demonstration – er war aber nicht alleine unterwegs. Seine Eltern packten den 21-Jährigen ein und weihten ihn in ihr Leben als überzeugte Atomkraftgegner ein. Sofort war er begeistert von Organisation, Vielfalt und Stimmung unter den Leuten.

Ihre tiefen und grundlegenden Überzeugungen begeisterten ihn sofort und veränderten seine Leben. Seitdem beschäftigt er sich intensiv mit der Atomenergie und es führte für ihn gar kein Weg mehr daran vorbei, auch an den Demonstrationen gegen den Castortransport durch das Wendland teilzunehmen. Mit seinen Eltern und Freunden war er am 6. und 7. November rund um den Verladekran nahe Dannenberg unterwegs.

Für back view hat der 21-Jährige ein Tagebuch aus Wendland verfasst:
Als wir mit dem Fahrrad auf die Straße, die zum Demofeld führte, einbogen, stießen wir zuerst auf eine Treckerblockade von 600 Maschinen, die sich mehrere hundert Meter auf dem Asphalt hinzog. Die Präsenz der Polizei war sehr deutlich: An jeder Ecke standen kleine Gruppen von Beamten, überall parkten „Truppentransporter“ und über dem ganzen Gebiet patrouillierten mehrere Hubschrauber.
Hinter Splietau, wo die Demonstration auf einem frisch abgeernteten Acker stattfand, schoben sich die Massen von Demonstranten Richtung Bühne und Kundgebung. Wie bei jeder Demonstration zeigten sich die Teilnehmer gewohnt schillernd verkleidet und ausgeschmückt. Unsere Augen wurden auf Weihnachtsmänner, Merkel-Imitate und ein riesiges Atomklo gelenkt.

Am Abend fuhren meine Mutter ins Camp nach Hitzacker, wo unterschiedlichste Unterbringungen für Castorstopp-Freudige Menschen eingerichtet worden waren und wo man außerdem an einem schwarzen Brett Informationen zu Veranstaltungen wie „Widersetzen“ oder „Castor schottern“ erlangen konnte. Letzteres war es dann auch, welches meine Mutter und mich ansprach. Ich hatte vorher nur sehr sporadisch vom „Schottern“ erfahren. Wir wollten uns einfach mal informieren, wie die Sache ablaufen würde und fuhren nach Metzingen, wo ein Plenum zur am Sonntagmorgen ablaufenden Aktion von Castor schottern stattfinden sollte.

Als wir uns die ein wenig unheimlich-geheimnisvolle Diskussion angehört hatten, bei der man die Spannung bezüglich dessen, was bald geschehen würde, sozusagen körperlich spüren konnte, fuhren wir erst einmal nach Hause. Ohne uns einer der „Truppentypen“ der Schotterer anzuschließen. Aber als ich mich um 23 Uhr ins Bett legte, wusste ich immer noch nicht, ob ich am nächsten Tag für meine Klausur am Montag lernen oder aber versuchen würde, die Gleisstrecke des Castors unpassierbar zu machen.

bv_auftaktkundgebung - wendlandsonneUm 3:30 Uhr wurde ich plötzlich wach gerüttelt. Meine Mutter weckte mich und obwohl ich wirklich müde war, konnte ich sie nicht alleine losziehen lassen. Gemeinsam fuhren wir zur Kundgebung um fünf Uhr, von wo aus es zu Fuß weiter zum „Schottern“ gehen sollte. Da der Castor zu diesem Zeitpunkt schon von mannigfaltigen Castorgegnern aufgehalten wurde, war der Abmarsch auf 7 Uhr verschoben worden.
Ich ging durch das Camp, in dem Gestalten an langen Schlangen für eine Scheibe Brot und heiße Suppe und Getränke anstanden und im Dunklen um brennende Tonnen standen und sich wärmten. Die Stimmung war irgendwie total unreal. Ich schnappte Gesprächsfetzen auf, die von Harry Potter bis hin zu Drogen reichten.

Dann war es soweit. Wir liefen los: Es ging die Straße nach Görde hinaus aus Metzingen, bis wir rechts an kleinen Waldstücken vorbei Kurs auf die Castorstrecke nahmen. Nachdem wir aus dem Ort hinaus waren, wurde auch klar, welche Größe unsere Truppe hatte. Es ging ein Jubel durch die Menge, Fäuste reckten sich nach oben, ein Gefühl der Verbundenheit durchzog mich.
Unser Weg führte uns zwischen Feldern hindurch in den Wald hinein. Noch bevor wir unseren Zielort Govelin erreichten,  gesellte sich eine kleine Gruppe Polizisten zu uns. Sie folgten uns in respektvollem Abstand. Mehrmals wurde ihnen von den Schotterern mitgeteilt, dass sie nicht sonderlich willkommen waren („HAUT AB, HAUT AB!“).

Das Wetter war wunderbar an diesem Morgen. Die Luft war kalt und klar, die Sonne schien, der Walt roch würzig – es war ein toller Sonntag zum Spazierengehen ! Und so gingen wir auch noch eine Weile auf Waldwegen, mal mit umgedichteten Liedern oder aber Schlachtrufen auf den Lippen. Als wir auf ein paar hundert Meter an die Gleise herangekommen waren, verfielen alle in einen flotten Lauf und versuchten zu den weiter vorne – schon am Ziel angelangten Mitstreitern – aufzuschließen.
Meine Mutter und ich hatten uns vorher einer der Bezugsgruppen zugeordnet, um sich absprechen und formieren zu können, aber nun blieb nicht mehr viel Zeit zum Überlegen. Die Demonstranten hatten sich aufgefächert und versuchten, an die Gleise zu gelangen. Das Problem war aber, dass auf dem Gleisbett einige Polizisten – in Helm und Rüstung und mit Tränengas und einem Einsatzmehrzweckstock ausgerüstet – standen.

Jeder, der es schaffte, sich an die Gleise durch zu kämpfen, wurde mit Schlägen, Tritten und Ladungen aus der Pfefferspraydose eingedeckt.  Unsere Strategie beinhaltete aber, dass sich eine breite Front den Polizisten entgegenstellte, damit diese von den Gleisen zurückgedrängt würden und wir so Platz für die Schotterer schaffen konnten. So standen meine Mutter und ich oben an der Böschung und schauten wie gelähmt auf die Auseinandersetzung hinunter.

Neben uns stand eine junge Dame und feuerte alle Neuankömmlinge an, sich den Polizisten entgegenzustellen. Nun hatten meine Mutter und ich aber nichts mitgenommen, um uns zu schützen. Viele andere, offensichtlich besser vorbereitete Demonstranten trugen mit Stroh gefüllte Säcke oder Planen mit sich, um sich der Schläge zu erwehren. Nichtsdestoweniger stürmten auch wir hinunter und, da wir für nichts Anderes gerüstet waren, fingen wir an, Steine neben den Schienen abzugraben.
Natürlich blieb dies nicht unentdeckt. Nur wenige Augenblicke später sah ich den ersten Polizisten auf mich losgehen. Ich wich ein paar Schritte zurück und prompt kam mir ein Mitdemonstrant zur Hilfe, der den Polizisten mit seinem Strohsack abwehrte. Mehrmals versuchte ich noch den Vorstoß an die Gleise, wurde aber immer wieder gezwungen, zurückzuspringen.

Irgendwann fing ich mir einen Schlag gegen das linke Bein ein, woraufhin mich meine Mutter hinten am Rucksack packte und wegzerrte. Hilflos sah ich, wie ein Demonstrant, der auf den Schienen von einem Polizisten niedergeschlagen worden war, in Fötushaltung versuchte, sich vor den immer wieder gegen seinen Kopf gerichteten Fausthieben des Beamten zu schützen. Wir halfen noch am unteren Ende der Böschung, einer Frau, die eine Ladung Reizgas in Augen und Mund bekommen hatte, ihr Gesicht, vor allem die Augen, auszuspülen und die Böschung hochzukommen.

Wie sich herausstellte, hatte eine weitere Hundertschaft der Polizei den Schauplatz erreicht und nun drängten sie uns schnell zurück. Wir wurden von einem sehr ruhigen Polizeibeamten aufgefordert, uns in Richtung Wald zu entfernen. Wir hatten keine Wahl. Schnell bildete die Polizei Stoßtrupps, die gegen die Demonstranten vorgingen und sie in den Wald zurückdrängten.

Plötzlich lag in der Luft ein beißender Geruch. Die Polizei hatte windaufwärts Reizgaskartuschen in den Wald geschossen, deren Inhalt sich rasend schnell ausbreitete. Der Atem blieb einem aus, die Augen tränten. Wir mussten laufen, um zu entkommen. Man konnte das Gebiet, das so unpassierbar gemacht wurde, an einem leichten Nebel erkennen.
So zogen wir uns weiter und weiter zurück, meine Mutter stärker hustend als ich. Da es schon fortgeschrittener Morgen war und ich am nächsten Tag die Klausur zu schreiben hatte und dazu nach Hannover fahren musste, konnten meine Mutter und ich nicht an einem weiteren Vorstoß teilnehmen. Ein ereignisreiches und bewegendes Wochenende ging für mich zu Ende und es wird sicherlich nicht mein letzter Protest gegen die Atomkraft sein.

*Anmerkung der Redaktion: Der Demonstrant wird in dem Artikel nicht mit Namen genannt, da er nach eigenen Angaben anonym bleiben möchte.

(Text: Konrad Welzel / Foto: Anna Carmienke)
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Über den Autor

Konrad Welzel
Gründer und Chefredakteur von back view

Konrad hat back view am 06. April 2007 gegründet - damals noch in diesem sozialen Netzwerk StudiVZ. Mittlerweile tobt sich Konrad ganz gerne im Bereich Social Media aus und versteht Menschen ohne ein Facebook-Profil nicht - dafür ist er viel zu neugierig!!!

Anzahl der Artikel : 158

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