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Ein Dschungel an Begriffen

Ein ABC zur Europäischen Währungsunion

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Während der Berichterstattung über die Finanzkrise wird in den Medien mit allerhand Begriffen aus dem Fachjargon und der Branche hantiert. Wer nicht gerade BWL studiert oder  die Börsengeschehnisse täglich verfolgt, gerät schnell ins begriffliche Abseits. Deshalb hat back view für euch ein ABC der Wirtschaft Europas zusammengestellt.


A wie attac:
Das globalisierungskritische Netzwerk attac firmierte ursprünglich unter dem Namen: association pour une taxation des transactions financières pour l’aide aux citoyens. Schon im Namen präsentierte man mit der Besteuerung von Finanztransaktionen die gravierendste Forderung. Obwohl einige Forderungen von attac später aufgegriffen wurden, erlebte das Netzwerk Ende des Jahrzehnts eine kleine Krise. Politiker, die solcherlei Forderungen wie eine Transaktionssteuer, Austrocknen von Steueroasen etc. damals noch mieden wie der Teufel das Weihwasser, sind heute von diesen Ideen angetan.

B wie Bad Bank:
Mithilfe einer Bad Bank können Banken ihre Giftpapiere, die die Bilanzen verunreinigen und damit Skepsis auf dem Markt schüren, auslagern. Dabei gründen Banken eine Bad Bank, also eine Zweckgesellschaft. Von dieser Bad Bank erhält die Bank dann Schuldverschreibungen, die die gesunde Bank bei der Bundesbank zu Geld machen kann. Das ehemals giftige Eigenkapital wird mit dieser Vorgehensweise gesäubert. Der Bund haftet bei diesem Deal mit dem Bankenrettungsfonds „SoFFin“, die Bank muss dafür jedoch Garantiegebühr und eine Ausgleichszahlung tätigen.

C wie Credit Default Swap:
Credit Default Swap (CDS) bedeutet so  viel wie „Kreditausfall-Austausch“. Der CDS ist eine Art Kreditversicherung. Er dient als Schutz, falls der Kreditgeber die Schulden nicht zurückzahlen kann. Das funktioniert folgendermaßen: Der CDS ist ein Vertrag zwischen zwei Parteien. Die eine ist der Sicherungsnehmer. Er gibt beispielsweise einem großen Unternehmen einen Kredit. Gleichzeitig zahlt er einem sogenannten Sicherungsgeber eine Gebühr. Mit dieser Gebühr hat er die Garantie, dass er vom Sicherungsgeber eine Ausgleichszahlung bekommt, sofern der „Referenzschuldner“, sprich das große Unternehmen, ausfällt. Somit mindert er seine Kreditrisiken. Der Trick bei der Sache: Der „Kredit-Geber“ (Sicherungsnehmer) hat zwar eine Versicherung, der Sicherungsgeber erhält die Gebühr allerdings unabhängig davon, ob überhaupt ein Schaden entsteht.

D wie Derivate:
Als Derivate bezeichnet man Finanzinstrumente, deren Preise sich nach dem Preis bzw. Wert anderer Investments richten, wie zum Beispiel Zertifikate, Optionen, Futures und Swaps. Diese anderen Investments können zum Beispiel Handelsgüter, also Rohstoffe etc., Wertpapiere oder marktbezogene Referenzgrößen, wie Zinssätze, sein. Derivate dienen dazu, Anlageobjekte gegen Preisschwankungen und Wertverluste abzusichern oder auf Kursgewinne zu spekulieren. Derivate sind als überproportional zu Preisschwankungen konzipiert, was als sogenannter Hebeleffekt bezeichnet wird.

E wie Eurobonds:
Durch die Eurobonds würden die EU-Mitgliedsländer mit einem gemeinsamen Zinssatz Kredite aufnehmen können. Deutschland, das nur einen relativ niedrigen Zinssatz zahlen muss, wehrt sich noch gegen die Einführung. Kritik kommt auch dadurch auf, dass die maroden Staaten damit noch weniger Anreize zum Sparen hätten, da man ihnen sogar unter die Arme greift.

F wie Finanztransaktionssteuer:
Die sogenannte Tobin-Steuer, die von Marktkritikern gefordert wird, bedeutet, dass jede Finanztransaktion auf dem Markt in geringem Maße (circa 0,1 Prozent) besteuert werden soll. Anders als die ursprüngliche Tobin-Steuer sollen hier nicht nur Devisengeschäfte besteuert werden. Damit sollen vor allem Spekulationen eingedämmt werden. Die englische Transaktionssteuer stamp duty bringt dem Staat jährlich fünf Milliarden ein. Bei EU-weiter Einführung dieser Steuer können laut Schätzungen 130 Milliarden Dollar jährlich eingenommen werden.

G wie Goldparität:
Als Goldparität bezeichnet man den festgelegten Wert einer Währung in Relation zum Goldpreis. Dieser Vergleich stammt noch aus früheren Zeiten, als Währungen sich noch anhand des sogenannten Goldstandards orientierten, also der entsprechenden Menge Gold für eine Währungseinheit. Dieser verlor in den Sechziger Jahren und endgültig in den Siebziger durch die Aufkündigung der Einlösepflicht seitens der USA und dem darauffolgenden Zusammenbruch des Bretton Woods -Währungssystem seine Gültigkeit.

H wie Hedgefonds:
Hedgefonds sind Investmentfonds, die seit der Finanzkrise immens in die Kritik geraten sind. Mit Fremdkapital setzen sie höchstspekulativ ein Vielfaches des Eigenkapitals ein. Mit Aktien, Derivaten oder Rohstoffen wird hierbei recht kurzfristig spekuliert. Bis 2007 lagen die Renditen bei 11,1 Prozent.

I wie IWF:
Der IWF oder Internationale Währungsfond ist eine 1944 gegründete Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Washington D.C. Der IWF wurde gegründet, um den internationalen Markt stabil zu halten und so zum Beispiel zu verhindern, dass einzelne Länder den Wechselkurs ihrer jeweiligen Währung in die Höhe treiben und den Handel auf den Weltmärkten stören. Dieses System begünstigt allerdings auch die Verschuldung von Ländern, die sich bereits in einem finanziellen Krisenzustand befinden.

J wie Jointventure:
Das Jointventure bedeutet die Zusammenarbeit eines inländischen und eines ausländischen Unternehmens für einen gewissen Zeitraum. Beide Unternehmen tragen das Risiko, beide Unternehmen bringen aber auch Wissen, Idee und Arbeitskraft ein.

K wie Keynesianismus:
Eine Wirtschaftsordnung, die ihren Namen dem englischen Ökonom John Maynard Keynes verdankt. Hier reguliert sich nicht der Markt selbst, vielmehr stabilisiert und inspiriert der Staat das Finanzsystem. In Krisenzeiten investiert der Staat, in Zeiten der stabilen Wirtschaftslage hält sich jener zurück. Durch dieses antizyklische Vorgehen sollen Anreize und Unterstützungen gesetzt werden. Nach der Finanzkrise erlebt der Keynesianismus eine Art Renaissance.

L wie Leerverkäufe:abc_text
Bei einem Leerverkauf leiht sich ein Spekulant ein Wertpapier und spekuliert auf einen sinkenden Kurs. Vor dem Preissturz aber verkauft er das geliehene Objekt. Ist der Wert gesunken, kauft er das Papier zu einem günstigeren Preis wieder zurück und streicht somit Gewinne ein. Die Leerverkäufe befeuern Spekulationen an der Börse und sind mitverantwortlich für den Crash von 2008.

M wie Maastricht-Kriterien:
Die sogenannten EU-Konvergenzkriterien wurden 1992 von den Mitgliedstaaten der EU beschlossen. Ziel der Vorgaben ist es, innerhalb der EU eine wirtschaftliche Stabilität und Solidarität zu gewährleisten. Außerdem soll die Leistungsfähigkeit der nationalen Wirtschaftsräume innerhalb der EU angeglichen werden. Im Einzelnen gibt es genauere Regelungen, zum Beispiel zur Inflationsrate oder zur Verschuldung der einzelnen Länder. Allerdings ist umstritten, ob die Kriterien den wirtschaftlichen Zusammenhalt der EU-Länder tatsächlich fördern.

N wie Notfallplan:
Der EU-Notfallplan wurde am 25. März 2010 beschlossen, um Griechenland vor dem Staatsbankrott zu schützen. Die Idee war, dass die Euro-Länder zunächst jeweils freiwillig helfen sollen. Sie sollten insgesamt zwei Drittel der benötigten Kredite zur Verfügung stellen. An zweiter Stelle kommen dann mit einer Beteiligung von einem Drittel die Kredite vom Internationalen Währungsfond. Mit dem Notfallplan soll gewährleistet werden, dass die Gesamtlasten gerecht aufgeteilt werden und jedes Euro-Land so viel leistet, wie es kann. Für Deutschland waren das im ersten Jahr zum Beispiel rund 28 Prozent der Gesamtlasten, also 8,4 Milliarden Euro.

O wie Option:

Eine Option bezeichnet im Finanzwesen ein geltend zu machendes Recht, dass der Käufer ein bestimmten, vertragsmäßig vereinbartes Angebot (innerhalb einer bestimmten Frist) annehmen oder ablehnen kann. Der Vertrag besiegelt dann das Recht des Käufers und im Gegenzug die Pflicht des Verkäufers oder „Stillhalters“, die Verpflichtung gibt bis zum Verfalldatum der Option den Basiswert zum Basispreis zu kaufen oder zu verkaufen. Dies bezeichnet man dann als Optionsgeschäft und es fällt unter die Derivate.

P wie Preisniveaustabilität:
Die Preisniveaustabilität soll gewährleisten, dass der Preis gemessen an der Inflationsrate stabil bleibt. Zur Messung wird die Inflationsrate der drei Länder genommen, die bei der Preisstabilität das beste Ergebnis erzielt haben. Besonders schlechte Inflationsraten haben dagegen zur Zeit beispielsweise Irland, Spanien oder Portugal.

R wie Ratingagenturen:
Die Ratingagenturen stehen vermehrt in der Kritik, weil sie den Markt verunsichern und unterminieren sollen, indem sie intransparent agieren und teils riskante Wertpapiere mit der Höchstnote (AAA) bewerteten. Ratingagenturen bewerten oftmals Papiere der Auftraggeber, dadurch entsteht ein Interessenskonflikt, da die Agenturen Aufträge benötigen und zu oft die Note AAA vergeben.

S wie SoFFin:

Hinter dem Kürzel versteckt sich der Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung. Der Fonds wurde 2008 in einem Eilverfahren eingeführt, um das Finanzsystem zu stabilisieren. Mit insgesamt 400 Milliarden Euro könnte der Staat für die Banken bürgen. Mit 142 Milliarden Euro an Garantieleistungen und einer Verstaatlichung führt die Hypo Real Estate das Ranking an. Im Rahmen des Rettungsschirmes wurde auch die Commerzbank teilverstaatlicht. Trotz kleinerer Zugeständnisse von Seiten der Banken stand der Rettungsschirm massiv in der Kritik. Skeptiker monierten die monumentale Rettung eines Sektors, der sich selbst in die Bredouille gebracht hatte.

T wie Termingeschäft:
Das Termingeschäft bezeichnet ein Geschäft, das zu feststehenden Konditionen bis zu einem bestimmten, in der Zukunft liegenden Zeitpunkt, zu erfüllen ist. Es unterteilt sich wiederum in das Fixgeschäft, dessen Erfüllung für beide teilnehmende Parteien zwingend ist, das Prämiengeschäft, bei dem sich ein Partner gegen Zahlung einer Prämie ein Rücktrittsrecht vom Handel vorbehalten kann und in das bereits erwähnte Optionsgeschäft, bei der eine Partei wählen kann, das Recht auszuüben oder verfallen zu lassen. Sein Gegensatz ist das Kassageschäft, das einen standardisierten Vertrag bezeichnet, der spätestens zwei Handelstage nach Geschäftsabschluss von beiden Vertragsparteien zu erfüllen ist. Der Terminhandel in Wertpapieren war in  Deutschland übrigens von 1931 bis 1970 verboten, seit 1970 sind Termingeschäfte in Form von Optionsgeschäften wieder erlaubt.

U wie Umschuldung:
Als Umschuldung bezeichnet man die Begründung einer neuen Schuld als Begleichung einer alten, bestehenden. Im Finanzsystem bedeutet das, dass es für Darlehensnehmer bei gefallenen Zinsen zum Beispiel günstiger ist, einen unter schlechteren Zinsbedingungen abgeschlossenen Kredit durch die Aufnahme eines neuen, zinsgünstigeren Kredits vorzeitig zu tilgen. Die Umschuldung soll dazu dienen, die Kreditwürdigkeit des Schuldners wiederherzustellen, damit dieser die Möglichkeit hat, neue Kredite zu niedrigeren Zinssätzen abzuschließen. Die Umschuldung existiert auch als Möglichkeit für Staaten und wird derzeit als letzter Ausweg für Griechenland zur Rettung aus der Schuldenkrise diskutiert.
Die Unterarten einer Umschuldung sind der sogenannte Haircut, bei dem die Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten, Tauschgeschäfte mit Wertpapieren als Brady-Bonds oder die Verlängerung der Kreditlaufzeiten Griechenlands. Im Falle einer Umschuldung muss das Land jegliche Neuverschuldung vermeiden und versuchen, die eigene Wirtschaft wieder anzukurbeln. Die Lösung ist allerdings umstritten, da sie die verzichtenden Staaten und damit auch für die Steuerzahler teuer zu stehen kommen.

W wie Währungskrise:
Entgegen der gängigen Vorstellung ist der Begriff „Euro-Krise“ eigentlich falsch. Denn die Staatsschuldenkrise einiger Euro-Länder bedeutet (noch) nicht, dass sich die Währung Euro in einer Krise befindet. Im Gegenteil: Im Vergleich zu anderen großen Währungen, wie dem US-Doller ist der Euro während der Krise sogar gestiegen. Denn eine Kapitalflucht, sprich der Transfer von Vermögen ins Ausland, hat beim Euro nicht stattgefunden.

X, Y, Z wie Zentralbank EZB:

Die Europäische Zentralbank (EZB) legt den Leitzins fest. Zur Krisenzeit lag dieser bei fast Null. Der Leitzins bestimmt, zu welchen Konditionen sich Banken Geld leihen können, um damit wiederum ihren Geschäften nachgehen zu können. Tranche: In Zeiten der Griechenlandpleite ist immer wieder von Tranchen zu lesen, die das Land erreichen sollen. Eine Tranche ist dabei ein Teil des Rettungspakets, eine Geldzufuhr. Es beschreibt den Teil eines Ganzen, hier also eine Geldlieferung im Rahmen des mehrgliedrigen Rettungspakets.

(Text: Jerome Kirschbaum, Julia Radgen, Julia Jung / Foto: Gerd Altmann by pixelio.de)
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Über den Autor

Julia Radgen
Ressortleiterin Gesellschaft

Julia Radgen lebt in Mainz und schreibt am liebsten über Kultur- und Gesellschaftsthemen - und interessante Menschen. Sie ist Social Media-süchtig und verzichtet nur freiwillig auf Internet und Handy, wenn sie zu einem Festival fährt. Wenn sie groß ist, will Julia mal Journalistin werden.

Anzahl der Artikel : 41

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