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Ein bisschen tödlich!?

Elektroschock-Pistolen fordern vor allem in den USA zahlreiche Todesopfer
Sie heißen nicht-letale Waffen, sie sind wahre Wunder der modernen Strafverfolgung. Polizisten schwärmen auf dem gesamten Globus von ihnen. Und dennoch: Die nicht tödlichen Waffen wie Elektroschock-Pistolen sind umstritten. Erst Anfang Mai 2011 wurde ein nackter Marathonläufer in Ohio damit niedergestreckt.

Ganz harmlos sollen sie – die sogenannten Taser – sein. Ein Schuss, ein Schock – was bleibt ist eine Muskelkontraktion und zwei kleine Einschusslöcher, die so klein wie Insektenstiche sind und durch die zwei Miniharpunen der Pistole entstehen. 50 000 Volt jagen durch den Körper, für fünf Sekunden ist das Gegenüber kampfunfähig. Und angeblich ist das alles ganz ungefährlich. „Wenn sie aufwachen und merken, dass sie nicht tot sind, werden sie uns dankbar sein“, so hieß es vor Jahren bei der Vorstellung der Waffen von einem SWAT-Mitglied.

elektroschockerUSA als Vorreiter
Den Anfang machten die Taser in den USA. Polizisten sollten mit diesen Waffen ausgestattet werden, um Delinquenten ohne scharfe Munition gefügig zu machen. In Zeiten der Einführung um die Jahrtausendwende wurde in den USA im Landkreis Orange County fünfmal weniger zur „echten“ Pistole gegriffen. Um phantastische zwei Drittel sank die Verletzungsquote in Arizona bei Festnahmen. Kein Wunder, dass die Elektropistolen auch nach Deutschland exportiert werden sollten.Ein bekannter Taser-Hersteller aus den USA ließ Polizisten aus potenziellen Abnehmer-Ländern, wie Deutschland, zu Master Inspectors ausbilden. Unangenehmer Teil der Schulung war die eigene Erfahrung mit der Waffe. Am eigenen Leibe wurde die Effektivität des Stroms getestet.

Bis 2008 durften die Kanonen auch in Deutschland an Volljährige verkauft werden. Voraussetzung war der Besitz eines großen Waffenscheines. Seit dem 1. April 2008 sind die Elektro-Knarren allerdings für Privatkunden verboten.Lediglich die Polizei hat Verfügungsgewalt über die angeblich nicht-tödlichen Waffen. Die Spezialeinsatzkommandos (SEK) der Polizei sind mit derartigen Objekten ausgestattet, alltägliche Ordnungshüter sowie Bundeswehr verzichten auf den Einsatz. Die Taser sollen nicht flächendeckend eingeführt werden, lediglich die SEKs bleiben wohl bestückt. In den überschaubaren Einsätzen in Deutschland kam es zu keinen erheblichen Gesundheitsschäden.

Polizeigewerkschaft plädiert für Elektropistole
Die Polizeigewerkschaft setzt sich für den bundesweiten, durchgängigen Einsatz der Taser ein. Auch einfache Polizeibeamte sollen die Waffe tragen dürfen. Grund dafür seien die ansteigenden Übergriffe auf Polizisten. Vor allem für den einfachen Streifendienst sieht beispielsweise der NRW-Landesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) Erich Rettinghaus die Elektropistolen als prädestiniert an.

Dennoch: Trotz aller positiven Resonanz und Erfolgen in den USA erlebten die Elektroschocker in Deutschland bei weitem keine derartige Hochkonjunktur. Die Zweifel bleiben, auch, weil die BRD generell nicht so „waffenvernarrt“ wie die Vereinigten Staaten ist.

Amnesty International klagt an
Aber wie erfolgreich war der Einsatz der nicht-letalen Waffen bisher wirklich? Herzflimmern, erhöhte Gefahr bei Drogenabhängigen und Herzpatienten – das waren die ersten Kritikpunkte. Sofort wurde vom Hersteller alles verneint. Die Waffen seien nicht gefährlich, geschweige denn tödlich. Amnesty International aber zeichnete ein konträres Bild. Zwischen 2001 und 2008 sollen 334 Menschen in den USA an den Folgen eines Taser-Einsatzes gestorben seien. 90 Prozent der Verstorbenen waren scheinbar unbewaffnet.
Wie vermutet, sollen laut Amnesty International primär Drogenabhängige und Menschen mit neurologischen Problemen gefährdet sein. Auch Kinder und Schwangere blieben von zigtausend Volt aus der Hand der Ordnungshüter nicht verschont.

In Vancouver war 2007 ein polnischer Flugreisender in Panik ausgebrochen, weil er Flugangst hatte. Ohne Englischkenntnisse und eine große Portion Panik irrte der Mann umher, randalierte und wurde dann von fünf Polizisten niedergetreckt. Er starb an den Folgen der Elektroschocks. Die Ordnungshüter hatten ihre Waffen auf ihn gerichtet – angeblich nicht-letal. Der auf Video dokumentierte Fall landete vor Gericht. In Kalifornien werden die Elektropistolen seit 2008 auch in Gefängnissen eingesetzt. Seitdem erhöhte sich die Todesrate dort sogar. Sechs Tote pro 100 000 Gefangene. Eine Steigerung um 600 Prozent.

Vorschnell, leichtsinnig und tödlich
Es scheint, als würde die nicht-letale Waffe teilweise vorschnell gezückt werden. Das Wissen um nicht-scharfe Munition und das Austesten der Grenzen von körperlichen Qualen ergeben eine gefährliche Mischung. Die Pistole wird gezückt wie eine Spielzeugknarre, nur mit dem Unterschied, dass sie realen Schaden anrichten kann. Insbesondere in den USA herrscht eine latente Leichtsinnigkeit mit den Tasern. Warum auf Verhandlungen zurückgreifen, wieso deeskalierend wirken, wenn man die Taser einsetzen kann? Die Strompistole vereinfacht die Form der Interaktion und deckt in einigen Fällen sadistische Adern bei Inhabern auf.

Ob solcherlei Ausuferungen im Sinne des Erfinders waren? Ohnehin stellt sich die Frage, ob die Einführung einer Schockpistole auf Polizeiebene nicht die ursprüngliche Arbeit eines Ordnungshüters torpediert. Wenn einfache Streifenpolizisten über derartige Geräte verfügen, wird Deeskalation schnell ad absurdum geführt.
Die hunderte von Todesopfer haben allerdings zumindest kleine Spuren hinterlassen. Auch bei den Tasern selbst. Sie werden nun meist „weniger-tödlich“ (engl. less-lethal) genannt – wie passend. An der Gefährlichkeit ändern sie deshalb dennoch nichts.

(Text: Jerome Kirschbaum / Foto: Kurt by pixelio.de)

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Über den Autor

Jerome Kirschbaum
Ressortleiter Sport

Jerome Kirschbaum schreibt am liebsten über Sport, wenn er denn nicht selbst auf einem Platz steht. Seit Oktober 2010 verdingt sich Jerome als Schreiberling für back view, neben den Leibesübungen widmet er sich sich auch politischen Themen. Im wahren Leben musste Jerome zahlreiche Semester auf Lehramt studieren, um dann schlussendlich doch etwas ganz anderes zu werden.

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