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Die Situation von Kindersoldaten im allgemeinen Überblick

Eine historische Betrachtung

„Es gibt keine großen Entdeckungen und Fortschritte, solange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt.“ [Albert Einstein]
„Kinder erleben nichts so scharf und bitter wie Ungerechtigkeit.“ [Charles Dickens]
„An den Frieden denken heißt, an die Kinder denken.“ [Michail Gorbatschow]
„Die Natur will, dass Kinder Kinder sind, bevor sie zum Erwachsenen werden.“ [ Jean-Jacques Rousseau]

Alles Selbstverständlichkeiten, wenn es nach mir ginge. Leider sieht die Realität oftmals, wie auch in diesem Fall, anders aus. Nicht alle Kinder dieser Erde können derartig beschriebene Freiheiten genießen. Natürlich, die große Allgemeinheit wird den vorangehenden Zitaten und Aussagen zustimmen und sich immer wieder darüber brüskieren, wenn in den Medien Fälle von Kindesmisshandlungen präsent sind. Doch so wirklich intensiv auseinandergesetzt wird sich mit diesen Themen kaum, gerade wenn es um Kindersoldaten geht.

Die traurige Wahrheit ist, dass es weltweit noch heute circa 250.000 bis 300.000 solcher Kindersoldaten in fast zwanzig Ländern gibt. Sie werden meist in Rebellenverbänden aber auch in offiziellen Armeen zwangsrekrutiert und zum Kämpfen gezwungen. Kindersoldaten sind gerade in Bürgerkriegsländern fester Bestandteil der bewaffneten Kriegsparteien und der allgemeinen militärischen Infrastruktur.

Es existieren im Moment mehr als fünfzig bewaffnete Gruppierungen weltweit, die Kinder als Soldaten rekrutieren. Die meisten davon sind in Afrika zu finden. Zudem ist nahezu jeder dritte Kindersoldat ein Mädchen. Zwischen 1990 und 2000 sind etwa zwei Millionen Kinder im Krieg als Soldaten gefallen, sechs Millionen sind Invaliden und zehn Millionen trugen schwere, seelische Schäden durch diese grausame Lebenssituation davon.

Eingrenzung des Begriffes
Für den Begriff Kindersoldat gibt es keine offizielle Definition, die „Coalition to Stop the Use of Child Soldiers“, ein Zusammenschluss internationaler Organisationen wie terre des hommes – französisch für „Erde der Menschlichkeit,  Kinderhilfswerk – orientiert sich an der Altersgrenze der UN-Kinderrechtsorganisation und fordert, dass niemand unter 18 Jahren in reguläre oder nichtreguläre bewaffnete Gruppen rekrutiert werden darf.
Dafür setzen sich ebenfalls die Organisationen UNICEF und Amnesty International ein. Als Kindersoldaten zählen neben den aktiven Kämpfern auch Träger, Informanten und Köche. Diese breite Definition soll Kindern besseren Schutz gewährleisten. Wer Kinder unter fünfzehn Jahren rekrutiert, kann vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag als Kriegsverbrecher verurteilt werden.

Offizielle Berichte und betroffene Länder
Die Internationale Arbeiterorganisation ILO hat in einer Resolution festgelegt, dass der Einsatz von Kindern als Soldaten eine extreme Form von ausbeuterischer Kinderarbeit ist. Die „Coalition to Stop the Use of Child Soldiers“ gibt seit 2001 alle vier Jahre einen globalen Bericht über die Situation der Kindersoldaten heraus. Dieser dokumentiert die Wehrgesetze aller Länder und benennt diejenigen bewaffneten Gruppen, die Kinder und Jugendliche rekrutieren und im Kampf einsetzen.

Der Bericht von 2008 beschreibt die Situation der Jahre 2004 bis 2007 und listet insgesamt 22 Länder auf. Nicht von allen ist die Anzahl der rekrutierten Kindersoldaten bekannt, wie beispielsweise im Irak und in Israel, wo unter Achtzehnjährige auch als Freiwillige bei der Polizei arbeiten. In Thailand setzen bewaffnete separatistische Gruppen im Süden des Landes Kinder als Soldaten einsetzen. In Myanmar werden flüchtende, ehemalige Kindersoldaten gefangen genommen und für eigene Zwecke benutzt. Und in Indien kämpfen Kindersoldaten sowohl in der Regierungsarmee als auch in zahlreichen Oppositionsgruppen.

In Israel werden Kinder nach wie vor von Extremisten in gewalttätige Aktivitäten verwickelt. So nehmen die Israelitischen Streitkräfte weiterhin eine große Zahl palästinensischer Kinder gefangen und foltern sie während der Haft. Im palästinensisch besetzten Gebiet gab es bisher keinerlei System für Wehrpflichtige – Kindern wird militärische Ausbildung angeboten, ältere Kinder sind an Maßnahmen der Jihad, Fatah und Hamas beteiligt.
In Kolumbien konnten circa 14.000 minderjährige Soldaten in bewaffneten Oppositionsgruppen wie der FARC – Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia; Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens – und in paramilitärischen Verbänden verzeichnet werden. Einige Kinder sind heute noch in diesen Gruppen, da ihre Demobilisierung fehlschlug.

Myanmar besitzt mit rund 77.000 Betroffenen eine der weltweit höchsten Zahlen an Kindersoldaten. Wie auch in Indonesien, im Kongo und in Burundi in Ostafrika werden sie sowohl in der Regierungsarmee als auch in bewaffneten Oppositionsgruppen eingesetzt. In Angola wurden, trotz der derzeitigen Nachkriegssituation, 7.000 minderjährige Soldaten verzeichnet. Ein Einsatz von Kindersoldaten gilt auch in Afghanistan als wahrscheinlich, belegt ist zumindest die Benutzung von Kindern als Selbstmordattentäter durch die Taliban.

Auf den Philippinen werden Kinder von regierungsbezogenen Paramilitärs und bewaffneten Oppositionsgruppen eingesetzt. In Nepal wurden nach dem Friedensabkommen 2006 weiterhin Kinder von Maoisten zwangsrekrutiert. Tamilen, eine Minderheitsgruppe in Sri Lanka, rekrutieren trotz entgegen gesetztem Übereinkommen Kinder für ihren Kampf gegen die Singhalesen. Am schlimmsten ist wohl nach wie vor die Situation in Afrika – in Uganda beispielsweise waren rund neunzig Prozent der „Lord´s Resistance Army“ LRA zwischen 13 und 16, über 12.000 Jungen und Mädchen, teilweise neun Jahre und jünger, wurden zwangsrekrutiert. Bis zu 2.000 Frauen und Kinder gehören heute noch der LRA an.

In Liberia kämpften im Bürgerkrieg zwischen 1989 und 1997 circa 20.000 Kindersoldaten, die ebenfalls bis etwa 2005 an der Elfenbeinküste eingesetzt wurden. Sierra Leone schickte zwischen 1991 und 2002 mehr als 7.000 Minderjährige in den Krieg. Im Tschad, dem Sudan und Somalia stieg die Zahl der illegalen Rekrutierungen sogar weiter an, besonders an den Grenzgebieten, wo häufig ausländische Kinder aus Flüchtlings- oder Vertriebenenlagern entführt werden.

Im Kongo werden rund 7.000 Minderjährige zu schrecklichen Gewalttaten innerhalb der Regierungsarmee und in ausländischen bewaffneten Gruppen, die in angrenzenden Ländern sowie befreundeten Stämmen gegründet wurden, gezwungen. Rekrutiert werden auch Flüchtlinge aus Lagern in Ruanda. Demnach hat sich also seit dem Zusatzprotokoll der Kinderrechtskonvention und damit dem Verbot des Einsatzes von Minderjährigen als Soldaten kaum etwas an deren Anzahl und Situation geändert oder gar verbessert.

Lebenssituation und Aufgaben
In der Regel werden Kindersoldaten zwangsrekrutiert, in Flüchtlingslagern oder auf brutalen Feldzügen durchs Land. Sie werden entführt oder mit falschen Versprechungen gelockt und zum Kämpfen getrieben und gezwungen, Menschenrechtsverletzungen mit anzusehen oder gar selbst zu begehen. Kinder und Jugendliche sind oft allerdings auch leichter zu rekrutieren als Erwachsene, da sie schwächer, leichter zu manipulieren und hilfloser sind.
Auf kindliche Bedürfnisse wird allerdings keinerlei Rücksicht genommen. Stattdessen bestimmen Gewalt und absoluter Gehorsam den Alltag. Kindersoldaten werden misshandelt und gezwungen, selbst Grausamkeiten zu begehen. Sie müssen Kinder flüchten oder im schlimmsten Falle, ihre eigenen Eltern töten.

Diese grauenvollen, menschenrechtsverletzende Behandlung hat nur einen Zweck: Einschüchterung, Erzwingung absoluten Gehorsams und Abstumpfung gegen Grausamkeit. Neben diesen Brutalitäten werden sie oft unter Drogen gesetzt oder müssen Leichenteile essen. Auf Disziplinlosigkeit wie Einschlafen bei der Wache stehen drakonische Strafen. Nicht selten werden Körperteile einfach abgehackt.

Das Leben als Soldat ist für Kinder noch härter als für Erwachsene, denn sie sind in den noch jungen Jahren den gleichen Belastungen ausgesetzt. Sie müssen schwere Lasten wie Waffen, Verwundete, Lebensmittel, Hausrat und Zelte über weite Strecken tragen – Essen, sauberes Wasser sowie Versorgungsgüter wie Medikamente sind knapp. Kinder, die diesen unvorstellbaren Anforderungen nicht gewachsen sind, werden von den Vorgesetzten oft schikaniert oder getötet.In den seltensten Fällen werden sie zurück und somit frei gelassen. Mädchen, und auch Jungen, werden vergewaltigt, zur Heirat mit älteren Soldaten oder Abtreibung gezwungen.

Da Kinder als weniger wertvolle Soldaten angesehen werden, werden sie gern an besonders gefährlichen Stellen an der Front eingesetzt, als Spione, Informanten, Minenleger und -sucher. Entsprechend hoch ist dann natürlich das Risiko, verletzt oder getötet zu werden. Da die meisten minderjährigen Soldaten keine Ausbildung oder einen Schulbesuch genießen können, erlernen sie auch nicht die nötigen Umgangsformen, um in die Zivilgesellschaft reintegriert werden zu können.

Ursachen und Hintergründe
Viele Kinder wachsen in Kriegs- und Krisengebieten auf, ihr Lebensalltag wird schon von klein auf durch Krieg, Gewalt und Zerstörung geprägt. Da die Kinder und Jugendlichen, die für bewaffnete Gruppen kämpfen, zum Großteil aus den ärmsten Schichten der Bevölkerung stammen, treten sie auch teilweise freiwillig den Milizen bei. Durch Kriegsereignisse wurden sie von ihren Eltern getrennt und suchen somit Schutz.

Das ist neben der Angst vor Übergriffen des Gegners, Strafen und Misshandlungen durch eine der Kriegsparteien und die Hoffnung auf Sicherheit und Versorgung oder Verdienen des Lebensunterhaltes in Form eines geringen Soldes das wichtigste Motiv. Der Krieg bietet unter diesen Umständen sogar eine Chance, seine eigene Existenz zu sichern. Zudem bringt er soziale Anerkennung und Machtgefühl. Mit Waffen kann man plündern und rauben. Viele Kinder erhalten auch die Gelegenheit, Rache für ihre vom Feind getöteten Eltern zu üben. Es sind nur Wenige, die aus religiöser oder politischer Überzeugung kämpfen.

Für die meisten Kriege gilt: Je länger sie dauern, umso mehr Kinder werden rekrutiert, je mehr Kinder rekrutiert werden, desto jünger werden die Opfer dieser Praxis. Nicht selten findet zwischen den jeweiligen Kriegsparteien ein Wettlauf bei der (Zwangs-)Rekrutierung statt, der in manchen Konfliktregionen als Instrument zur Unterdrückung von oppositionellen Gruppen dient. In diesem Fall werden Kinder des Gegners vom Militär eingezogen und in entfernte Landesteile gebraucht, ohne dass die Eltern vom Verbleib der Kinder Kenntnis erhalten.

Zum historischen Hintergrund
Der Einsatz von Kindern in Kriegen ist keine neuzeitliche Erfindung. Seit es berittene Truppen gibt, wurden Rossbuben, also jugendliche Pferdepfleger, mit der Reiterei mitgeschickt – so zum Beispiel im römischen Heer. Der Kinderkreuzzug besaß ganze Armeen aus Kindern und Heranwachsenden. Aus dem Dreißigjährigen Krieg stammen literarische Gestalten wie der Page des schwedischen Königs Gustav Adolf oder „Der abenteuerliche Simplicissimus“.
Im Zweiten Weltkrieg wurden Minderjährige dann als Luftwaffenhelfer gebraucht. So hat die Waffen-SS Jugendliche angeworben und dafür gesorgt, dass in den letzten Kriegsjahren die Schulklassen fast leer waren. Hitlerjungen kämpften im Volkssturm und wurden teilweise mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Auch auf sowjetischer und französischer Seite wurden Kindersoldaten einberufen.

Die verschiedenen Hilfsorganisationen, die sich gegen die Rekrutierung Minderjähriger einsetzen, haben Projekte, die jeder von uns auf seine eigene Weise unterstützen kann. Finanzielle oder Sachspenden, Protestaktionen, Briefe an zuständige UN-Politiker und vor allem Aufklären der Bevölkerung sind wichtige Schritte bei diesem sensiblen Thema. Eine der bekanntesten Aktionen ist wohl der „Red Hands Day“, der Internationale Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten, am 12. Februar. Er wurde von Kindern und Jugendlichen im Jahr 2002 gestartet, um auf die Missstände aufmerksam zu machen. Symbol dieser Aktion ist eine blutrote Hand mit einem weißen Kindersoldaten auf der Handfläche.
Wie bei jedem anderen, extrem wichtigen aber wenig medienpräsenten Thema auch, kann man nur hoffen, dass mehr Menschen sich dem Schicksal der Kindersoldaten annehmen, sich über deren weltweite Schicksale aufklären lassen und mithelfen, diese untragbare Situation zu beenden.

Denn „Jedes Kind ist ein Zeichen der Hoffnung für diese Welt.“ [Zitat aus Kamerun]
Und sollte es sein dürfen.

(Text: Katrin Kircheis)
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Über den Autor

Katrin Kircheis
Anzahl der Artikel : 10

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