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Die Welt des Couchsurfings

Leichtsinnigkeit oder sicheres Vertrauen?

Junge Reisende aus aller Welt waren noch nie so flexibel wie im heutigen globalen Zeitalter. Das Reisen in die Ferne ist selbst kurzfristig möglich. Doch Hostels, Hotels und Pensionen sind teuer geworden. So entstand das Phänomen Couchsurfing, ein internationaler Austausch junger fernsüchtiger Leute, für die es mehr ist als ein kostenfreies Übernachten.

Seitdem ich in Paris wohne, hoste ich. Sechs Monate in einem Studentenwohnheim, wo ich über ein kleines Zimmer verfüge. Das Gute daran: Es gibt ein zweites, ausziehbares Bett. Mit diesen winzigen 14m² kann ich mir immer Gäste einladen. Ich tippe die Daten meiner „Couch“ auf meine Couchsurfing-Profilseite ein, damit jeder User sehen kann, wo, wie und mit was ich lebe. Ich bin gespannt, wann sich der Erste meldet, denke ich. Paris soll ja ständig voller Couchsurfer sein. Das Hosten ist für mich neu. Angemeldet bin ich schon seit zwei Jahren. Bisher bin ich aber nur gesurft: Helsinki, Tirana, Strasbourg, Lyon oder München. So habe ich jetzt entschieden, während ich in Paris mein Praktikum in einem Kulturzentrum mache, etwas zurückzugeben und Reisenden aus aller Welt einen Schlafplatz anzubieten.

Ein einfaches Prinzip
Mehr als 3 Mio. Mitglieder aus über 200 Ländern zählt Couchsurfing und ist damit das größte Gastgebernetzwerk weltweit. Es besteht seit zehn Jahren und sein Grundprinzip ist das Aufnehmen von internationalen Reisenden, die meist kurzfristig unterwegs eine Unterkunft für eine oder mehrere Nächte suchen. Eine Bezahlung für die Beherbergung ist unangebracht. Denn darum geht es auch nicht.
Was im Vordergrund steht, ist das intensive Kennenlernen der fremden Kultur. Es ist die Kommunikation mit den lokalen Einwohnern, das Ausprobieren von neuen Dingen, das direkte Lernen von Gleichgesinnten anderer Länder, das Erfahren authentischer  Orte, die Vermittlung persönlicher Geheimtipps, das Praktizieren fremder Sprachen, eben jene Möglichkeiten, die in den isolierten Welten der Club-Hotels nicht gegeben sind.

Wer surft, wer hostet?
Das Surfen, Hosten, Miteinanderteilen und Austauschen von Erfahrungen zielen darauf ab, mit Menschen aus anderen Ländern so unbürokratisch und tiefgründig wie möglich in Kontakt zu treten. Es ist gemacht für Weltenbummler, die individuell durch die Welt reisen und ihren Hosts von ihren Geschichten erzählen. Es ist perfekt für Städteentdecker, die nach unkomplizierten und authentischen Stadtführungen suchen. Es ist unverzichtbar für Sprachbegeisterte, die nicht einfacher ihre Kenntnisse verbessern können. Kulturliebhaber   lernen auf direktem Wege verschiedene Lebensweisen und Sitten kennen.
Grundbedingung: Ein eigenes Profil, das jederzeit kostenlos erstellt werden kann.

November 2012. Tagtäglich suchen Leute in Paris eine Couch. Neben der direkten Kontaktaufnahme mit dem Host können Surfer auch einen allgemeinen Reiseplan posten. Dieser ist für jeden Host in Paris sichtbar, was die Chancen einer Aufnahme erheblich verbessert.
Ich entdecke Xiao Xiao’s „Hilferuf“, ein Chinese aus Peking, der momentan in Kopenhagen studiert. In Europa eher Alex genannt, reist er mit einer Freundin zum ersten Mal in die französische Hauptstadt. Sie hat eine Unterkunft, er noch nicht. So verlaute ich ihm ein nettes „Hey Alex, kannst bei mir die vier Nächte schlafen“ und hole sie vom Flughafen ab. Alex studiert Internationales Management und seitdem er in Dänemark lebt, bereist er tüchtig die Orte der europäischen „To-Do-Liste“. Paris fasziniert ihn. Er liebt die kulturelle Vielfalt und die beeindruckende Architektur. So machen wir gemeinsam einen Ausflug nach Versailles und schießen reichlich Fotos, so wie es sich für chinesische Touristen gehört. Am Abend bekomme ich ein vorzügliches Essen aus seinem Land serviert.

Vier Monate später besucht mich der Ägypter Mahmoud. Er hat mir eine direkte Couch-Anfrage geschrieben. Er lebt zur Zeit in Belgien und möchte gerne ein Wochenende in Paris verbringen. Wir treffen uns an einer Bahnstation, nicht weit weg von mir. Zwei Nächte haben wir arrangiert, dann geht sein Bus zurück nach Brüssel. Kurz nach seiner Ankunft fragt er mich, ob ich ein Problem damit habe, wenn er betet. Ich verneine es. So stellt er seinen Kompass in Richtung Mekka ein und führt sein Gebet aus, während ich nebenher mein Zimmer etwas aufräume. Ich zeige an dem Wochenende Mahmoud die klassischen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Wir besteigen den Triumphbogen, sowie den Eiffelturm in eisiger Kälte, entdecken enthusiastisch die ägyptische Ausstellung im Louvre und lassen uns von Luxus und Lifestyle in der Champs-Elysée inspirieren.

Mehr als nur Surfen oder Hosten
Es ist ein schönes Gefühl, zu wissen, dass ich in Peking und Kairo herzlich willkommen bin. Alex und Mahmoud haben mir viel von ihrer Heimat erzählt, sodass ich  Lust bekommen habe, einmal wirklich dorthin zu fahren.
Aber Couchsurfing bietet noch viel mehr an als den gegenseitigen Austausch in fremden Wohnungen. Für fast jeden Ort, wo Couchsurfer registriert sind, gibt es Foren, in denen man sich noch mehr vernetzen kann. Es finden regelmäßige Couchsurfing-Meetings statt. In Paris gibt es jeden Montag in einer ausgewählten Bar ein Pub-Quiz, bei dem das Sieger-Team eine Flasche Alkohol gewinnt. Die Leute kommen von überall, gesprochen wird überwiegend Englisch, es wird getrunken, geratet, gelacht und sich nett unterhalten. Aber auch Kochabende, private Geburtstagsparties, gemeinsames Sightseeing und Sprachtandem-Begegnungen ergänzen die Welt des Couchsurfings. Wenn ich ein Anliegen habe, mache ich mich bemerkbar. So suche ich im April Leute, die mich auf ein Konzert begleiten. Tatsächlich melden sich drei Couchsurfer, mit denen sofort die Handynummern ausgetauscht werden. Wir treffen uns vor Ort und verbringen einen ausgelassenen Abend zusammen. Dabei sehen wir uns das erste Mal im Leben.

Blindes Vertrauen?
Beim Couchsurfing geht es nicht um das Vertrauen, es geht um den eigenen Instinkt und die Erfahrung. Es besteht immer ein kleines Risiko ausgenutzt oder ausgeraubt zu werden. Ich kenne denjenigen nicht, der mein Zimmer als Hotel haben will. Aber man sollte sich die Profile der User stets genau durchlesen, um sicherzugehen. Haben sie von anderen Surfern Referenzen auf ihrer Seite, die positiv sind, dann kann man ihn ohne Bedenken einladen. Auch kann man sich mittels der Kreditkarte als seriöses Mitglied verifizieren lassen, was aber Geld kostet.
Eine derartige Prüfung lässt das Prinzip des Couchsurfens als ungefährlich erscheinen. Schwarze Schafe werden innerhalb der Community so schnell wie möglich ausfindig gemacht und die Informationen unter allen Usern verbreitet.
Soweit stellt das Netzwerk keine einfachere Methode des alternativen Reisens dar. Es ist und bleibt kostenlos.

(Text: Tom Pascheka)
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Über den Autor

Tom Pascheka
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