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Die Ursprünge des Nahostkonflikts

Eine Jahrzehnte alte Geschichte von Streit, Vertreibung und Feindseligkeit

Immer wieder flimmern über die weltweiten Bildschirme Bilder von palästinensischen Flüchtlingen, israelischen Soldaten an Grenzübergängen, vermummten Anhängern der radikal-islamischen Hamas und blutverschmierten Opfern von Selbstmordanschlägen. Doch was sehen wir da eigentlich?

nahostAls Nahostkonflikt wird der Konflikt um die Region Palästina bezeichnet. Es geht seit jeher um Territorium, Religion und Freiheit. Bereits in sechs Kriegen bekämpften sich das 1948 gegründete Israel und benachbarte arabische Staaten. Besonders stechen dabei die Kämpfe zwischen Israelis und Palästinensern hervor, die bis heute andauern.

Vom alten Rom ins neue Palästina
Die Wurzeln des Konfliktes gehen weit zurück, bis in die ersten beiden Jahrhunderte nach Christus. Rom war Besatzungsmacht und reagierte nicht zimperlich auf jüdische Aufstände in seinen Provinzen Judäa und Palästina. So kam es im Jahre 70 zur Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer und 65 Jahre später zum Ansiedlungsverbot für Juden in Palästina. Heimatlos verteilte sich die jüdische Bevölkerung in den folgenden Jahrhunderten auf ganz Europa.

Dort wurden die „Fremden“ mehrheitlich sozial und beruflich diskriminiert, ausgeschlossen und abgelehnt. Dies führte immer wieder zur Zerstörung der jüdischen Kultur und der massenhaften Vertreibung jüdischer Menschen. In ganz Europa. In Palästina hatten sich parallel dazu über Jahrhunderte hinweg Araber und der muslimische Glaube dauerhaft angesiedelt. Mit der französischen Revolution 1789 entflammte bei den Juden die Hoffnung auf Gleichstellung und Gleichbehandlung ihrer Kultur und Religion in den europäischen Nationalstaaten.
Dagegen richtete sich der moderne Antisemitismus, weit verbreitet über alle Länder Europas, von Spanien bis Russland. Überall gab es Pogrome und Vertreibungen. Seit 1860 existierte eine in Europa entstandene jüdische Nationalbewegung: der Zionismus und seine Weltorganisation WZO. Ihr Ziel war die Erschaffung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk, später wuchs daraus der Wunsch nach einem eigenen Staat.

nahost1Zwischen 1882 und 1914 kam es aufgrund von Pogromen und Vertreibung zu zwei großen Auswanderungswellen. Europäische Juden suchten und fanden eine neue bzw. alte Heimat in Palästina. Doch die ersten Probleme ließen nicht lange auf sich warten, denn das Land war nicht unbevölkert. Seit inzwischen Jahrhunderten siedelten und lebten hier Araber.

Die Juden bauten schnell einen regional neuen Wohlstand auf, ließen die arabische Bevölkerung allerdings nicht daran teilhaben. Auf deren Seite gab es Massenarbeitslosigkeit und dadurch eine wachsende Abneigung und Feindschaft gegen die jüdischen „Neulinge“. Die Folge: Auf beiden „Seiten“ entstanden zu dieser Zeit die ersten paramilitärischen Organisationen, zum Schutz gegen „die Anderen“.

Teilung nach Plan in Palästina
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Holocaust waren über sechs Millionen Juden in Europa ermordet worden, der Großteil der Hinterbliebenen suchte nun – mehr denn je – einen Zufluchtsort und ein Land, in dem er und sie leben konnten. Die gerade gegründeten Vereinten Nationen stellten für Palästina einen Teilungsplan auf, der einen arabischen und einen jüdischen Staat vorsah. Die jüdische Führung stimmte zu, die Araber lehnten ab.

Ein wichtiger Versuch der Koexistenz war somit im Keim erstickt und gescheitert. 1948 erklärte die provisorische jüdische Regierung die Gründung des Staates Israel und dessen Unabhängigkeit. In der arabischen Welt waren die Abneigung gegen Israel und die Ablehnung eines eigenen israelischen Staates bis dato immer größer geworden. Und so kam es in den folgenden Jahrzehnten immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen arabischen Staaten und Israel. Auch Konflikten zwischen den verschiedenen arabischen Ländern selbst waren nicht vermeidbar, da man sich nicht immer einig war, was die Behandlung Israels anging.
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Der Krieg – ein jahrzehntelanger Begleiter
Palästinakrieg 1948 bis 1949. Fünf arabische Staaten ziehen gegen Israel in den Krieg, mit dem Ziel „Ausrottung aller israelischen Juden“. Die Israelis können den Krieg für sich entscheiden und erobern einen Großteil der Gebiete, die den Palästinensern im Teilungsplan der Vereinten Nationen zugewiesen worden war.
Die Folge: Ein massives palästinensisches Flüchtlingsproblem, das bis heute andauert. Seit mehr als 60 Jahren leben Millionen Palästinenser in slum-artigen Zuständen in Flüchtlingslagern in arabischen Ländern. Ohne Hoffnung, ohne Heimat und voller Hass auf Israel. Aus arabischen Ländern wiederum werden in der Zeit der israelischen Staatsgründung tausende Juden vertrieben – ihr erster Zufluchtsort war der neue Staat und ihre neue Aufgabe dessen Aufbau.

1956 kommt es zur kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Israel und Ägypten, weil Israelis immer wieder vom ägyptischen Territorium angegriffen worden war. Großbritannien und Frankreich intervenierten und Israel ging auch hier als militärischer Sieger hervor. Die „Arabische Liga“, eine Verbund zwischen diversen arabischen Staaten, der nach dem zweiten Weltkrieg eigentlich als gegenseitiger Nichtangriffspakt gegründet worden war, entwickelte sich immer mehr zu einer Allianz bzw. einem Verteidigungspakt gegen Israel. 1967 kommt es zum Sechstagekrieg: Mehrere arabische Staaten marschierten gegen Israel.

Und wieder kann Israel seine militärische Stärke unter Beweis stellen. Die Sinai-Halbinseln, der Gazastreifen, Ost-Jerusalem und das Westjordanland werden von den Israelis erobert. Da laut UN-Sicherheitsrat der „Erwerb von Territorium durch Krieg“ verboten ist, gibt Israel die Sinai-Halbinsel schließlich zurück. Die anderen Gebiete allerdings nicht. 250 000 ansässige Araber werden vertrieben und das heutige Palästina systematisch jüdisch besiedelt. Auch das schürte die Feindseligkeit gegen Israel in der arabischen Welt, obwohl Israel von arabischer Seite aus angegriffen worden war.

nahost3Die 1964 gegründete palästinensische Befreiungsorganisation „PLO“, sie stellt die offizielle Vertretung des arabischen Volkes von Palästina dar, wurde zum erklärten Widersacher Israels. Anschläge, Entführungen westlicher Flugzeuge, die Ermordung jüdischer Sportler bei den olympischen Spielen 1972 in München. Momentaufnahmen des Nahostkonflikts. Terror, Tot und Tauziehen an den Seilen der Macht.

Immer wieder schalteten sich auch Staaten wie Russland und Amerika in die Konflikte ein. Immer wieder wirkten sich die Geschehnisse im Nahen Osten auf die ganze Welt aus. Immer wieder Zeichen der vorsichtigen Annäherung zwischen Israel und der arabischen Welt, immer wieder Explosionen sprichwörtlicher Pulverfässer. Die zwei „Intifadas“, palästinensische Aufstände gegen Israel im Jahr 1987 und 2000, zeigen deutlich, welche gewalttätige Kraft sich in den palästinensischen Flüchtlingslagern über Jahrzehnte hinweg entwickelt hat.
Ziviler Ungehorsam gegen die jüdischen „Unterdrücker“ mündete in Terror und Gewaltakten. Dabei ist festzuhalten, dass Israel klar der militärisch stärkere Gegner war und ist. Nicht ohne Grund nannte man die erste Intifada den „Krieg der Steine“ und nicht ohne Grund sprengen sich palästinensische Selbstmordtatentäter in israelischen Cafés in die Luft.

Doch welche Möglichkeiten bleiben Menschen, die ihr ganzes leben in unmenschlichen  Verhältnissen leben müssen, immer im Krieg – jeden Tag die unbedingte Bestärkung der Überzeugung, dass Israel der Feind ist, den es zu treffen gilt, wo immer es geht. Und welche andere Möglichkeit bleibt Israel, als sich zu verteidigen, als zu reagieren auf Terror und Bedrohung des eigenen Volkes. Im Westen das Mittelmeer, im Süden, Osten und Norden seit so vielen Jahren immer wieder Krieg.

Worum streitet man in Palästina eigentlich?
Einer der Hauptkonfliktpunkte stellt die Frage dar, wem welches Territorium gehören soll und wo welche Staatsgrenzen verlaufen. Israel pocht auf das 1947 von der Völkergemeinschaft zugestandene Recht der Staatsgründung auf zugewiesenen Gebieten. Plus die Bereiche, die man eroberte als man von arabischer Seite angegriffen wurde. Gebiete, die seither jüdisch besiedelt wurden. Siedlungen, die international als völkerrechtswidrig betrachtet werden, die von Israel militärisch umklammert und nach „außen“ hin vehement abgegrenzt werden.
Bei den Palästinensern kommt es bei dieser Frage oft zu Uneinigkeit. Die PLO strebt seit 1993 einen palästinensischen Staat auf dem Gebiet des gesamten Westjordanlandes, Gaza und Ost-Jerusalem an. Die Hamas, amtierende palästinensische Regierungspartei, hingegen fordert bislang ganz Israel als Staatsgebiet ein. Andere palästinensische Organisationen wie Fatah und Islamischer Dschihad sehen das genauso.

Besonders umstritten ist das Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge, die 1949 im Zuge der israelischen Staatsgründung ihre Heimat und ihr Eigentum verloren haben und seitdem nicht mehr zurückkehren durften. Inzwischen gibt es geschätzte sechs Millionen Nachkommen der damals Vertriebenen, so dass Israel sich einer Rückkehr verschließen muss. Aus Angst, der jüdisch dominierte Staat Israel würde seine Existenz verlieren. Beide Seiten wollen vor allem eines: Jerusalem. Die heilige Stadt, die für die Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam von so großer Bedeutung ist. Beide Gegnerseiten im Nahostkonflikt beanspruchen sie als Hauptstadt ihres Staates, doch nur von Israel ist sie annektiert. Es war deshalb schon immer auch ein religiöser Konflikt.

Zukunftsmusik in Palästina
Solange beide Seiten sich nicht einmal in den grundlegendsten Prinzipien der Behandlung der existierenden Probleme einig werden können, wird der Nahost-Konflikt weiterhin ein zäher, tränenreicher und blutiger Konflikt bleiben. Mit jedem Faktum, das zusätzlich vor Ort geschaffen wird, jedem Zwischenfall an israelischen Grenzposten, jedem gezielten Töten von palästinensischen Organisationsführern, jedem von Selbstmordattentätern in den Tod gerissenen Israeli, bekommt die Lösung des komplexen Gesamtkonflikts einen schmerzhaften Knüppel in die Beine geworfen.

Zusätzlich erschwert der beidseitige Anteil religiöser Extremisten, die eine für beide Anhänger akzeptable Lösung sogar bekämpfen, den Heilungsprozess. Langfristig muss es im Nahen Osten um einen Konsens und die Errichtung zweier gleichberechtigter Staaten nebeneinander gehen. Bis dahin wird Krieg jedoch ein stetiger Begleiter der Menschen bleiben, die dort leben. Für die einen mehr, für die anderen weniger.

(Text: Martin Kießling / Fotos: Eric Gusenda & Felix Syrovatka & Colin Lasser by jugendfotos.de)
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Über den Autor

Martin Kießling
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