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Die unsichtbare Hand des Marktes

Über die Allgegenwart der MĂ€rkte in modernen Gesellschaften

Verschwörungstheorien ĂŒber Banker, die USA oder schlechte Witze ĂŒber Merkozy gibt es viele. Doch, wenn es etwas gibt, das sich quer durch unsere alltĂ€glichsten Handlungen zieht, dann sind es die MĂ€rkte. back view tritt den Beweis an.



Böser Chef oder allgegenwÀrtiger Markt?

Jeder, der gelegentlich mit seinem Job hadert – und das dĂŒrften so einige sein – fragt sich sicher des Öfteren: „Warum um Gottes Willen stehe ich eigentlich jeden lieben Tag in aller FrĂŒhe auf, fahre zur ungeliebten Arbeit und lasse mich da auch noch schikanieren?“.  Der Schuldige scheint schnell gefunden: Der unerbittliche Chef.
Aber kann man wirklich alle Schuld fĂŒr den stressigen Alltag am Arbeitsplatz beim Leiter der kleinen IT-Firma, der Arztpraxis oder der VW-Abteilung abladen? Welche Alternative hat denn ein einzelner Unternehmer tatsĂ€chlich? Frei gestaltbare Arbeitszeiten fĂŒr alle? Eingehen auf individuelle Lebenssituationen wie Krankheiten Angehöriger oder Kinder?

Wer sich im globalen Wettlauf derartige SentimentalitĂ€ten erlaubt, der wird wohl schnell einpacken können. Wie heißt es doch: „Die Konkurrenz schlĂ€ft nicht!“. Wer ĂŒberleben möchte, der muss sich gegen die anderen Marktteilnehmer behaupten und das wiederum bedeutet Kosten minimieren und Arbeitsleistung maximieren um jeden Preis. Mag sein, dass der einzelne Unternehmer, der sich ĂŒber seinen „betriebsratsverseuchten“ Laden aufregt, nicht einer der sympathischsten Artgenossen ist, große HandlungsspielrĂ€ume bleiben ihm dennoch nicht.

Das (un)berĂŒhrte Privatleben
Jetzt kann man natĂŒrlich einwenden: „Wenn ich mich meine 40 Stunden in der Woche mit den Widrigkeiten des Wirtschaftslebens herumschlagen muss, so bleiben da doch immer noch die Wochenenden, die kulinarischen GenĂŒsse, die Freuden des Alltags.“

Wer Wirtschaft und Freizeit so einfach trennen kann, der pflanzt seine Melonen sicherlich im eigenen Obstgarten, hĂ€lt sich ein Rind und ein paar Schweine auf der Großstadtweide und grĂ€bt im heimischen Wald nach Coltan und anderen seltenen Rohstoffen, um sich daraus seine Home-Entertainmentzone zusammen zu löten. Tut er das nicht, so muss er das Geld, mit dem er diese Dinge kauft, wohl fĂŒr einen naturgegebenen Bestandteil unseres Universums halten. Ebenso wie die Tatsache, dass er bei dessen Verteilung ein Vielfaches dessen erhĂ€lt, was beispielsweise dem Kongolesen dafĂŒr zusteht, dass der fĂŒr ihn das Coltan ausbuddelt.

An diesem Punkt gibt sich der westliche, gutsituierte Akademiker allerdings noch nicht geschlagen. Jetzt holt er seine letzte Wunderwaffe zum Vorschein, mit der er all die verheerenden Folgen und ZwĂ€nge des freien Marktes unterwandern möchte und die nennt sich „nachhaltiger Konsum“. Der westliche WohlstandsbĂŒrger gibt sich selbstlos, rettet beim Bierkauf mit GĂŒnther Jauch den Regenwald, bezahlt bei seiner Tasse Iced Flavoured Latte noch ein paar Cent extra fĂŒr globale Hilfsprojekte und macht ganz nebenbei sein Eigenheim mit Bio-FlachsdĂ€mmung winterfest.

Dass der Fair Trade Kaffee in der Herstellung Berechnungen des Waterfootprint Network zufolge mit 140 Litern Wasser zu Buche schlĂ€gt – sei’s drum, und dass die Energieeinsparungen im eigenen Haus dem Kraftwerksbetreiber meiner Wahl jetzt als ĂŒberschĂŒssige, handelbare Emissionszertifikate zur VerfĂŒgung stehen – man kann ja nicht alles wissen.

Hier aber liegt genau das Problem bei der Vorstellung, man könnte sich als Konsument die Welt nach den eigenen Vorstellungen zu Recht kaufen. In Wirklichkeit sind die mit einer Markttransaktion verbundenen globalen Prozesse derart komplex, dass sie niemand wirklich durchschauen kann. So sind viele der eifrig propagierten Nachhaltigkeitsoffensiven, seien sie auch besser als untÀtig zu bleiben, im Kern wohl eher Ersatzhandlungen zur Wiederherstellung des reinen Gewissens einer Klientel, die es sich leisten kann.

Der Markt der GefĂŒhle
Wenn nun aber Arbeit und materielle VergnĂŒgungen nicht frei von wirtschaftlichen Verflechtungen sind, was bleibt dann ĂŒberhaupt noch? Sicher immer noch der intimste Bereich des Zwischenmenschlichen. Dinge wie Freundschaft oder Liebe, die haben doch beim besten Willen nichts mit MĂ€rkten und Ähnlichem zu tun.
Doch wem ist in letzter Zeit nicht schon einmal, vorzugsweise in GesprĂ€chen mit Medienschaffenden oder BWLern, der schöne Begriff „Networking“ begegnet? Networking ist spĂ€testens mit der flĂ€chendeckenden Nutzung sogenannter Social-Media-Anwendungen zu einer Art Volkssport avanciert und der Networker der Zukunft fĂ€ngt schon jung an zu microbloggen und „anzustubsen“, was das Zeug hĂ€lt.

Innerhalb der allgegenwÀrtigen Netze versteht sich der Einzelne jedoch zunehmend nicht mehr als souverÀnes Subjekt, dass seine Kontakte und deren Frequenz je nach eigenem Gusto bestimmen kann. Vielmehr wird er zum Getriebenen in virtuellen und realen SphÀren, immer bedacht, sich mit jedem, der ihm mal behilflich sein könnte zu vernetzen und so den eigenen Marktwert zu erhöhen. Das Wirtschaftliche hat lÀngst auch die privaten Beziehungen durchdrungen.

Das moderne Opfer
Ist schon auf individueller Ebene die Bilanz nach der Suche marktfreier Zonen ernĂŒchternd, so sieht es auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene noch dĂŒsterer aus.
Mitten in der Schuldenkrise, die in eine noch heftigere Bankenkrise umzukippen droht, zeigt sich, dass Marktversagen auch schnell mal zum Verlust der mĂŒhsam angehĂ€uften Ersparnisse fĂŒhren kann. In Griechenland ist man schon einen Schritt weiter, dort werden gerade das Solidarsystem und der öffentliche Sektor, die letzten DĂ€mme gegen die Allgegenwart der MĂ€rkte, zur „Beruhigung“ eben dieser geopfert.

Womit wir wieder bei der UnĂŒberschaubarkeit globaler Markttransaktionen wĂ€ren: Die doch durch menschliche Handlungen entstehenden Marktergebnisse erscheinen durch ihre KomplexitĂ€t als eine unberechenbare Naturgewalt, eine göttliche Macht, die man höchstens noch durch Opfergaben besĂ€nftigen kann.

Und sollte die Opferung der solidarischen Errungenschaften der Moderne die erhabene Gottheit noch nicht zu GenĂŒge besĂ€nftigt haben, so sind auf globaler Ebene die als nĂ€chstes zu opfernden SĂŒndenböcke schnell ausgemacht: Bankster, die bösen Ratingagenturen und die „Pleitegriechen“. Diese Deutungsmuster passen auch den Regierungschefs gut. Solange man alle Krisen personalisiert, muss man sich mit Forderungen nach VerĂ€nderungen des der Krise zugrunde liegenden Wirtschaftssystems nicht weiter befassen. Dass NebensĂ€chlichkeiten wie das Aufhalten der KlimaerwĂ€rmung und Naturschutz bei den angestrebten marktkonformen Krisenstrategien ganz schlecht in die Rechnung passen, dĂŒrfte wohl jedem klar sein.

Ich denke also, man kann mit recht sagen: Wenn etwas derzeit Alltag und Politik hierzulande wie auch ĂŒberall sonst entscheidend lenkt, dann sind es MĂ€rkte.

(Text: Conrad Neumann)
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