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Die Spielwiesen des jungen ZDF

Die Spartenkanäle ZDFneo und kultur

Sex, Gefahr, Klamauk. Die jungen Spartenkanäle des ZDF bieten viele neue TV-Formate mit oftmals diesen Inhalten. Das widerspricht dem seriösen Image des Muttersenders und kommt nicht bei allen gut an, ist aber eines: mutig. back view hat sich an eine Übersicht gewagt, welche Moderatoren und Sendungen im Programm von ZDFneo und ZDF:kultur das Zeug zur Kultsendung haben.

Das wohl bekannteste Showformat der jungen Spartenkanäle zdf_neo und zdf.kultur, deren Eigenschreibweisen bereits Bezug auf ihre junge internet-affine Zielgruppe nehmen, ist wohl neoParadise. In Wohnzimmeratmosphäre begrüßen die beiden Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, die ihre komplizierten Namen nicht selten auf Schildern um den Hals tragen, ihre Gäste und präsentieren Beiträge.

Rasant verbreitete sich neoParadise zur neuen Kultsendung im Öffentlich-Rechtlichen TV für die junge Zielgruppe. An den Videos von Joko Winterscheidt, der von einem Eishockeyprofi umgerammt wird, und von Palina Rojinski, die bei der Echo-Verleihung Promi-Spucke sammelte kam man Dank viraler Verbreitung kaum vorbei.

Bargespräche und Schrankkonzerte
Bei neoParadise werden Interviews an einer Bar geführt und die Auftritte der Bands finden im Wandschrank statt. Alles ist irgendwie ein bisschen schräg und unkonventionell. Neu und erfrischend finden das die einen, überdreht und niveaulos die anderen.

Tatsächlich besteht ein Großteil der Show aus spielerischen Wettbewerben zwischen Joko und Klaas, die nicht selten an pubertäres Kräftemessen und jugendliche Mutproben erinnern. Bei Spielen wie „Wenn ich Sie wäre“ und „Bis einer heult“ , wird getestet, wer es schafft, Poledance an der U-Bahn-Stange aufzuführen, mit aufgelegten Brustimplantaten beim Bäcker einzukaufen oder sich in einer ehemaligen Lungenheilanstalt nicht zu gruseln..

Flache Gags wechseln sich ab mit klugen satirischen Pointen zum tagesaktuellen Zeitgeschehen. Vielleicht ist gerade dies das Erfolgsrezept der Show. In eine Richtung lassen sich die Herren Winterscheidt und Heufer-Umlauf jedenfalls nicht drängen.

Das ZDF will Neues ausprobieren
Doch Mühe gibt sich der ZDF-Spartensender bei der Programmgestaltung offensichtlich. So strahlt neo unter dem Titel „TV Lab“ im wöchtentlichen Wechsel Sendungen aus, die erst einmal als Experiment anlaufen. Was erfolgreich ist, wird danach ins reguläre Programm übernommen. Wie zum Beispiel die Sendung, durch die eine andere Ex-Musiksender-Moderatorin führt. Sarah Kuttner moderiert auf ZDFneo das „Großstadtmagazin“ Bambule, das nach Senderangaben das „Lebensgefühl der 30-40-Jährigen“ widerspiegeln solle.

Dem Eindruck, dass das Magazin seine Zuschauer größtenteils aus dem Kreis der ewig junggebliebenen Berliner Großstadthipster rekrutiert, kann man sich daher auch kaum erwehren. Darüber, ob man solch eine Sendung braucht, lässt sich natürlich streiten. Die offen gehaltenen Themen der Sendungen wie Glück, Ernährung und Glaube erlauben es Kuttner aber, eine große Menge an prominenten Gesprächspartner einladen zu können und sprechen viele Zuschauer persönlich an.

Doch ZDFneo ist nicht nur Klamauk, wie die Reportagereihe „Wild Germany“ beweist. Moderator Manuel Möglich porträtiert in dieser Reihe gesellschaftliche Gruppe, die extreme und oft wenig bekannte Aktivitäten zu ihrem Lebensstil erkoren haben. Das Filmteam war so unter anderem in der Hacker- oder Satanistenszene unterwegs oder porträtierte Menschen, die von BIID betroffen sind, und beispielsweise den Wunsch haben, sich Körperteile amputieren zu lassen. Oft entsteht der Eindruck von improvisierten Sendungen, bei denen die Moderatoren und das Team die Sendung oder die Beiträge aus dem Stehgreif entstehen lassen

Das Zauberwort lautet Improvisation
Diesen Eindruck hat man auch bei Charlotte Roche und Jan Böhmermann auf dem anderen ZDF-Spartenkanal zdf.kultur. Abgesehen von Konzert und Festivalmitschnitten, die der Sender im Programm hat, mausert sich die Talkshow „Roche & Böhmermann“ zum Quotenliebling der jüngeren Zielgruppe. Schon vor der Ausstrahlung der Gesprächssendung im März sorgte ihr Konzept für Furore. Eine Talk-Show im Stil der Sechziger und Siebziger Jahre. In einem halb abgedunkelten Studio, an einem runden Tisch, mit Stabmikrofonen darauf. Und: Rauchen und Trinken sollte erlaubt sein – und zwar nur Wasser oder Whiskey.

Dabei könnten die Gäste nicht zusammengewürftelter sein. Sie haben oft rein gar nichts gemeinsam und kennen sich noch nicht einmal gegenseitig. Bei Roche & Böhmermann treffen Rapper Sido und Runwaycoach Jorge Gonzales aufeinander und während Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar versucht das Niveau zu heben, senkt es Erotikmodel und Dschungelcampteilnehmerin Micaela Schäfer wieder merklich.

Nicht selten begegnet man dort aber auch anderen jungen ZDF-Moderationsgesichtern. Denn die neo-und-kultur-Clique lädt sich auch gegenseitig in ihre jeweiligen Fernsehwohnzimmer ein. Hier prallen Welten aufeinander. Roche und Böhmermann ist wie ein Abend unter flüchtigen Bekannten. Anfangs weiß keiner so recht, worüber man reden soll und im Nachhinein ist man erstaunt, wie man zu so manchen – oft intimen – Gesprächsthemen gekommen ist.

Alles ist erlaubt
Kann das funktionieren? Das kann es offensichtlich. Auch, wenn die öffentliche Meinung über die Show gespalten ist, die Sendung ist Gesprächsthema. Wenn Jan Böhmermann (zumindest vorgibt), eine der hübsch angerichteten Viagratabletten während der Sendung einzunehmen und Charlotte Roche den Musiker Max Herre offen fragt, ob er für seine alten, ihrer Meinung nach besseren Texte einen Ghostwriter engagiert habe, ist das journalistisch hächst fragwürdig, aber trotzdem unterhaltsam.

Als Zuschauer hat man den Eindruck, diese beiden erlauben sich auf Sendung alles – und kommen damit durch. So wurde auch gegen die Forderung, das Rauchen während der Sendung müsse verboten werden, gekontert, der Show könne der verfassungsrechtlich garantierte Schutz der Kunstfreiheit zuteil werden, wie Böhmermann in der Sendung nicht ohne triumphalen Gesichtausdruck verlies.

Doch auch, wer mit dem teils pubertären Humor unter der Gürtellinie nichts anfangen kann, muss den jungen ZDF-Showformaten eines zugestehen: den Mut zu Experimentieren. Und eine kleine Prise von diesem frischen Wind würde auch so manch eingestaubter ZDF-Sendung guttun.

(Text: Julia Radgen / Foto: Sebastian Schütz by jugendfotos.de)
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Über den Autor

Julia Radgen
Ressortleiterin Gesellschaft

Julia Radgen lebt in Mainz und schreibt am liebsten über Kultur- und Gesellschaftsthemen - und interessante Menschen. Sie ist Social Media-süchtig und verzichtet nur freiwillig auf Internet und Handy, wenn sie zu einem Festival fährt. Wenn sie groß ist, will Julia mal Journalistin werden.

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