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Die schönsten Franzosen kommen direkt ins Ohr

Die Franzosen erobern Berlin – Ein Plädoyer für Audioguides in Museen

Es gibt verschiedene Arten Kunst zu rezipieren. Es gibt Besuchertyp 1, den verbissenen Analytiker: Minutenlang steht er stumm und gebannt vor einem Gemälde, unfähig den Blick abzuwenden. Sogleich wird die Bildkomposition erfasst, werden die Fluchtpunkte ausfindig gemacht, über Technik und verwandtes Material gerätselt. Nachmalen im Geiste. Typ 2, der versunkene Genießer, staunt nur. Zu schön, zu groß, zu genial ist das Werk, als dass man es wagen könnte, das Gesehene in Worte zu fassen. Und dann gibt es Typ 3, den lautstarken Gelehrten, der stets in der Gruppe auftritt. Wild gestikulierend zeigt man hier, dass man kennt was man sieht. Da wird nicht nur das Bild, sondern die gesamte Biographie des ausstellenden Künstlers vor den mehr oder weniger freiwilligen Zuhörern kommentiert. In diesem Fall kann man interessiert lauschen, genervt das Weite suchen, oder, für die ganz Fiesen, dem Museumsaufseher ein dezentes Zeichen geben – schon herrscht Stille.

Für den sensiblen Besuchertyp 2 wartet die Ausstellung „Die schönsten Franzosen kommen aus New York“, in der Neuen Nationalgalerie Berlin mit einer Besonderheit auf. Denn wo Typ 1 und 3 alle Details der französischen Kunst des 19. Jahrhunderts sofort erkennen und benennen, fehlen dem Genießer oft die Worte. Gut wenn er dann jemanden hat, der ihn diskret über das Werk, den Künstler und seinen Stil informiert. Der Mann im Ohr, den man sich in der Neuen Nationalgalerie in Audioform ausleihen kann, heißt Otto Sander. Mit angenehm ruhiger Stimme kommentiert der deutsche Schauspieler etliche der 150 Leihgaben aus dem New Yorker Metropolitan Museum of Art.

Die Kopfhörer sanft ans Ohr gepresst bahnt man sich träumerisch den Weg vorbei am gradlinigen Besuchertyp 1 und überhört selig den lärmenden Typ 3. Mit Hilfe des Audioguides ist man für sich, aber nicht allein. Je nach Bildnummer kann man die Erklärung hinzuziehen oder bei Belieben stoppen, im Abspann lauscht man der passenden klassischen Musik. Dennoch ersetzt Otto Sander nicht des Betrachters Fantasie, oder raubt gar den Zauber des eigenen Entdeckens. Nein, er zeigt auf, was vielleicht in der Ablenkung durch zehn andere Betrachter verloren geht – er hilft sehen.

Der erfahrene, stets mit Audiogerät bewaffnete Museumsbesucher kann an dieser Stelle die Besonderheit nicht erkennen? Richtig. Besonders sind die Aufnahmen die diesmal auch speziell für Kinder von 5 – 12 Jahren gemacht wurden. Henri, der patriotische Franzose,  – „Bonjour, mon ami, je suis Henri – isch bin Henri!“ – führt die jungen Museumsbesucher zu einigen ausgewählten Werken. Erst wird die dargestellte Szenerie mit verschiedenen Figuren dramaturgisch nachgespielt, dann schaltet sich Henri mit liebenswertem französischem Akzent ein und bringt die kleinen Details zum Vorschein.
Es lohnt sich also die Kunst einmal mit Kinderaugen zu sehen, beim ersten Lacher über die animierten Leinwandhelden fühlt man sich noch ertappt, doch schon nach dem Zweiten besteht akute Suchtgefahr. Zum Schluss verlässt man das Museum feixend und ist außer Stande ein „ch“ zu sprechen. Französisierung der besonderen Art.

Otto Sander und Henri – und natürlich Monet, Delacroix, Gauguin, Renoir, Rodin und vielen anderen kann man vom 1. Juni bis 7. Oktober in einer europaweit einzigartigen Zusammenstellung begegnen. Wer an dieser Stelle Informationen zu den Werken vermisst, beklagt sich zu Recht. Dennoch: Über Kunst zu lesen ersetzt keinen Besuch. Man sollte sie mit eigenen Augen sehen, das zumindest kann keine Beschreibung leisten. Alle Werke dieser Ausstellung sind sehens-, erfahrens- und genießenswert, jeder Besuchertyp wird vom Klassizismus bis hin zum Neoimpressionismus verwöhnt. Und doch: Den für mich schönsten Franzosen gibt es gratis auf die Ohren. (Text: Kristina Hellhake)

Französische Meisterwerke des 19. Jahrhunderts aus der Sammlung des Metropolitan Museum of Art New York zu Gast in Berlin (1. Juni – 7. Oktober)

Öffnungszeiten
Di, Mi 10 – 18 Uhr
Do 10 – 22 Uhr
Fr – So 10 – 20 Uhr
Earlybird: Di – Fr 8:00 bis 8:30 Uhr (Einlass nur mit vorab gebuchtem Online-Ticket)Infoline
Tel +49 (0)180 – 54 100
(0,14 €/Min. aus dem Festnetz der Deutschen Telekom)Preise
Di – Fr 10 Euro / 5 Euro
Sa – So 12 Euro / 6 Euro

(Text: Kristina Hellhake)


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Über den Autor

Kristina Hellhake
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